Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229395--74619-3287079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

30 von der Brntianu augenscheinlich einen Einfluß zugunsten der Juden befürchtet. Die Hoffnung, die man eine Zeitlang hegen zu können glaubte, daß es unseren Glaubensgenossen in Rumänien besser gehen werde, muß man, wie es scheint, endgültig begraben. Es ist entsetzlich! * Die zionistischen Blätter aus aller Herren Länder sind voll von zionistischen Erklärungen, Empfängen der Führer bei Lloyd* George; sie melden auch, Daß Die Araber sich für den Zionismus erklärt haben (!), sprechen seiner von einer Vereinigung der Juden Rußlands und von den Vorbereitungen zu einem jüdischen Weltkongreß. Sehr eigenartig ist folgende Notiz des Jüdischen Pretzbureaus in Wien: Das erste jüdische Schiff unter nationaler Flagge. Dem „Nowy Dziennik" zufolge begann zwischen Jaffa und Kvnstantinopel das erste Schiff mit nationaljüdifch^r Flagge zu verkehren. Außerdem wird deru Blatt aus Odessa gemeldet, daß sich eine Gruppe von Odessaer Juden, die Schissseigentümer _ sind, an das Oberkommando der Koalitionsarmee mit der Bitte gewandt hat, zu gestatten, daß auf der Linie Odessa—Konstantinopel—Jaffa ein Schiffsverkehr unter nationaljüdischer Flagge eingerichtet werden dürfte. Fürs erste ist die Ausfahrt von zwei Personendampsern geplant. * Von Herrn S. P a d w a erhalten wir folgende Zuschrift, der nur gern Raum geben, obgleich wir an der Ausführbarkeit dar Vorschläge zweifeln: „Solidarität! Die ungeheure Katastrophe, welche über die von den letzten blutigen Pogromen so schwer betroffenen Juden hereinbrach, überwiegt nicht nur die furchtbare Tragik dieses an sich schon grausamen Völkermordens mit seinen für < uns traurigsten Begleiterscheinungen, sondern illustriert uns vielmehr die gewaltige Enttäuschung, die rmmer und überall uns zuteil wird und die auf uns naturgemäß am schmerzlichsten wirken muß. Die Juden Galiziens haben nicht nur mit ihrem Blute die, Gefilde der europäischen und sonstigen Kriegsschauplätze getränkt, sie haben unter Preisgabe von Hab und Gut und unter unsäglichen Mühsalen und Strapazen ein Flüchtlingsleben' gefristet, das jeder Beschreibung «spottet. So fehlte nur noch Der Pogrom, welchen diesmal die Polen * unter verschiedenen einander widersprechenden, künstlich konstruierten Vorwänden inszeniert und Duvchge,führt haben. Angesichts Dieser jämmerlichen Euttäufcyung, die uns am Kriegsende und am Anfang der Völkerbefreiung zuteil wurde, müssen wir uns um so intensiver mit Der Frage der weiteren Existenz sowie mit derjenigen der bevorstehenden Wiederaufrichtung und Erhaltung des jüdischen Gemeinwesens in ökonomischer und kultureller Beziehung befassen. Ganz Ostgalizien und Die Bukowina (Das gleiche gilt von Polen) >rnd Durch den Krieg fast völlig verwüstet. Die in ihre Heimat zurückgekehrtein Flüchtlinge kamen vom Regen in die Traufe: sie finden weder Nahrung, noch Wohnung, noch Schule vor. Sie selbst sind ob der furchtbaren Strapazen, denen sie die ganze Zeit erbarmungslos preisgegeben waren, seelisch und physisch gebrochen und nicht in der Lage, ohne kräftige Stütze von außen diese riesige Aufgabe der Neukonstituierung zu bewältigen. Es ist daher die Pflicht und Schuldigkeit jedes galizischen Landsmanns, der von der furchtbaren Not des Krieges einigermaßen verschont geblieben, sein Solidaritätsgefühl gegen ferne heimatliche jüdische Gemeinschaft in der denkbar realsten Weise zu