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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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84 ich innerlich bebte vor Wut? „Sic würden mir einen großen Gefallen erweisen, Herr Pfarrer", war meine Antwort, „wenn Sie zur Tagesordnung übergingen, da ich selbst Jude bin." — Nur mit zweihundert Gedankenstrichen könnte ich die Anzahl der Sekunden bezeichnen, in denen völlige Ruhe im Zimmer herrschte. Erst allmählich kamen die beiden zur Besinnung. Entschuldigung auf Entschuldigung in allen Schattierungen! Doch ich gab mich nicht so leicht zufrieden. Ich wollte nun erst recht eine offene, rückhaltlose Aussprache über dieses Thema und bat meine beiden „Freunde" um Begründung ihrer Ansichten. Nie werde ich diese Stunden vergessen, da es mir anscheinend gelang, „zwei Seelen zu retten". — Noch viele solcher Erlebnisse vermöchte ich zu berichten; doch mögen diese beiden genügen, um anschaulich darzutun, worum es sich handelt. Ich hege keinen Zweifel, daß mancher anders, mancher überhaupt nicht gehandelt haben würde. Denn es wird wohl mähr oder weniger dom Takt und Geschick des einzelnen je nach der Art seiner Veranlagung und seines Charakters anheimgegeben werden müssen, wie den im gesellschaftlichen Verkehr — oft ohne verletzende Absicht — zutage tretenden Aeußerungen antisemitischer Natur entgegenzutreten sei. Bestimmte Richtlinien hierfür sestlegen zu wollen, erscheint mir als eine müßige Arbeit, die von vornherein den großen Fehler hätte, daß ihr die praktische Bedeutung fürs Leben mangelte. Und doch möchte ich es nicht unterlassen, wenigstens zwei in ihren Grundsätzen voneinander gänzlich verschiedene Standpunkte näher zu beleuchten, die in dieser Frage eingenommen werden können. Die erste Kategorie will mit der Faust ihren Willen, ihr Recht durchsetzen. Eine Art Machtpolitik, die immer dann versagen wird, wenn wie im Zusammenleben der Menschen das persönliche Moment im Vordergrund des Interesses steht. Denn sie verkennt, daß die Freiwilligkeit das Wesen der Gesellschaft ausmacht. Sie geht von dem Grundsatz aus, dem in der Geschichte der große Römer Caesar zum erstenmal in jo schroffer Form Ausdruck verliehen hat, wenn er sagte: Oderint, dum metuant. „Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten." Zwang allein oder Furcht hält die Menschen nicht zusammen. Moralische Kräfte sind es, die das Zusammenleben der Menschen erst menschlich gestalten, in der Familie, in der Schule, im-Heer und überall fönst. Wir denken davei an alle Arten rein seelischer oder innerer Beeinflussungen, die allein die Wärme und Enge der Beziehungen gründen, durch die das wahre, echte gesellschaftliche Leben ausgezeichnet ist. Inwieweit das jüdische farbentragende Korporationsstudententum als eine Art von Schutz- und Trutzbündnis diesen Gesichrspunkten Rechnung trägt, ist eine in diesem Zusammenhang nicht uninteressante Frage, die aber hier zu weit führen würde und vielleicht später einmal behandelt werden soll. Anders natürlich, wenn wir das rein persönliche Moment ausschalten und diese Art von studentischen Verbindungen lediglich als eine jener großen Organisationen und Zusammenschlüsse betrachten, die sich ganz objektiv als Organisation den Kampf gegen den Antisemitismus zum Ziel gesetzt haben. Dieser Kampfesart steht jene Gruppe diametral gegenüber, die aus Prinzip nichts hört und nichts sicht, weil sie nicht sehen noch hören will. Wie sehr diese zweite Kategorie unseren Vorwurf