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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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36 fein, wo zwei Engel neben ihr hergehen werden, der eine, blutige Tränen vergießend, der andere himmlrsche Hoffnung ihr einflößend, von ihrem kleinen Kinde droben empfangen und freudig begrüßt. 22. Es war bereits nach Mitternacht, als Chaje Rachel noch immer vor der Haustür stand, den Kopf mit einem dicken Tuch umwickelt, um sich vor der kalten Nachtluft zu fchützen. So oft ein verspäteter Fußgänger um die Ecke bog, lief sie die drei Steinstufen hinunter, beugte, den dünnen Hals lauschend vor und versuchte das nächtliche Dunkel mit ihren brennenden Augen zu durchdringen, um aber jddesmal enttäuscht, unverständliche Worte vor sich hin zu murmeln und sich noch fester in das Tuch zu hüllen. Einmal stieß sie einen schwachen Freudenruf aus, als ein jchwerfälliger Wagen heranrasselte, um aber nur das Schimpfen und Fluchen des Rosfelenkers mit anzuhören, daß er sich bei der Finsternis in der Straße geirrt. Im Zimmer aber saß Klaßner. Ellens Äbschiedsbrief vor sich auf dem sein starrer, leerer Blick ruhte. Es waren nur wenige Zeilen, ohne jede Anrede und ohne Unterschrift, des Inhalts: „Du hast es wohl ^bemerkt, daß ich mich nicht wohl gefühlt. -Mir war auch nicht wohl, solange ich mich hier befand, deshalb verlasse ich Dich, um dem Vikar Strömer zu folgen. Ich habe wohl Dein Vertrauen mißbraucht, ich habe Dich schmählich betrogen und alle Deine Lebenshoffnungen vernichtet: dennoch bitte ich Dich, barmherzig gegen mich zu sein." Diesen Brief, hatte er vor einer halben Stunde vorgefunden, als er nach Hause gekommen war. Sei wem saß er da, um diese Zeilen wieder und wieder zu lesen. Endlich konnte er deren Sinn erfassen, nur der Schluß blieb chm noch rätselhaft. Wenn eine Frau mit einem Liebhaber ihrem Manne fortläust, da ist es doch ein wenig viel gewagt, die Barmherzigkeit des betrogenen Ehemannes anzurufen. — — Aber wahrscheinlich sollte es eine Anspielung auf die Unterhaltung sein, die er mit ihr damals geführt, als er ihr das gefundene Silberkreuz wieder zurückgab. Aber, das war ja nebensächlich. Es war klar, daß Ellen, seine Frau, von ihm geflohen war, und um die Sache endgültig und unwwerruflich zu irempeln, hatte sie ihm mit dürren Worten den Mann genannt, den sie ihm vorgezogen. Das war die Hauptsache, alles andere ohne jede Bedeutung. Er war ja auch gar nicht so sehr erstaunt darüber: seit er sie damals .kniend vor demselben Kreuz angetroffen, halte sich der peinliche Gedanke bei ihm festgesetzt, daß es zu einer Katastrophe kommen mußte. Hatte doch sogar die alte Mutter die dumpfe Atmosphäre im Hause verspürt, indem sie kopfschüttelnd die Befürchtung aussprach, daß sich irgendwo wieder Ungeziefer, aber von einer ganz anderen Art, eingenistet haben müßte. — Er empfand es sogar als eine Erlösung, daß die bösen Ahnungen zur Tatsache geworden waren. Ja, ja, natürlich war es eine Erlösung, und zum Zeichen dessen nahm er den Brief und überflog den Jnhalt zum zwanzigsten Male. Chaje Rachel erschien wieder im Zimmer. „Ich warte und warte und sie kommt doch nicht," sprach sie fast weinerlich und barg die Hände unter der Küchenschürze. Der Sohn schien gar nicht zu hören, was sie sprach. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Das Glück im Hause des Leids. Skizzen aus einem Krankenhaus und Lazarett in der Kriegszeit von Hermann Seckbach. Frankfurt a. M., Agudas Jisroel Jugendorganisation, Bund gesehestreuer jüdischer Jugendvereine, 1918. Anspruchslose Skizzenin denen durchaus fromme, „gesetzestreue" Gesinnung-waltet. Verwundete werden gepflegt, oft geheilt, finden mitunter eine angenehme Lebensstellung und gelegentlich auch die passende Braut. Als Tendenz wiegt vor. zu zeigen, wie jüdische Soldaten, Aerzte, Pflegerinnen auch in den Stürmen des Krieges ihre fromme Gesinnung wahren oder die