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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-24 · Heft 4 (24.1.1919) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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widerspricht aller christlichen Moral, und gerade an dem Beispiel des Antisemitismus hat einer der berühmtesten Gelehrten deutscher Zunge, Max Müller (Oxford), ein Mann von europäischem Ruf, gezeigt, „was das für Unheil in der Gesellschaft und im Staate anrichten kann". Darum muß „diese Mißgeburt des nationalen Gefühls", wie der große Historiker Mommsen den Antisemitismus einmal treffend gekennzeichnet hat, dieser wirkliche „Fremdkörper" im deutschen Nationalcharakter, auf Schritt und Tritt bekämpft werden, denn er ist, wie der kürzlich verstorbene berühmte Straßburger Philosoph Th. Ziegler mit Recht gesagt hat, „e i n e e i n z i g e große Schande für u n 8 D e u t s ch e". * In einem Artikel der „Christlichen Welt" wird M a s a r y k, der Führer des tschecho-slowakischen Staates, sehr sympathisch begrüßt und als eines seiner Verdienste sein Eintreten für Hilsner gelegentlich des Ritualmordprozesses hervorgehoben. * Folgende sehr bemerkenswerte Erklärung fanden wir in der „Schlesischen Zeitung" und geben sie gern an dieser Stelle wieder. Die Juden und die Revolution. „Von verschiedenen Seiten geht mir die Nachricht zu, daß antisemitische Zeitungen von neuem mit dem angeblichen Graetzschen Ausspruch, daß die „Revolution der Stern Judas" sei, krebsen gehen und in ihren Kreisen damit immer noch Gläubige finden sollen. Demgegenüber weise ich darauf hin, daß ich bereits im Oktober 1912 in der von mir herausgegebenen „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", Jahrgang LVI, S. 640, die nachfolgende Erklärung habe drucken lassen: „Erst verspätet erhalte ich Kenntnis von einem Artikel, der am 9. Juli d. I. in der „Staats^ bürger-Zeitu-ng" unter der Ueberschrift: „Wer macht die Revolutionen?" erschienen ist. Darin heißt es: „Wer einer hat uns gezeigt, woraus wir unser Augenmerk richten müssen. Es war kein Antisemit, sondern der jüdische- Professor Graetz (Breslau), der die Ergebnisse seines vielbändigen Geschichtswerkes über sein eigenes Volk zujammensaßt in dem Satze: Die Revolution tft der Stern Judas. Der mußte es wissen." Demgegenüber erkläre ich folgendes: Seit mehr als vierzig Jahren vergeht für mich nahezu kein Tag, an dein ich mich nicht mit der Geschichte meines Lehrers und Amtsvorgängers beschäftige. Etwa die Hälfte der Bände habe ich selbst im Laufe der letzten fünfzehn Jahre in neuer Bearbeitung herausgegeben. Ich glaube 'demnach, den Anspruch darauf erheben zu dürfen, daß ich in dem Gesamtwerk Bescheid weiß. Auf Grund dieser Tatsache halte ich den Graetz zugeschriebenen Satz: „Die Revolution ist der Stern Judas" so lange für eine glatte Erfindung, bis nach Band und Seitenzahl der Fundort angegeben - sein wird. Die öffentlichen Blätter bitte ich, von dieser Erklärung Kenntnis zu nehmen und sie abzudrucken." Vorstehende ErWrung ist damals allen mir bekannten Zeitungen antisemitischer Tendenz, ganz besonders der „Staatsbürger-Zeitung", zugegangen. Keine einzige von ihnen hat d>avon Kenntnis genommen. Das Ergebnis würde zweifellos das gleiche sein, wenn heute derselbe Versuch wiederholt würde. Alle ernsthaften öffentlichen Blätter aber, die wirklich für das Recht und für die Wahrheit eintreten, bitte ich hiermit wiederholt, ihren Lesern von der vorstehenden Erklärung Kenntnis geben zu wollen. Prof. Dr. M. Brunn. * In der „Bohemia" steht eine Abfertigung des sonst verdienstvollen Schriftstellers Max Br od, die wir auch unseren Lesern unterbreiten. Sie lautet: „Dre Sprachenfrage beim Jüdischen Nationalrat. Der Jüdische Nationalrat in Prag veranstaltet am 4. d. M. in der Produktenbörse eine Versammlung, in der die Führer der Prager Jüdischnationalen ihr Programm entwickeln werden. Der Jüdische Nationalrat versendet zu dieser Veranstaltung Einladungen lediglichintschechischerSp rache. Auch die Eintrittskarte, die der Redaktion der „Bohemia" zukam, ist tschechisch. Unseres Wissens war der Jüdische Nationalrat bisher weder deutsch noch tschechisch; es ist daher unbegreiflich, worum er sich von nun an bloß in tschechischer: Sprache mit den Prager Juden zu verständigiw wünscht, die ja auch nach dem Umsturz zum größten Teil deutsch geblieben sind, selbst jene, die sich als judischnationäl > bekennen. Aus der Einladung geht hervor, daß Dr. Max Brod, der Vizepräsident des Jüdischen Nationalrates, Samstag ein Referat über den jüdischen Nationalismus erstatten wird. