Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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39 Gemeindeleben infolge der Opferwilligkeit seiner Mitglieder trotz staatlicher Benachteiligung des Judentums gegenüber den christlichen Bekenntnissen in hoher Blüte, so wird dies erst recht der Fall sein, wenn der Staat in Zukunft alle Bekenntnisse gleich behandelt. Es wird dann auch auf diesem Gebiete eine der Grundforderungen des Judentums verwirklicht, nämlich die Gerechtigkeit. Dir Woche. Berlin, 28. Januar 1919. ie Wahlen zur Deuts ch e n N a tio nalversamm - lang sind in Deutschland in völliger Ruhe verlaufen. Ihr Resultat entsprach im ganzen ^den Vorhersagungen, wenn sich auch manches Unvorhergesehene dabei ereignete. Die sozial-, demokratischen Parteien, die gemäßigten und unabhängigen, haben von den 421 Sitzen nur 188 errungen, besitzen also nicht die Majorität; das Zentrum und die Deutsche demokratische Partei stehen sich ungefähr gleich. Sie zählen 88 bzw. 77 Stimmen. Die kleineren Parteien haben es nur auf je 20 Stimmen gebracht. Für uns ist das Erfreuliche daran, daß die Deutschnationale Partei (antisemitisch-konservative) so klein ist, daß sie absolut keine Wirkung üben kann, und daß diejenigen Parteien, die für die Gleichberechtigung der Juden eintreten, zu denen man auch im großen und ganzen das Zentrum rechnen muß, eine erdrückende Majorität besitzen, so daß jede Beschränkung der Rechte der Juden durch diese Versammlung als völlig ausgeschlossen erscheint. Hoffen wir, daß ihr Wirken —- sie soll in Weimar ihren Sitz nehmen ein segensreiches für Deutschland und für die Juden werden möge! Dieser Natio-nalversamm'lung wird eine von Hugo Preuß entworfene Verfassung vorgelegt werden, deren für uns wichtigster Paragraph solgendermaß-n lautet: „Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit, die freie Ausübung gottesdienstlicher Handlungen ist innerhalb der schranken und der öffentlichen Ordnung gewährleistet. Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit gezwungen werden. Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Ueberzengung oder seine Zugehörigkeit zu einer Neligionsgemeinschast zu offenbaren. Die Behörden haben nicht das Recht, danach zu fragen. Jede Religionsgesellschaft ordnet und. verwaltet ihre Angelegenheit selbständig, ist aber den allgemeinen Gesetzen unterworfen. Keine Religionsgesellschaft genießt vor anderen Vorrechte durch den Staat, lieber die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche wird ein Reichsgesetz Grundsätze aufstellen, deren Durchführung Sache der deutschen Freistaaten ist. Ob dieser Paragraph bei den Beratungen so, wie er jetzt lautet, -bestehen bleiben wird oder ob er nicht, wie viele andere Abschnitte des Entwurfs, manchen A-enderungen unterworfen wird, läßt sich einstweilen nicht sagen. Wir werden gerade die Beratungen über diesen Punkt mit Aufmerksamkeit verfolgen. Wird er angenommen, so bereiten sich durchgreifende Aenderungen in unserem gesamten Gemeindeleben vor, die lins vor ganz neue Ausgaben stellen und eine wesentlich andere Gestaltung in der inneren Organisation zur Folge haben werden und müssen. Unterdessen haben am 26. Januar die Wahlen zur preußischen Nationalversammlung stattg-efunden. Ueber ihr Resultat ist einstweilen noch zu wenig bekannt, als daß man ganz Bestimmtes sagen könnte: Ohne Prophet zu sein, darf man aber wohl behaupten, da das Wahlrecht zu beiden Versammlungen das völlig gleiche ist, daß auch die Parteiverhältnisse im ganzen die gleichen sein werden. Wir werden später, wenn die Listen vollständig vorliegen, eine Zusammenstellung der jüdischen Abgeordneten geben und versuchen, ihre Biographien und Bilder zu bringen, soweit dies bisher noch nicht geschehen ist. Schon jetzt kann man behaupten, daß die Zahl der jüdischen Abgeordneten keine übermäßig große sein wird, und man wird es sowohl der Sozialdemokratischen wie der Deutschdemokratischen