Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
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tta§ geht hervor aus seiner ersten Botschaft, zu deren Entgegennahme er die Natioimlversammlumg - für heute in die Prunkgemächer. der Königsburg geladen hatte. „Was die Deutschen in unseren Ländern betrifft, ist unser Programm längst bekannt. Das von den Deutschen lbewohnte Gebiet ist unser Gebiet und wird unser bleiben. Wir haben unseren Staat aufgebaut, wir haben ihn erhalten, wir bauen ihn von neuem auf. Ich würde wünschen, daß unsere Deutschen hierbei mit uns arbeiten würden — das wäre eine bessere Politik als ihre jetzigen zweifelhaften Bemühungen. Ich begreife, daß sie sich in einer schweren Situation befinden. Sie haben leider das pangermanische antitschechische Programm allzuwillig anerkannt, haben nicht die Weltlage begriffen, waren ron den ersten vermeintlichen Erfolgen berauscht. Unsere Deutschen wurden «das Opfer des falschen verlogenen Oesterreichertums. Ich wiederhole: Wir haben unseren Staat errichtet. Dadurch bestimmt sich die staatsrechtliche Stellung unserer Deutschen, die ursprünglich in unser Land als Emigranten und Kolonisten gekommen sind. Wir haben das volle Recht auf den Reichtum unseres Landes, das unsere Industrie braucht, ebenso wie die der Deutschen unter uns. Wir wollen und können unsere bedeutenden Minoritäten nicht opfern. Wir sind überzeugt, daß durch den wirtschaftlichen Vorteil unsere deuffchen Landsleute aus uns aingewiesen sind. Es liegt an ihnen, daß sie sich zu uns richtig stellen. Ich wünsche aufrichtig, daß wir uns sobald als möglich einigen. Ich gestehe, es fällt uns schwer zu vergessen, daß unsere Deutschen und die Deuffchen in Oesterreich überhaupt die unmenschlichen Grausamkeiten «der SoldateSka ohne Protest Hinnahmen, daß sie das wütendste Kontingent des Pangermanismus abgaben. Aber trotzdem werden wir sie gern aufnehmen, wenn sie sich zur Mtarbeit entschließen. Niemand wird uns verargen, wenn wir nach so viel bitteren Erfahrungen vorsichtig fein werden, aber die Minoritäten in unserem Staate werden die vollen nationalen Rechte genießen und die bürgerliche Gleichberechtigung " Was die Botschaft den Deutschen bringt, das bringt sie den Inden, wenn auch von diesen nicht ausdrücklich die Rode ist; denn Deutsche und Juden sind zumindeften in Prag identisch. Darum atmeten die Juden erleichtert auf, die seit der politischen Umwälzung am 28. Oktober unter dem' Drucke des wahnbetörten unio verhetzten Mobs nur noch deuffch flüstern, aber nicht deuffch zu sprechen sich wagen, am liebsten auch in der Synagoge die deutsche Predigt bei verschlossenen Türen anhören oder höchstens die Rtinjanleute als Sündenböcke zu derselben delegieren würden. Schon am folgenden Tag besuchte der Präsident das Reue Deutsche Theater, wo ihm zu Ehren eine Festvorstellung stattsand und wo er aus die Begrüßung des Direktors unter anderem antwortete, daß die deuffche Kunst nicht nur in Prag, sondern im ganzen Gebiete unserer Republik den gebührenden Schutz genießen wird. Aber die Zeit ist leider noch ernst genug, vielleicht gilt noch das „inter arma silent musae". Die deutsche Predigt wird nach wie vor ein literarisches Kunstwerk sein und man wird sie auch im Prag der tschechoslowakischen Republik nicht fliehen müssen. Rach Wratislaws Tod geriet die slawische Liturgie, die seit Methods und Boriwoys Zeiten in Böhmen neben «der lateinischen, obgleich vielfach angefeindet, sich durch die Gunst des Volles erhalten, in Verfall. Sie beschränkte sich in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts auf das Kloster an der Sazawa; der Abt und die Brüder wurden vertrieben und das Kloster wurde mit lateinischen Mönchen aus dem Stifte Brewnow besetzt. Von den slawischen Mönchen, diebrotlos im Lande hevumirrten, wurden später einige aus Barmherzigkeit