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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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Ne zu überzeugen, daß ich jetzt nicht in einem Ansall von Wahnsinn, so spreche. In diesen wenigen Minuten habe ich die mir noch etwa bleibenden Lebensjahre durchdacht und auch durchlebtfalls" — er unterbrach, sich mit einem geringschätzigen Achselzucken —, „falls mir überhaupt noch Jahre zu leben vergönnt sind! In diesen wenigen Minuten habe ich meine Blicke bis zum fernsten Ende meiner Zukunft schweifen lassen, um ohne Leidenschaft und ruhig zu überschauen, was das Erde-ndafein vielleicht noch, für mich bergen mag.. Mir war es da, als Hätte man das Schicksalsbuch vor mir ausgeschlagen, damit ich mir mit eigenen Händen die Lebensbahn vorzeichnen kann, die ich fortan wandeln will. Wenn das also nicht volle, gründliche Ueberlegung bedeutet, dann weiß ich keine andere mehr." Sie blieb stumm, von seinen Worten wie betäubt. Er fuhr fort: „Sie sagten, daß Sie zu mir gekommen sind, weil ich Ihr Gewissen bin. Wohlan, wie könnte, wie dürste ich diese Verantwortlichkeit von. mir weisen! Soll ich Sie auf Sie selbst zurückwerfen und Sie weiter Ihren Zweifeln überlaffen? Was würde die Folge sein Sre würden dann zu Ihrem Gatten zurückkehven und an seiner Seite sortzuleben lucyen, während Sie jeve Minute des Tages, Zoll für Zoll, etwas in Ihnen toten müßten, das, seit Sie zu denken und zu fühlen begonnen, Ihre wesentliche Lebens-kraft gebildet und auch weiter nach Leven schreit. Sie würden vre veste Gottesgabe für dae Menschen eines langsamen Todes hinsiechen lassen und dabei Ihren häuslichen Obliegenheiten rmchgehen, als ob Sie heil und gesund bis rn den innersten Kern wären. Ach, meine arme Schwester, erinnern Sie sich dieser Morte, die ich Ihnen seinerzeit schon einmal zugerusen, nicht ahnend, daß sie eines Tages aus mich setvsl zuructfaüen werden! Glauben -»re, daß ich nach an diesem noch eine ruhige Stunde hättet Tag und nacht würde ja der ftuchbelaoene Ruf mich verfolgen: >Sre mordet ihren Glauben, deinen Glauben, dü aber, Abtrünniger, du Gotteslästerer, du allein trägst die Schuld oavon, du allein bist der Sünder'!" „Aber Sie selbst! Ihre Zukunft!" keuchte sie schwer. „Meine Zukunft!". lachte er grimmig. „Gott sei Tank, der Kamps r,r oeendet, wenn Sie setzt an nichts anderes denten! Meine Zulunsl, meine Aussichten, alle Ktrchenehren, selbst eine Br>cyojSwurde, was bedeutet es rat Vergleich zu oer •vx'rrurijtett, eme verlorene Seele wieder aus den Gnaden- Pi«ü,' zurucrgLstchrr zu yaven! Lvas veoeNtet wellncher Glanz ano iLtiolg gegen oen Triumph, einem verzweifelten Herzen den Gottessrieoen wledergegeben zu haoen! Biete, viele Menschen, die weltliche Eroberungen gemacht, könnten sich keines sotchen Sieges erfreuen. Setvst wenn ich jetzt meine ganze geifrilche Tätigkeit für immer entstelle und die Hände in den Schoß lege, msirde mich mein Gewissen doch sreisprechen, nachdem ich einen solchen Gewinn im Himmel zu verzeichnen habe." Bittend erhob Ellen ihre tzänbe. „Nein, nein, Herr Stromer! Zyve augenottciUche Begeisierung reißt Sie hin; fre wird fich verflüchtigen, dan^ werden Sie Ihren Entschluß bereuen und eines Tages mir vielleicht fluchen!" Er legte vertraulich seinen Arm auf ihre Schulter, mit einem Gemisch vvn demütiger Verzückung und lächelnder Schlauheit. „Diese Begeisterung wird immer schwinden. Sie kann auch nicht. Glauben Sie nicht, daß ich so unvorbereitet und jo sorglos bin, wie es den Anschein haben mag. Ich weiß auch gar nicht, ob ich überhaupt etwas dabei opfere; denn ich weiß ja nicht, wieviel der,Arzt mir verheimlicht hat. Aber, wenn einem Menschen gesagt wird, daß er ganze zwei Jahre seine Tätigkeit einstellen muß, um seine rapide hinschwindende