Partei zum Verdienste anrechnen, daß sie sich in der Aufstellung jüdischer Kandidaten beschränkt haben und so dem Vorwurf entgegengetreten sind, als setzten sich beide Parteien ausschließlich aus Juden zusammen. * Bei Gelegenheit der Wahlen ist von den Antisemiten weiter mit Hochdruck gearbeitet worden. Ein Zeugnis dafür ist folgendes höchst widrige Flugblatt. Es hat keinen Wert, um Dinge, die sind, Hern inzureden: Es ist feige daher und-entsch , Tatsachen ausznweichen, die täglich frecher sich zeigen: Der Bol s ch e w i * m n s t ft der n e u e st e T r u ut p f d e r I u d e n. Spartacns ist nichts weiter als der Jndastnst, den die als Schnorrer zu uns gekommenen Hebräer dem christlichen deutschen Volke um fremdes Geld aufdrückten! Ihren Moderaten fügten die Juden aller Branchen die holde Zunft der Marodeure, Zuhälter und des Berliner Pöbels hinzu,.um ihre brutale, stant- und kirchenfeindliche jüdische Gewaltherrschaft auf den Trümmern friedlicher deutscher Heimstätten aufzubüuen! Wie lange soll da s T r e i b e n n o ch ange h e n? Hat das verratene, aus unzähligen Wunden blutende und von außen und innen mehr denn je bedrohte Deutschland noch nicht genug gelitten? Wollen wir, die wir alles, alle>7 opferten, uns noch in den Bürgerkrieg hetzen lassen, uns zerfleischen, während das Volk Israel unsere heiligsten Werte schamlos mit Füßen tritt? B o l s ch e w i s rn u s ist di e n e u e st e F a b r i t m a r t e f ü r I li d a i s m u s. Das merkt euch, t>eut]d)e Männer und Frauen, in Stadt und Land! Es hat keinen Wert, um Dinge, .die sind, herumzureden! Wache auf, d e u t s ch e E h r i st e n h e i t' S ch ü tz e d e i n e H e i l i g t u nt e r! * Wie von manchen Geistlichen gearbeitet wird, lehrt folgende Mitteilimg des „Berliner Tageblattes": % ntisemitis ch e H e tz e in d e r K o n v i r m a t i o n * st u n d e. Ans T e m p e l h o f wird uns geschrieben: „Es ist leider eine allzu bekannte Tatsache, daß bei der Wahlagitation oft Mittel und Mittelchen augewendet werden, die einem ehrlichen Wahlkampf geradezu Hohn sprechen. Einzig in seiner Art wird es aber dastehen, daß auch die K o n f i r m a t i o n s ft u n d e f ü r j u n g e M ü d ch e n als V erteil u n g s st e l t e f ü r v e r - l) e tz e n d e Flugblätter benutzt wird. In T e m pelhos hat der erste Geistliche der Glaubenstirche, Pfarrer Pfeiffer, in der Konfirmationsstunde an die seiner kirchlichen Obhut anvertrauten jungen Mädchen das „d e u t s ch n a t i o n a l e" a n t i s e m i t i s ch e B i l d e r f l u g b I a 11 ausgegeben: dasselbe Flugblatt, in dem die Deutsche demokratische Partei und die Sozialdemokratische Partei in unflätigen Bildern in einen scharfen Gegensatz zu den sogeuannteit „nationalen" Parteien gestellt werden. Abgesehen davon, daß es au sich schon im Parteitampf recht wenig geschmackvoll erscheint, mit solchen Mitteln zu arbeiten, kann man sich nicht genug darüber wundern, daß es ein Geistlicher über sich gewinnt, die K o n f i r m a - t i o n s st u n d e dazu zu m ißbr a u ch e n , derart s ch nt u tz i g e Flugblätter zu verteilen. Diese Art der politischen Tätigkeit des Herrn Pfarrers Pfeif'er, dessen politische Anschauung niemanden interessiert, muß das Vertrauen der seiner kirchlichen Fürsorge anvertranten Gemeinde von Tempelhof aufs tiefste erschüttern." * Sehr Lehrreich in dieser Beziehung ist auch nachstehender Artikel der „Frankfurter Zeitung": K v n s e r v a t i v e K a m p s m e thod e n. ft. Berlin, 15 Januar. Wie draußen im Reiche, so sind auch in Berlin die W a h l v o r b e reit it tt g c n und die W a h l a r b eite n im vollen Gange. Täglich finden große Versammlungen statt, in denen die Programme der Parteien entwickelt werden. Man muß mit Genugtuung feststellen, daß der Wahlkampf int allgemeinen sachlich und ruhig geführt wird und daß die grundsätzlichen Fragen dabei im Vordergründe stehen. Auch wenn Gegner in Versammlungen