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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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33 zur Tat sich Maltet mb -bei -der mindesten äußeren Aufregung bis zur Begeisterung übergeht. Gewiß. Wir haben vorerst »mr Plünderungen und noch keine Pogrome zu verzeichnen. In Polen war es schlimmer. Die Legionäre hatten sich draußen das Recht erkämpft, in Lemberg 48 Stunden lang plündern zu dürfen, und machten von ihrem Recht wollüstigen Gebrauch. Mit ihren Gewehr? kolben stießen sie die ausgeraubten Juden in die angezündeten Synagogen und ließen die Armen bei lebendigem Leib in den Flammen verbrennen. Aber die Men Polen werden sich wundern, wie genau die Entente ihre Schandtaten gebucht hat und wie glatte Rechnung mit ihnen bei der Friedenskonferenz gemacht werden wird. Wir haben durch unsere Freunde vorgesorgt, daß Räubern und Mordbrennern keine Banditewhöhle, geschweige denn ein Staat von der Grüße des zukünftigen Polens zur selbständigen Führung überlassen werde. Unter Boleslaw II. gehörte Krakau noch zu Böhmen; die Tschechen, die bis nun ihre Hände mit unschuldigem Blut noch nicht befleckt haben, werden mit ihrem Grundsatz von den historischen Grenzen Böhmens ein geneigtes Ohr finden. Wir werden es dem siegreichen Schwert der deutschen Helden bei dem Durchbruch von Gorlice nicht vergessen, daß es den russischen Koloß zu Boden gestreckt hat. Hätte der barbarische Zarismus, und nicht die gesitteten Westmächte das Geschenk der Freiheit an das Böhmenland zu vergeben gehabt, der Uebergang von der alten zur neuen Zeit in dem tschechoslowakischen Staat hätte sich blutig wie in Polen vollzogen und nicht mit Rücksicht ans die Entente lim Rahmen der vielbewundertM Ruhe und Ordnung. Bon der Rücksicht auf die Entente sind die Reden eingegeben, die jetzt unsere Minister nach dem Muster des denrotratischen Frankreich in zugänglicher Volksversammlung halten. Klosac, der Minister für Landesverteidigung, sagte unumwunden, daß es nicht an der Zeit sei, mit den Juden abzurechnen, weil Juden einflußreiche Ratgeber der Westmächte sind. Würdiger Ed herzlicher ließ sich der Ministerpräsident Kramarz im Parlament und auch in einer Volksversammlung vernehmen. Er mahnte die Pressegewaltigen energisch vor Ausschreitungen gegen die Juden, unter denen es wie unter den Tschechen gute und schlechte gibt. Als sein Vermögen konfisziert war, wurde eS von einem Juden (Leon Bordy) verwaltet. Kein Nichtjude hätte es besser machen können. Am ersten Tage nach der Ankunft des Präsidenten Masaryk schrieb ein führendes Blatt im Hinblick aus das Wort von der Achtung der religiösen Ueberzeugumg, das der Präsident der französischen Republik in der Straßburger Synagoge gesprochen hat, daß nach diesem bewährten Muster auch die Tschechen ihre loyalen Juden achten wollen. Wir haben das Gefühl, als ob diese freundlichen Töne von des großen und edlen Mannes Herzenssaite zu uns herüberschwingen würden. Wir werden an Sabbaten und Festen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele in unseren Gotteshäusern beten, wie früher für unseren Kaiser, so jetzt für unseren Präsidenten Masaryk. Aus meinem Kriegstagebuch. Ein Beitrag zur Judenfrage. Von Oberleutnant d. R. Hermann M ü'l l e r. icht von Handgranaten will ich erzählen, nicht von Patrouillengängen und Trommelfeuer. Wer hätte nicht übergenug davon gehört und gelesen in den so langen, langen Jahren der Kriegszeit! Aus ein ganz anderes Gebiet erstrecken sich die Kriegserfahrungen, von denen ich hier berichten möchte. Äe sollen ein Beitrag sein zu dem, was die öffentliche Meinung als „Judenfrage" bezeichnet. Glauben wir ja nicht, daß das jetzt herrschende neue „System", das sich zwar auf die Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu stützen