Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 Klasse, etwa 17 000 zweiter Klasse — ist wohl der deutlichste Beweis für das Gegenteil ganz abgesehen davon, daß nahezu 6000 deutsche Juden für das, Vaterland den Heldent o d auf dem Schlachtfelde erlitten haben. Und wie steht es mit der Behauptung, daß die Juden die Hauptnutznießer des Krieges gewesen seien, daß die jüdischen Kriegswucherer alle anderen übertroffen hätten? Alle Klassen und Erwerbsschichten der Bevölkerung, vom Großindustriellen bis zum Viktualienhändler, vom Großgrundbesitzer bis zum kleinen Landwirt, ja selbst hohe Offiziere und Beamte haben sich in großer Zahl an diesem verderblichen Treiben beteiligt. Gegen den Mammonsgeist hat die christliche Kirche, haben Bischöfe und Konsistorien, hat die Regierung durch die Verwaltungsorgane, insbesondere die Landräte, haben die Vorsitzenden der Landwirtschaftskammern unablässig ihre. Stimme erhoben — leider vergeblich. Hauptkriegsverdiener ist die fast ausschließlich im Lager der Alldeutschen und Konservativen stehende Großindustrie gewesen, aus deren Reihen einer, der es wissen kann, ihr erster literarischer Berater > Steinmann-Bucher, schon nach dem zweiten Kriegsjahre öffentlich erklärt hat, die Industrie habe „Geschmack am Kriege gefunden". Selbst ein führendes antisemitisches Blatt hat angesichts dieses förmlichen Wettrennens aller Kreise, die Kriegskonjunktur nach Kräften zu persönlicher Bereicherung auszunutzen, die Behauptung von einem spezifisch jüdischen Kriegswucher nicht mehr aufrechterhalten können und von einem „Judentum aller Konfessionen" gesprochen, das sich an dem Kampf um das goldene Kalb beteilige. Haben anderseits nicht gerade jüdische Kreise ein großes Verdienst daran, daß Deutschland sich über vier Jahre hindurch einer Welt von Feinden gegenüber behaupten konnte? Daß unsere Landwirtschaft so lange durchhalten, die Kriegsindustrie trotz des Fehlens früher unentbehrlicher Rohstoffe genügend Munition Herstellen konnte, verdanken wir der genialen Erfindung des aus dem Judentum hervorgegangenen hervorragenden Forschers am Kaiser-Wilhelm-Jnstitut Professor Haber. Durch seine Erfindung der Stickstofferzeugung aus der Luft ist die Hungersnot, die sonst schon nach dem zweiten Kriegsjahr gedroht Hütte, bisher glücklich von Deutschland abgewendet worden. Und was die genügende Herstellung von Munition, des wichtigsten Erfordernisses für den Krieg, anlangt, so hat ein der Kriegsindustrie sehr nahe stehender Politiker, der freikonservative Abgeordnete Vorster, im Abgeordnetenhause ausdrücklich erklärt: „Ohne das -neue Stickstoffverfahren des Professors Haber wäre der Krieg schon in drei Monaten zu unseren Ungunsten entschieden g e w e s e n." Dutzende von anderen Männern jüdischen Geblüts haben sich auf ähnlichen Gebieten der Kriegstechnik oder auf wirtschaftlichem Gebiete, z. B. der möglichst schnellen Anpassung unseres Wirtschaftslebens an die Erfordernisse des Krieges, gleichfalls hervorragende Verdienste erworben, die auch von den höchsten staatlichen und militärischen Behörden in schmeichelhaften Dankeskundgebungen anerkannt worden sind. Aber auch diejenigen Kreise, die nicht durch persönliche Fähigkeiten und Talente sich hervortun konnten, haben auf andere Weise die Not des Vaterlandes in dieser schweren Zeit zu lindern gesucht. Man sehe doch einmal die Spenderlisten für die verschiedensten Zweige der Kriegsfürsorge nach, welche Kreise dort am meisten vertreten sind. Die Namen von arischen Kriegsverdienern, insbesondere auch konservativen Großgrundbesitzern, wird man da am wenigsten finden. Hier „überwiegt" in der Tat das „semitische" Element. Deutsche Landwirte! Laßt euch