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß Dr. Brod an der Versendung der tschechischen Einladungen nicht unbeteiligt ist, was um so verwunderlicher ist, als gerade er, der seine Erfolge als deutscher Romanschriftsteller in Deutschland fand, im letzten Heft der „Neuen Rundschau" ein menschliches Glaubensbekenntnis Megt, aus welchem hervorgtzht, daß Brod immerhin dem deutschen Volke näher zu stehen glaubt als dem tschechischen. Brod empfindet die tschechische Kultur als wesensfremd, die deutsche als wesensverwandt. Trotzdem lehnter ausdrücklich jedes Zugehörigkeitsverhältnis zum deutschen Volke ab. Im großen und ganzen ist das Verhältnis Brods zur jüdischen, deutschen und tschechischen Kultur so kompliziert,' daß er am Schlüsse selbst zugibt, auch ihn selbst ergreife angesichts der bestehenden Komplikationen eine gewisse Unsicherheit. Da Brod aber, offenbar auf Grund täglicher Beobachtungen, zugeben muß, die deutsche Kultur und insbesondere die deutsche Sprache sei ihm für ewige Zeit ans Herz gewachsen und ein unumgänglich notwendiges Lebensbedürfnis, ist nicht gut einzusehen, warum Dr. Brod sich veranlaßt fühlt, deutschsprechende Juden in tschechischer Sprache zu seinem Vortrag einzuladen. Die Jüdischnationalen dürfen sich nicht wundern, wenn man ihnen angesichts dieser Tatsache Mangel an Rückgrat zum Vorwurf s macht. Die tschechische Einladung ist eine ganz gewöhnliche Anbiederung. Herr Dr. Brod möge sich aber daran erinnern, daß er als Deutscher bei der Prager Postdirektion seine Stelle erlangte." * In einem Artikel des „Türmek" macht L. H. Freiherr v. Grotthuß folgende Ausführungen: Die tastende Psyche des geistigen, ideell veranlagten Juden sucht den Anschluß an ein Ideal, eine Gemeinschaft, der er sich mit seinem ganzen Temperament und Eifer anschließen kann. Er will nichts lieber, als in dem Volke, dem er sich geistig wahlverwandt, am nächsten verwandt fühlt, Wurzel schlagen, in ihm den Heimatsboden und die rastende Ruhe zu finden, die der sonst Heimatlose, Rastlose ersehnt. Diese Deutschen jüdischer Abstammung sollen uns Volksgenossen und Brüder sein. Ich habe solche kennengelernt, die in ihrem Denken, Fühlen und Handeln deutscher waren, als mancher „Deutsche" und — „Antisemit". Außer der Blutsverwandtschaft kennt die Natur auch eine Wahlverwandtschast, eine Assimilation, die artbestimmend werden kann. Denn es ist immer noch' der Geist, der sich den Körper bildet. Je höher und je tiefer die Entwicklungsstufe, um so mehr gleichen sich die trennenden Merkmale der Wesen aus. Aber dem Judentum als solchem schiebt er einen großen Teil der Schuld am Kriege und unserem jetzigen Unglück zu. Auch hier wieder die traurige Verwechslung und Verallgemeinerung. Was gegen einzelne Juden vielleicht mit Recht vorgebracht werden kann, wird ungerechterweise als Vorwurf gegen die ganze Glaubensgemeinschaft benutzt. * Ueber den Judenstaat lesen wir in der „B. Z. am Mittag": Der Inden st aat. C. S ch w eizer Grenz e, 13. Januar. Die „Baseler Nachrichten" melden aus New Dort: Die amerikanische Regierung hat ihre Einwilligung dazu gegeben, daß England das Protektorat über den zu errichtenden jüdischen Staat in Palästina als Beauftragter des Völkerbundes übernehme. * Folgende sehr traurige Nachricht teilt der „Vorwärts" mit: Rumänien und die Juden. Drohungen Bratianus. Wie aus rumänischen Nachrichten hervorgeht, gewinnt der Antisemitismus in Rumänien die Oberhand. Der Minister Bratiänu hat führende Persönlichkeiten der Juden zu sich berufen und sie mit Verhaftung bedroht, wenn sie ihre Agitation für ldieGleichberechtigüng dev Juden forisetzen. Sie mußten sich schließlich verpflichten, weiter nichts zu unternehmen, bis die Friedenskonferenz vorüber wäre,

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