bekunden. Wir galizischk Landsmannschaften im Auslande müssen der Erkenntnis, daß unser Hiersein diesmal ein günstiger ZufaK für uns war, das Bekenntnis folgen lassen: unsere Landsleute in der Not nicht zu verlassen! Zu diesem Zwecke muß für Uns Galizier in Europa eiste neue Organisation -geschaffen werden, wie. fle^in äen Vereinigten Staaten von Amerika bereits--Existiert, "^und zwar sollen sich unter vorhandener Voraussetzung - sämtliche Angehörigen einer galizischen Stadt oder eines Bezirkes in sogenannten Landsmannschaften vereinigen, um dann aus sich heraus einen allgemeinen galizischen Last'tzsmannschaftsrat zu bilden. Die Bildung solcher Landsmannschaften dürste um so leichter sein, als ja jedenfalls Landsleute aus einer Gegend schon immer ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl haben. Das Vorhandensein solcher Organisationsgebilde in Europa würde zweifellos im Verein mit den großen amerikanischen Organisationen ihren heimatlichen Gemeinschaften in wirtschaftlicher und moralischer Hinsicht nutzbringend sein und sich selbst in jeder Hinsicht mehr Ansehen in der Welt verschaffen. Ich bin überzeugt, daß überall in der Welt, wo unsere Landsleute leben, denen das Schicksal chrer allernächsten Volksgenossen am Herzen liegt, dieser Aufruf ein lautes Echo finden wird. Die Not ist groß und deshalb ist hier nur eine Solidarität realer Art am Platze. Die Arbeit muß und soll aus zwingender Notwendigkeit unverzüglich in Angriff genommen werden. Unter der Devise: „im ein ani li, mi li", sollen wir die Initiative nicht anderen überlassen, sondern selbst eingreifen, wo es die höchste Not erheischt. Durch die unverzügliche Bildung einer neutralen Vermittelungsstelle (etwa in Kopenhagen) wird die Arbeit hossentlich recht bald zum allseitigen Wöhle, insbesondere aber zum Wohle unserer armen, notleidenden Volksgenossen in den verwüsteten Orten Galiziens beginnen können. * Ueber allgemeine Politik spreche ich lieber nicht. ES sieht so traurig für Deutschland und in Deutschland aus, daß man der Verzweiflung nahe kommt, wenn man an die Zukunft denkt oder über sie redet. Möge eS besser werden, als wir fürchten! I Kklchsgenchtsrst Georg Schsps. I I Gestorben August 1918. f eboren 11. Mai 1867 zu Breslau. Besuchte das Gymnasium zu St. Elisabeth in Breslau. Abiturium 9Jtiu!aelt§ 1884 oaselbst. Studierte die Rechte in Breslau, Leipzig, Berlin und bestand in derselben Novemberwoche 1887 in Berlin das Doktorexamen und in Breslau die Referendariatsprüsung. Im preußischen Justizdienst tätig bis 1891, wurde er zu dieser Zeit in den hanseatischen Justizdienst übernommen und wurde in demselben im Jahre 1892 Assessor, 1894 Amtsrichter, 1897 Landrichter, 1910 Oberlandesgerichtsrat, 1915 stellvertretendes Mitglied des Prisengerichts und im Jahre 1918 Landgerichtsdirektor. Am 18. Februar .1918 erfolgte seine Ernennung zum Reichsgerichtsrat. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten sei hier nur sein Hauptwerk genannt, der Kommentar zum Seerecht, bei dessen weit vorgeschrittener Bearbeitung der zweiten Auflage ihn der Tob ereilte. Der Verstorbene hat stets ein eifriges Interesse für jüdische Dinge gezeigt. Im Oktober 1912 wurde er in den Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden gewählt, im Jahre 1917 erfolgte seine Wahl in den geschäftsführenden Ausschuß desselben Verbandes. In beiden Aemtern hat er sehr eifrig mitgearbeitet und sein reiches Wissen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.