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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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81 den Dienst der jüdischen Angelegenheiten! gestellt. Auch in Hamburg war er ein sehr tätiges Mitglied des dortigen Komitees für den Osten. Er fühlte sich stets als Jude und scheute sich nie, seine Gesinnungen offen auszusprechen. Schaps' Ernennung zum Reichsgerichtsrat, dem höchsten Richteramte in Deutschland seit langer Zeit, ist wohl, wenn ich recht unterrichtet bin, die erste seit dem vor Jahrzehnten erfolgten Ausscheiden des unvergeßlichen Levin Goldschmidt aus diesem Amte. Es ist tief zu beklagen, daß ein so hervorragender Jurist, der zugleich ein so gesinnungstreuer Jude war, so frühzeitig aus dem Leben geschieden ist. Sein Andenken möge zum Segen sein und bleiben. I- G- Präger jöriek. Von Pros. Dr. Emanuel Schwartz. mitte Januar war der große Tag der tschechoslowakischen Republik; in dem alten Prag der größte seit dem Erlöschen der Premyfliden- Dynastie vor sechshundert Jahren. Die Stadt hatte Festschmuck angelegt, um den Einzug des ersten Präsidenten in dem neuerstandenen Staatswesen würdig zu gestalten. Von den Dächern wehen die Fahnen, grüßen die Wimpel. Reisigschlangen winden sich an den Häuserfronten, Blumen und Blätter leuchten an den Fenstern. Kostbare Teppiche tragen kunstvolle Festons, von farbensatten Stoffen hängen blühende Gewinde. Aus hohen Kandelabern brennen Flambons, auf der Hasenburg spielen Scheinwerfer. Der lange Weg vom Wilson- Bahnhof bis zum stolzen Königsschloß auf dem Hradschin gleicht einer einzigen via triuinpüslis, HunderttauseNde säumen sie ein in froher Erwartung und mit hochklopfendem -Herzen, wie es noch keinem einziehenden Habsburger Sproß entgegengeschlagen hat. Böllerschüsse von den Schanzen, Glockengeläute von allen Türmen: Masaryk ist eingetroffen. Vor zwei Jahren verließ er an demselben Tage das Land als politischer Auswanderer, um nicht mit dem heutigen Ministerpräsidenten Kramarz in den Kerker oder an den Galgen zu gelangen; nun folgte er dem einmütigen Rufe seines dankbaren Volkes als Böhmens Vater" in die Burg der gewaltigen Slawenkönige Boleslaw II., Ottokar II. und Wenzel II., deren weitausgedehntes Hoheitsgebiet die neue tschechoslowakische Landkarte wieder ausgenommen hat, was vor dem Kriege kein Tscheche zu träumen sich erkühnt hätte. Ein Kind armer Eltern, der Sohn eines Kutschers an der mährisch-ungarischen Grenze, ist Masaryk vom Schlosserlehrling zum Universitätslehrer von Weltruf ausgestiegen!, um endlich mit 68 Jahren als erster Beamter mit einem Jahreseinkommen von einer Million Kronen das Schicksal zweier Nationen der demokratischen Republik in die Hand zu nehmen. Das tschechische Volk in seiner unbändigen Siegesfreude hatte allen Grund, vor dem festlich geschmückten Wagen, der den Präsidenten aus der freiwilligen Verbannung heimbrachte, sich niederzuwerfen und den heimatlichen Boden, den sein Nationalheros nach wundersamen Fügungen wieder betrat, zu küssen. Von dem Deutschen gilt das Wort in „Nora": „Er mit seinen Leiden und seiner Vereinsamung gab gleichsam einen bewölkten Hintergrund ab sür unser sonnenhelles Glück." Oskar Kraus, der Professor der Philosophie an der deutschen Universität in Prag, apostrophiert in der„Bohemia"den PH ilosophen Masaryk und erinnert