Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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40 auftreten, so geschieht daß im allgemeinen in durchaus vornehmen formen. Jedenfalls kann das von den Mehrheitssozialisten und den deutschen Demokraten gesagt werden. Eine unrühmliche Ausnahme bilden in jeder Weise die D e u t s ch n a t i o n a l e n, die in ihren Versammlungen in gehässiger Weise das alte Parteigezänk, das Deutschland jahrzehntelang so zerklüftet hat, wieder aufleben lassen. Wie in den Zeiten des Hospredigers Stöcker und des Grafen Pückler arbeiten sie mit den plumpsten Methoden des Antisemitismus. Nicht nur den Klassenhaß schüren sie, sondern auch den Rassenhaß, und dabei besitzen sie die Dreistigkeit zu behaupten, ihr Ziel sei die Einigkeit des Reiches. In der Teutschnationalen Partei, für die an hervorragender Stelle der bekannte mecklenburgische Großagrarier und frühere Reichstagsabgeordnete v. Graefe kandidiert, lebt völlig unverwisckt der Geist der alten konservativen Partei, die mit ihrer Kriegspolitik und ihrer kurzsichtigen volksfeindlichen inneren Politik die Hauptschuld an unserem Zusammenbruch trägt. Um diese schwere Schuld in den Auaen der Bevölkerung möglichst zu verbergen, greifen sie zu dem widerlichen Mittel der antisemitischen Rassenhetze. * Sehr erfreulich ist. daß und wie die Juden selbst ihren Standpunkt wahren. So lesen wir in der ..Kölnischen Zeitung": Die deutschen Juden und die Rationalv e r s a m m l u n g. In einer längeren Zuschrift untersucht Rechtsanwalt Adolf Alsberg in Köln die Stellung, die die deutschen Juden im Wahlkampf einnehmen sollten. In den Mittelpunkt seiner Betrachtung rückt er den Antisemitismus, der naturgemäß den Juden bei der Wahl der Partei, der er sich anschließt, beeinflussen umß, und kennzeichnet dann die Stelluna, die die Juden zu den unser politisches Dasein umgestaltenden Tagesrragen einnehmen oder nach seiner Ansicht einnehmen sollten, folgendermaßen: Der Jude ist seiner Natur nach eher konservativ als radikal gesinnt: der deutsche Jude hat eine starke Liebe zu dem Lande, in dem er seit zweitausend Jahren Bürgerrecht erworben und mit dem er durch gemeinschaftliche Sprache, Neckst itnb Kultur nnlösJch verbunden ist. freilich bat man in Deutschland versucht, ihm diese Liebe ans^utreiben. Troßdem ist es aufs schärfste zu verurteilen, wenn sich die Juden durch das Unrecht, das ihnen zweifellos, ob mit oder ohne Schuld der bisherigen Regierung, zugefügt worden ist. in das radikale Lager treiben lasten. Eine Berärgermmsvolitik kann niemals m einem guten Ende führen, da sie ihrem Wesen nach verneinend ist. während in der Politik wie überall nur das Bejahende Werte schaffen kann. Widersvrochen werden muH allerdings der Ansicht vieler, auch nicht antisemitisch gesinnter Deutschen, daß das Verhalten sämtlicher Inden, soweit sie radikal sind, aus Opvositionslnst entsvrange sowie der haltlosen Verdächtigung, daß die Juden ans Persönlichem Ehrgeiz sich büufia den radikalen Parteien zuwendeten. Wäre letzteres wirklich der Fall. so läge doch die Schuld bei den Parteien, die die Inden zurückstoßen, nicht bei diesen. Glaubt man denn im Ernst, daß die Juden, denen ihre schärfsten Gegner eine gute Ausiassungsgabe für das Wesentliche, wie Energie und spleiß im Schassen, nicht absvrechen, nicht fähig seien, positive aufhauende Arbeit zu leisten? Jüdische Gelehrte, Aerzte und Kanfleute beweisen täglich das Gegenteil. Die Gründe für den Radikalismus mancher, nicht aller Juden liegen auf einem anderen Gebiete. Es ist oben bereits ausgesprochen und braucht nickst näher erörtert zu werden, daß den Juden bisher in Deutschland vielfach großes Unrecht geschehen ist. Da kann es nicht wundernehmen, daß manche von ihnen, mag man sie nun Idealisten oder Ideologen nennen, sich auf die Seite derer geschlagen haben, die sich ebenfalls als unterdrückt und entrechtet betrachtet haben, was sie ja im gewissen Sinne zu gewissen Zeiten auch waren. Auch der Judengegner wird nicht leugnen können, daß den Juden ein starkes Mitgefühl für die Not anderer innewohnt. Aber es mutz auch gesagt werden, daß solche Ausflüsse eines verständlichen, wenn auch letzten Endes unberechtigten Idealismus nur bei einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Juden die Triebfeder ihrer radikalen Gesinnung war und ist. Allen Juden aber, die nicht aus diesem Grunde die gekennzeichnete Politik treiben, und das ist die überragende Mehrheit, muß nachdrücklich ihre Pflicht zugerufen werden, diejenigen Anschauungen, die sie unbeeinflußt von Verärgerung als -die richtige erkennen, im politischen Leben zu vertreten. Ebenso