behauptet, erneu konfessionellen Burgfrieden zu schassen vermöchte, wie chn etwa zu Beginn dieses Krieges die genreinsäme, von außen drohende Gefahr geboren hat. Im Gegenteil! Der Anttsemitismus kennt keine Parteigrenzen; er reicht — ich spreche nicht von den Führern — von der äußersten Rechten, wenn auch nach Grad und Form verschieden, bis zur äußersten Linken. Da ist es denn vornehmste Pflicht eines jeden einzelnen, am Kanlpse gegen den Antisemitismus teflzunehmen, jeder nach seiner Art und Weise innerhalb seines Gesellschafts- und Wirkungskreises. Denn jeder Mensch, wie gering auch immer seine Lebensstellung sein mag, hat es in der Gewalt, eine Macht des Guten in der Welt zu sein. Diesem Kampfe des e i n z e l n e n gegen den Antisemitismus ist bisher in der Oeffentlichkett die chm gebührende Bedeutung nicht zuteil geworden. Wie bedeutungsvoll aber diese rein subjektive Seite im Kampfe gegen den Antisemitismus ist, habe ich m den letzten vier Jahren oft selbst erfahren müssen- Es war im November vorigen Jahres, als ich mit einem Kameraden nichtjüdischer Konfession nach einem froh verbrachten Urlaub wieder zur Front fuhr. Aufenthalt in Mainz, i Die letzte Rast auf deutschem Boden! Was war da natürlicher, als bei einer Flasche Rheinwein Abschied zu nehmen vom Rhein, vom deutschen Rhein? Auf zur „Bodega"! Wir belraten die gemütliche Weinstube und tranken den ersten Schlucr au] unsere Heimat und all das, was wir darin lieben. Am Tisch gegenüber saßen sechs Herren ün Frack, die sich in bester Laune über dies und jenes recht laut unterhielten. Schauspieler und Opernsänger waren es; ihr Aeußeres schon ließ darauf schließen. „Kennen Sie 1...", ließ sich da einer vernehmen, „diesen gemeinen Juden?" Alies horchte auf, nicht nur die, zu denen er sprach. Und nun ging » los. Nicht e i n e gnie Seite, nicht eine gute Eigenschaft ließ man den jüdischen Künstlern-, alle sindsw „Jmriganten", „Schwindler" und „Schieber ersten Ranges".-Was tun, lieber Leser und tteve Leserin? Wäre nicht auch dir die Zornesröte ins Gesicht gestiegen? Hütte nicht auch dir das Blut in den Adern gekocht? -- Ich ließ die Wirtin zu mir bitten und bedeutete ihr m lucht mißzuverslehender Weise, dafür Sorge zu tragen, daß am Tische gegenüber dreses heikle Thema nicht weiter so behänden werde/ da andere Gäste dadurch beleidigt werden, andernfalls ich mich gezwungen sähe, die Angelegenheit vor das Forum der efsenttichen Kritik zu dringen. Meine Bitte fand aus vegreistichen Gründen williges Gehör. Und es dauerte nicht tange, als ein Herr der Gesellschaft sich erhob und mich durch die Wirtin bitten ließ, mit ihm an einen bestimmten Ort zu gehen. Daselbst offizielle Vorstellung. Der Gegner „revozierre uno deprezierte" im Flamen der ganzen Gesellschaft. Ich nahm an unter der Voraussetzung, dap von nun an derart taut getane beteidigende Aeuherungen unterblieben, was auch geschah. Leim Verlassen des Lokals durste ich sechs tiefe Verbeugungeri entgegeunehmen. — Ein anderer Fall. Im Feldlazarett. Das Zimmer, in dem ich lag, teilte mit mir ein akttver Oberleutnant, der Sohn eines protestantischen Geistlichen. Wir hatten uns bald angesreundet und bannten durch mehr oder weniger geistreiche Reden die Langeweile aus unserer Stube. Der Dritte im Bunde war der evangelische Feldgeistliche des Lazaretts, der uns täglich besuchte. Der Zufall brachte unsere Unterhaltung aus die „Judensrage". Noch bevor ich zu Worte kam, waren beide froh — sie wußten nicht, daß ich Jude bin—, „wenn sie nur alle schon draußen wären aus Deutschland, diese jüdischen Eindringlinge, diese internationalen Gesellen, diese Vaterlandsverräter". — Könnt ihr euch vorstellen, liebe Leser, wie ich mich festhielt an meiner Bettdecke, um nicht aufzusahren, wie

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