Gesundheit ein wenig zu kräftigen, dann ist ja die Sache zienllich geklärt. Und da der Arzt nichts jagte, glaubt ii sicherlich übergenug gesagt zu haben. Verstehen Sie jetzt meinen Standpunkt?" Er änderte Plötzlich seine bisherige Art und Sprechweise und fuhr zornig fort: „Ich bin nicht leichtfertig und ich weiß ganz gut, was ich tue! Sie sollen auch sehen, wie weit meine Vorsicht geht und was mich eigentlich dazu gebracht hat. Ich liebte Sie, Ellen, seit langer Zeit, mit der ganzen Tiefe und Inbrunst meiner Seele, bis Sie sich einem anderen hin-gegeben, so daß es für mich ein Verbrechen wurde. Sie noch weiter zu lieben. Aber meine Liebe starb nicht etwa, weil die körperliche Entsagung nicht auch das Begehren in mir ausgelöscht, wenigstens Ihre Seele iür mich zu -erhalten. Und darin hatte ich Erfolg. Gott machte mich zu Ihrem Gewissen, und wie ein Magnet das Eisen, konnte ich Sie an mich heranziehen. Vielleicht verstehen Sie mich gar nicht, 'denn nur ich allein kann die Größe meines Sieges ermessen, weil ich auch nur allein weiß, welchen Preis dieser Sieg mich gekostet. Der Preis war ich selbst; denn seit damals bin ich eine — Ruine geworden!" Seine Stimme brach bei den letzten Worten und eine fahle Blässe überzog sein Gesicht. „Aber auch darüber habe ich nachgedacht," sprach er dann etwas ruhiger weiter, „wie fein ich alles ausgeklügelt habe. Wenn ich Sie zu ihm zurückkehren lasse, dann beginnt ja mein Seelenkairrpf aufs neue und mem Sieg schwindet dahin. Glauben Sie, daß dieses zur Wiederherstellung -meiner Gesundheit beitragen wird? Es würde mich ja wie ein drohendes Gespenst verfolgen, wie weit ich mich auch von Ihnen entferne, und falls ich sterben sollte, würden nicht dieselben Engel, die jetzt blutige Tränen über Sie oergießen, zornig mit Fingern nach mir zeigen, zornig über den närrischen Eiferer, der auf Stelzen gewandelt und fein wahres Leben dem Ehrgeiz geopiert? Müßte ich da nicht vor lauter Scham ein zweites Mal sterben und vergeblich aus eine Auferstehung harren? Begreifen Sie nun, wie sein ich nur alles zurechtgelegt? Ich glaube, Sie werden jetzt keine weiteren Gründe von mir verlangen; wenn aber doch, dann sind wir beide verloren, denn ich habe keine anderen. Kommen Sie, Ellen! Ich bin bereit, wenn Sie -es sind." Ein Schauer überfiel sie. Und doch sprach sie mit scheinbarer Ruhe: „Ich bin bereit." Er vernahm ihre Worte, aber er erkannte ihre Stimme nicht. Er blickte sich nach allen Seiten um, dennes kam ihni vor, als wäre er von unzähligen Scheiterhaufen umgeben, inmitten sterbender Märtyrer, wo die Luft von todesschmerzlichen Hallelujas erfüllt war. „Wohin sollen wir gehen?" fragte er sie mit wiedergewonnener Ruhe. „Mein kleines Landgut in Birkenselde steht leer." Er nickte. „Ich werde gleich Nachsehen." Er blätterte eine Weile in einem Kursbuch und sprach dann weiter: „Viereinhalb Uhr. Ich denke, -das wird Ihnen passen. Es bleibt Ihnen noch Zeit, einige Sachen mitzunehmen. Inzwischen werde ich meine Amtsniederlegung der Behörde anzeigen." Sie verließ das Zimmer, doch im Hausflur hielt er sie noch einmal an. „Was werden Sie ihm sagen?" „Nichts — ich meine alles, nur nicht die Wahrheit." „Das wird am besten sein, sonst folgt er Ihnen vielleicht, um Sie durch allerlei Ueberred-ungsküniste wieder schwankend zu machen. Mir wenigstens ist keine Kraft für einen zweiten derartigen Kamps geblieben." Ihre Antwort war ein abermaliges Zusammenschauern. Sie befand sich bald auf der Straße, ohne noch etwas denken zu können, und das schien ihr die erste Gottesgabe zu sein. Auf -dem ganzen Wege hörte sie auch nur die Worte: „Viereinhalb Uhr!", die ihr in allen Tonarten in die Ohren klangen. Das wird sicherlich auch das Losungswort am Tage des Gerichtes

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