nachdrücklich aber muß von den übrigen Deutschen verlangt werden, daß sie zu erkennen suchen, ob bei genauer Prüfung ihrer jüdischen Mitbürger diese fähig sind, am Neubau unseres Reiches tätig mitzuwirken. Sie werden dann einseh en, daß bei würdiger Behandlung des jüdischen Volksteils diesem durchaus die Kräfte und der Wille innewohnen, die geeignet sind, sie zu tätigen Mitarbeitern an dem großen Erneuerungswerke zu machen, das dem deutschen Volke obliegt, wenn anders es aus dem Stande tiefster Erniedrigung sich wieder erheben soll. Heute oder nie ist der Zeitpunkt gekommen, in dem das gesamte deutsche Bürgertum einig zusammenstehen muß, in dem es alles vergessen muß, wodurch es getrennt war. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da. Nur durch tätige Liebe kann das neue Reich geschaffen werden, nach dem sich jeder Deutsche sehnt und sehnen muß. Freilich muß sich diese Liebe verbinden mit der entschiedenen Stellungnahme für diejenigen politischen Ansichten, die man nach sorgfältiger Prüfung als die richtigen erkennt. Nichts ist in Weltanschauungsfragen so gefährlich, weil in sich widerspruchsvoll, wie Konrpromisse. Die Frage aber, ob wir eine demokratisch-sozialistische, vielleicht gar komnmnistische oder eine liberal - individualistische Gemeinschaft haben werden, ist eine Weltanschauungsfrage in stärkstem Maße. Das Bürgertum in seiner überwiegenden Mehrheit steht dank der Eigenart deutscher Denkweise auf dem Standpunkt der Freiheit der Persönlichkeit, des Liberalismus. In wenigen Tagen wird über sein Schicksal entschieden. Will es, daß in seinen: Sinne entschieden wird, dann muß sich jeder Bürger der Partei anschließen, von der er nicht nach den papiernen Programmpunkten, wohl aber nach den Persönlichkeiten, von der sie geführt wird, annehmen darf, daß sie die Interessen und Ideale des deutschen Bürgertums, nicht zum mindesten auch nach der nationalen und liberalen Seite hin, restlos vertreten wird. * Herr Rabbiner Dr. Samuel in Essen schrieb uns vor längerer Zeit (der Brief war ursprünglich für Nummer 2 bestimmt, kann aber erst jetzt nachgetragen werden): Ter Nationale Verein für den Wahlkreis Essen hatte vor den: Kriege Inden der erster: Gesellschaftsklasse zu Mitgliedern, nicht viele, aber sehr angesehene. Man stellte rechtsnationalliberale Du-rchfallskandidaten auf, wie Krupp, Viktor Niemeyer u. a.: in: Wahlkampfe hielt num auf reinliche Scheidung gegenüber den in Essen wtnzig e n antisemitischen Grüppchen. Seit den Revolutionstagen gärt es in: Nationalen Verein mächtig; nachdem alles in der Demokratischen oder Sozialdemokratischen, oder Zentrumspartei Zuflucht gesucht hat, siebt man sich isoliert und möchte doch nacht ganz zur Bedeutungslosigkeit herabsinken. Da versuchten es einige alldeutsche, schwer verärgerte Elemente mit der antisemitischen Note; die Parole fing man von Berlin*auf. In einer Vertrauensmännerversammlung wurde gegen das „Berliner Tagebtn.tt" und die „Frankfurter Ztg." gelvettert, und ein Heißsporn (Herr Jordan von der Firma Krupp) verflieg sich soweit, z:r erklären: man könne sich selbst über Judenpogrome in Deutschland nicht wundern. Die noch kn Nationalen Verein verblichenen Juden setzten sich kräftig zur Wehr; es gab scharfe Anbeinandersetzungen hinter den Kulissen, und der Vorstand des Nationalen Vereins lenkte ein. Die Hauptversammlung (au: . 16. Dezember) verlief friedlich; die maßgebenden Kreise hatten die Losung ausgegeben, sogar das Wort „Jude" zu vermeiden, objektiv und vornehm zu bleiben, und die jüdischen Mitglieder nicht zu brüskieren. An: Morgen des Tages ließ ich den Artikel erscheinen; er hatte die gute Wirkung, daß der 1. Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Kempkes, den Verein bei Eröffnung der Versammlung -gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigte. * Der oben angeführte Artikel „Revolutionäres Judentum" hat folgenden Wortlaut: Der Nationale Verein für den Wahlkreis Essen wehrt sich mit aller Kraft gegen eine Verschmelzung mit der Demokratischen oder gar Sozialdemokratischen Partei. Das ist sein gutes Recht. Aber die Bürger jüdischen Glaubens haben alle Ursache, die Gründe zu beleuchten und den Nationalen Bereu: als das zu kennzeichnen, was er .ortan sein will, ein Unterschlupf für die rückständigste Bewegung uv. Reiche, die antisemitische. Tenn was heißt es anders, wem: er sich verschwört, der geistigen Leitung des „Berliner Tageblattes" und der „Frankfurter Zeitung" (eine dritte, „Die Welt am Montag", ist nur' mit einem Siebentel belastet) nimmermehr folgen zu können! Was sollen die versteckten Andeutungen? In der vorwochigen Vertrauens-