verdient, bedarf wohl nicht erst des Beweises. Stellt sie doch nichts anderes dar als eine grenzenlose Feigheit, die sich allerdings mit dem Deckmantel eines Ehrenmannes zu verhüllen oft vergeblich müht. So grundverschieden diese beiden Standpunkte sind, so berühren sich auch hier, wie so oft im Loben, die Extreme, indem beide — wenn auch aus moralisch ganz verschieden zu bewertenden Motiven — sich nicht bemühen, aus den eigentlichen Kern der Sache einzngehen und ein gegenseitiges Sichverstehen und eine persönliche Annäherung herbeizusühren. Mit diesen Erörterungen grundsätzlicher Natur will ich mich hier begnügen, da es mir, wie schon erwähnt, nur darum zu tun ist,, auf eine Seite im Kampfe gegen den Antisemitismus hinzuweisen, die ihrer Bedeutung und Tragweite nach bisher fast gänzlich unberücksichtigt geblieben ist. Seien wir uns stets bewußt, daß jeder einzelne als Privatperson, nicht etwa nur als Angehöriger einer zur Abwehr des Antiseinitismus berufenen Organisation, die selbstverständlich nach wie vor als Organisation ihren Kampf weiter zu führen haben wird, ein Mit- und Vorkämpfer sein kann und fein muß — auch im neuen Deutschland. Iedrm das Skimge. (27. Fortsetzung.) Roman von M. P u l v e r m a n n. ie saß da, den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß gefaltet, in Vollkommener Ruhe, anscheinend im Frieden mit sich, mit aller Welt, mit allen Dingen; sie saß da mit einer Ruhe, die man aber nicht für Ergebung halten konnte; es war einfach ein Nichtsein, ein Losgelöstsein von allem, wie es oft erbarmungsvoll einen Menschen befällt, der nicht mehr zu fühlen, nicht mehr zu hoffen und nicht mehr zu fürchten fähig ist. Ihr Schweigen und ihre Bewegungslosigkeit gaben Strömer inzwischen Zeit, auf seine wirren, sich überstürzenden Gedanken Jagd zu machen, ohne von ihr dabei gestört zu werden. Nach und nach gelang es ihm, einen nach dem anderen der wilden Gedanken emzufangen. Er schritt vor ihr weiter, auf und ab, aus und ab, und jeder Schritt wurde fester, elastischer, bis er endlich vor ihr stillstand, den Kopf emporgerichtet, die Fäuste geballt, die Schultern eingezogen, als hätte er auf einen Entschluß den Fuß gesetzt. Als er sich jetzt zu sprechen anschickte, erhob sie sich langsam, um das Zimmer zu verlassen. „Einen Augenblick noch, Frau Klaßner", fing er an, während der Schatten eines Lächelns seine Mundwinkel verzog. „Ich sagte Ihnen vorhin, daß ich die mir vorgeschlagene Entführung nicht vergeben kann . . ." „Mein Gott, warum alles wiederholen?" unterbrach sie ihn. „Nein, ich kann Ihnen den Vorschlag nicht vergeben," fuhr er unbeirrt fort; „aber ich will Ihren Geist wieder beleben. Ihre Vernunft wieder Herstellen, indem ich Ihren Vorschlag zur Ausführung bringen will!" ,,Es geschieht mir recht," jammerte sie. „Ich hätte dies nicht erst abwarten sollen." „Bitte, nehmeni Sie wieder Ihren Platz ein," sprach er mißmutig, „damit wir die Sache mit Ruhe besprechen." Sie folgte mechanisch, die Augen beständig auf ihn gerichtet, als befürchte sie, durch irgendein Hinterlistiges Manöver angegriffen zu werden. Er verfolgte sie mit seinen Blicken und lächelte ihr freundlich zu. „So," sprach er und setzte sich ihr gegenüber. „Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt? Ich bin bereit. Ihnen unter den von Ihnen erwähnten Bedingungen zu helfen. Ich bin bereit. Sie Ihrem Gatten zu entführen und auch alle Folgen auf mich zu nehmen. Vielleicht wird es schwer halten.

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