an das Wort Platens, nach welchem der rechte Staat ein solcher ist, in dem der Philosoph zum König und der König zum Philosophen wird, um daran die Hoffnung zu knüpfen, ldaß der philosophierende Präsident ^dem deutschen Volke zu seinem freien Selbstbestimmungsrecht verhelfen wird. Ten Luxemburger Karl IV., dem Prag den Bau der Neustadt, der Universität, der Karlsbrücke und des Deitsdomes verdankt, nennen die Historiker den Vater Böhmems und den Stiefvater Deutschlands. Von Masaryk, dem gelehrten Verfasser des Werkes „Die Ideale der Humanität", erwartet die gesittete Welt mit Recht, daß er den Böhmen ein Vater und den Deutschen kein Stiefvater sein wird. Wir Juden könnten an ein talmudisches Wort erinnern. Einem Gemeinwesen, von Gelehrten geführt, vertraue man sich nicht an. Und doch dürfen wir uns der Führung eines Masaryk sicher und sorglos anvertrauen. Der Präsident ist nicht ein Gelehrter, der in seinen Büchern restlos aufgeht, und dem die Studierftube die Welt beideutet. Mehr als einmal nahm er seine Flucht in die Oeffeutlichkeit; denn nicht immer jubelte ihm sein Volk in glühender Begeisterung zu. Als in dem Schwuvgerichtssaal von Pisek und Kuttenberg anläßlich des Polnaer Ritualmordprozesses der Göttin der Gerechtigkeit die Binde um beide Augen gelegt wurde, damit sie das Unrecht nicht sehe, das in ihrem Namen an dem unschuldigen Schustergehilfen Hilsner geübt wurde, da blieb der Professor der philosophischen Fakultät an der tschechischen Universität in Prag, da blieb Masaryk der aufrechte und unentwegte Mann, von idem die Getreuesten seiner Partei abrückten, der aus seinem Auditorium hinausgedrängt wurde und einen aufgenötigten Urlaub cmnehmeii mußte, nachdem er in seinem Hörsaal an die Tafel geschrieben hatte: „Und doch bleibt der Hilsner-Prozeß ein Schandmal der österreichischen Justiz für alle Zeiten!" Und später, als in dem mächtigen Zarenreiche, vondemdamals alle panslawistischen Bestrebungen das Heil erwarteten, der schändliche Beilis-Prozeß eröffnet wurde, da war es wieder Masaryk, der trotz des hohen Einsatzes/der sür sein Volk auf dem Spiel stand, mutig und unerschrocken aus den Plan trat, die ganze Erbärmlichkeit und Armseligkeit, die ganze Verlegenheit und Verlogenheit der Gesellschaft enthüllte, in deren kleinem Gehirn die Blutschuld konstruiert werden konnte. Früh krümmt sich, was ein Hakeinl werden will. Schon als junger Schüler überwars sich Masaryk mit seinem 1 katholischen Religionslehrer und darum auch mit dem Direktor! des Gymnasiums in Brünn. In seinen reissten Jahren machte er als voraussetzungsloser Forscher nicht halt vor der Lüge, ob sie auch hoch und heilig thronen mochte. Die katholische Geistlichkeit hatte gar manchen Strauß Mit dem rücksichtslosen Hussitenkä-nrpfer auszutragen, der eine Zeitlang Dissident war l und nachher in die evangelische Kirche eintrat. Trotzdem bej teiligte sie sich an den Empfangsfeierlichkeiten, desgleichen die evangelische und selbstredend die jüdische Geistlichkeit auch. : Die Streitaxt des Glaubens wird der Präsident wohl kaum mehr hervorholen, sondern als Herrscher Selbstverleugnung j üben nach dem Worte, das einst Goethe in sein Tagebuch schrieb: „Niemand, als wer sich ganz verleugnet, ist wert zu herrschen uüd kann herrschen." Reichsgerichtsrat Dr. Georg Schaps.

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