wieder ins Kloster ausgenommen, wo man ihnen bis zu ihrem Tode ein dürftiges Gnadenbrot. gönnte., Wo gibt es ein -Kloster, «das die brotlosen Rabbiner aus Barmherzigkeit aufnehmen würde, wenn die deutsche Sprache aus der Liturgie verdrängt und durch die tschechische ersetzt werden wird, was bei der Einschüchterung der Juden einerseits und ihrem Chauvinismus anderseits früher eintreten könnte, als man dies nach menschlichem Ermessen annehinen «sollte? Die Rabbiner stammen aus Deutschland, sie haben dort sich gebildet und werlden der tschechischen «Sprache nie in dem Maße mächtig werden, um in ihr amtieren zu können. Allein, über die Interessen eines Standes gehen uns die der jüdischen Gesamtheit, und auch «die sind bedroht. Ein wahres Sperrfeuer des Judenhasses richtet sich gegen uns und speit das Gift der Verleumdung und Verhetzung in allen Sprachen und Spielarten die Presse aller Parteien. In verschiedenen Formen wird uns immer «bis zum Ueberdruß dasselbe vorgewvrsew «das große Verbrechen, unsere sprichwörtliche Treue gegen das gestürzte Kaiserreich. Aus ungezählten Höllenschlünden dringt das Verderben in die Dollsmassen, verwirrt die Köpfe, verpestet die Gemüter, verroht die Sitten und verwildert die Menschen. Das tschechische Volk ist die Perle aller slawischen Völker, wie sein Land als die Perle der österreichischen Krone galt. So weiß es Treitschke, aus dem die Stimme «des Blutes spricht. Seine Vorfahren, die nach der Schlacht am Weißen Berg für ihren lutherischen Glauben fürchteten, wanderten aus Böhmen aus und ließen sich — ich glaube - - in «der Pfalz nieder. Sein Vater war sächsischer Leutnant. Ob das tschechische Volk noch immer von der Wesensart ist, wie sie sein großer Historiker Palacky sestgehalten hat, das weiß ich — ein Fremder — nicht zu sagen. Es liehe sich gut in seiner Mitte leben, wenn man ihm wie den alten Böhmen nachrühmen könnte: ,,Den stillen ausharronden Fleiß, «die Verehrung für das Alter, die bis zur Untugend gesteigerte Gastfreundschaft («da es für kein Verbrechen galt, auch bei dem Nachbar zu nehmen, wenn man selbst nichts hatte, um den Gast zu bewirten), die offene Geselligkeit, das arglose Gemüt, das nur gegen Feinde Mißtrauen zeigte, die rege Empfänglichkeit und Phantasie, die Liebe zu Gesang, Musik und Tanz." Auch über seine „Schattenseiten" kämen wir leicht hinweg, zu denen von jeher gehörte: „Leichtsinn, Unbeständigkeit, Vergnügungssucht, Mangel an Besonnenheit in Glück und Unglück, Rechthaberei, Zwietracht und Rachsucht. Wir beklagen uns im weiteren «darüber, «daß wir eine zu starke Kostprobe von dem ^böhmischen Volksgeist abvekommen haben, «daß wir am eigenen Leib verspürten «das Urteil des Lieblingsgeschichtschreibers seiner Nation: „Wohin immer des Böhmen Uoberzeugung sich wandte, stets war sie von «der ganzen -Kraft «des Geistes begleitet, stets gestaltete sie sich zur Tat und ging bei der mindesten äußeren Aufregung bis zur Begeisterung über." Die verprügelten jüdischen Offiziere auf dem dichtbevölkerten Wenzel-Platz, die am Bart Gezupften und Gezausten in der armseligen Kaffeestube des jüdischen Gettos, die blutiggoschlagenen Ostjuden in ihrer kahlen Zufluchtsstätte bei «den Poale-Zion, die verkannte Christenfrau, die ne«ben der zerstörten Mariensäule ans dem Altstädter Ring den Wüterichen in die Hände fiel, die jammernden Flüchtlinge, die trotz aller Vorstellungen bei den kompetenten Behörden in der rauhen Jahreszeit nach ihrer von den Kriegsgreueln verwüsteten und von den Pogromen geschändeten polnischen Heimat zurückkehren mußten und am Staatsbahnhof von «dem tschechoslowakischen Militär ihrer kärglichen Habseligkeiten beraubt wurden, die Juden in der Slowakei, denen «das letzte Hemd genommen und ihr windschiefer Hausrat zertrümmert wurde — sie alle können es nunmehr bestätigen, daß die Ueberzeugung des Böhmen stets