verlorengegangene wiedererlangen, wie sie die alten Bräuche üben und das Heil ihrer Seele in der Heilighaltung der Form ebenso finden wie in der Pflege wahrer Religion. Da es sich um eine von der gesetzestreuen Organisation herausgegebene Schrift handelt, so ist die Vertretung dieses Standpunktes selbstverständlich, doch kann umn nicht sagen, daß sich diese Tendenz ausdringlich geltend macht. Daher wird man die Skizzen wohlwollend aufnehmen können,. wenn man auch keinen literarischen Maßstab an sie legen darf. L. G. * % — Das gute Recht der Vaterlandspartei. Eine Antwort an Professor H. Delbrück von Professor G. v. Below (Fveiburg i. B.). Schriften der Deutschen Vaterlandspartei Nr. 1. Deutsche Barerlandspartei, Hauptgeschäftsstelle Berlin W 9, Schellingstratze 1. — i Prosessor v. Below als Vorkämpfer der Vaterland s p a r t e i. Von Hans Delbrück. Sonderabdruck aus ^Preußische Jahrbücher", Land 172 (April-Heft 1918). Cs ist nicht immer gut, wenn Geschichtsschreiber in die Arena der Politik hinabsteigen. Wenn sie es tun und ein leidenschaftliches Temperament vesitzen — siehe Treitschke —, ist eine kühle Mäßigung, die sie über den Dingen hält (man braucht dabei kein „Kühlmann" zu sein), ein großer Vorzug. Der Geheime Hofrat Professor Dr. Georg v. Below in Freivurg i. Br. — wir sind seit unserer Jugendzeit befreundet und stehen in Briefwechsel miteinander — ist trotz seiner 60 Jahre ein Feuergeist geblieben. Er liebt sogar jetzt noch die burschikosen Ausdrücke der Studentenzeit, und in obrger Schrift finden sich Worte wie: läppisch, ledern, Tranigkeit und dergleichen mehr. Kein Wunder, daß er gegen jeden Gegner der Vaterlandspartei anstürmt wie einer der tapferen, edlen Ritter aus dem deutschen Mittelalter, das er in seinen trefflichen Werken so wahr geschildert und verherrlicht hat. So kommt es denn, daß ihm Hans- Delbrück in seiner Gegenschrift auch einige Jrrtümer Nachweisen kann. In der Sache selbst handelt es sich um die bekannten Ziele der. Vaterlandspartei: um Belgien, Kurland, die Kriegsentschädigung usw., worin die Anschauungen beider Politiker nicht immer übereinstimmen. Uns interessiert hier besonders der Satz in der Schrift v. Belows: „Die Vaterlandspartei öffnet sich den Angehörigen, aller politischen Parteien, die sich zum deutschen Siegeswillen bekennen; sie ist eine Einigungspartei, und sie hat das Einigungswerk auch bereits so weit gefördert, daß tatsächlich Angehörige aller Parteien ihr beigetreten sind." Diesen Satz kann ich, was uns Juden betrifft, dahm ergänzen, daß v. Below die Ablehnung der überwiegenden Mehrzahl der Juden gegenüber der Vaterlandspartei -be'bhajt bedauert, da ihr jeder Gegensatz gegen das Judentum fernliegt. Ein Jude könne sehr gut Mitglied der Vaterlandspartei sein, da in ihr nichts Antisemitisches stecke. Wenn wirklich irgend einmal ein Mitglied der Vaterlandspartei sich antisemitisch geäußert haben sollte (er wisse auch nicht von einem einzigen Falle solcher Art), so habe das mit den Bestrebungen der Vaterlandspartei nichts zu tun. Die Juden sollten die Vaterlandspar-tei nicht bekämpfen, sondern rnassenwAse in sie eintreten. Dazu ist zu bemerken, daß eine Bekämpfung der Vaterlandspartei in rein jüdischen Blättern — das ist ausdrücklich zu betonen —, soweit es sich um ihre Bestrebungen hinsichtlich eines siegreichen, ehrenvollen, unsere gute Zukunft sichernden Friedens handelt, uns nicht bekannt ist. Ein Gegensatz dazu innerhalb des Judentums an sich besteht in keiner Weise, und wenn die Alldeutschen und die ihnen nahestehenden Parteien die Ausdrücke „jüdisch", „alljüdisch", überhaupt antisemitische Bemerkungen in ihrer Polemik ganz aus dem Spiele lassen würden, so würde das eine Verständigung erleichtern und ermöglichen und würde unserem deutschen Vater lande, dessen Wohl uns allen am Herzen liegt, nur zum Sogen gereichen. Samtätsrat Dr. Scherbel (Lissa i. P.).

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