nicht umgarnen von falschen Lobrednern, die unter der Maske der Bauernfreundschaft die jahrhundertelange Knechtschaft, in der sie euch gehalten, vergessen und euch mit der angeblich drohenden jüdischen- Zinsknechtschaft gruselig machen wollen. Denkt daran, daß.der große österreichische Bauernbefreier Hans Kudlich, besten Name durch seinen welthistorisch gewordenen Antrag im Jahre 1848, die Bauernschaft von der Fronarbeit für die Gutsherrschaft zu befreien, für alle Zeit mit der Geschichte des deutschen Bauernstandes verknüpft ist, öffentlich in denkwürdigen fünf Anklagethesen den Antisemit i s m u s a l s „e i n e E r n i e d r i g u n g u n d s ch w e re Schädigung des Deutschtums" bezeichnet hat. Deutsche Landwirte! Denkt daran, wie der große Dichter deutscher Zunge, der aus dem Bauerntum hervorgegangen ist und bis zum letzten Atemzuge mit seinen Bauern zusanunengelebt hat, Peter Rosegger, der es als sein höchstes Ziel bezeichnete, „mitzuarbeiten an der sittlichen Klärung der Zeit", aus seiner Verurteilung, der „abscheulichen Judenhetze" niemals ein.Hehl gemacht hat. Denkt an Max Ehth, den Begründer der Deutschen Landwirtschaftsgefellschaft, der' das Treiben dieser Demagogen wiederholt auf das schärfste gebrandmarkt hat. Deutsche Volksgenossen! Erinnert euch, wie sehr dieser würdelose Rassenhaß das Ansehen des deutschen Volkes im Auslande schon lange vor dem Kriege geschädigt, wie abstoßend während des Krieges die lächerliche „Judenzählung" auf die nüchtern und objektiv denkenden Kreise, insbesondere des neutralen Auslandes, gewirkt hat. In Italien, Frankreich, England, Amerika sind die dunklen wirtschaftlichen Begleiterscheinungen des Krieges, wie Wucher, Kettenhandel usw„ doch nicht minder stark hervorgetreten wie bei uns. Und auch dort werden zweifellos Juden daran mehr oder minder stark beteiligt sein. Niemandem in diesen Ländern ist es aber eingefallen, daraus eine besondere Judenhetze zu machen, wie es in Deutschland geschieht. Im Auslande lacht man nur spöttisch über einen solchen Rückfall des Volkes der „Dichter und Denker" in die Anschauungsweise des finsteren Mittelalters. Eine der verehrenswürdigsten Gestalten unter den Vorkämpfern der deutschen Demokratie, Karl Schurz, der nach den Demagogenverfolgungen des Jahres 1848 nach Amerika flüchten mußte und eine Zierde des Deutschtums im Auslande geworden ist, hat das Aufkeimen des Judenhasses in seiner alten Heimat mit Trauer und Schmerz erfüllt, da sich für ihn darin nur „das dümmste Vorurteil oder blindeste Leidenschaft" offenbarte. Da wir gerade beim Ausland sind: Gibt es nicht zu denken, daß genau mit denselben Anschuldigungen, die gewissenlose Hetzer seit Jahr und Tag. gegen unsere jüdischen Staatsbürger erheben, auch unsere Feinde im jetzigen Weltkriege gegen Deutschland und das deutsche Volk Stimmung, insbesondere im neutralen Auslande, zu machen gesucht haben? Die Deutschen seien skrupellose Geschäftspolitiker, die überall Idie alten Nationen verdrängen wollten: sie seien „Fremdlinge", Barbaren unter den Kulturnationen, daher von jeher ein Gegenstand des Hasses für die übrige Menschheit, usw. Also genau dasselbe, was man den Juden in Deutschland nachsagt. Völkische Fanatiker möchten am liebsten die Juden als „artfremde" Bestandteile aus Deutschland auswersen. Die Geschickte bat aber doch wohl gelehrt, daß alle Völker, welche solche angeblich artfremden Elemente von sich abstießen, z. B. die Spanier die Protestanten und vorher die Mauren, die Franzosen die Hugenotten, sehr schlecht beraten gewesen waren, daß sie sich selbst gerade der für das wirtschaftliche und geistige Aufblühen des Staates wertvollsten Elemente beraubten. Und sind alle diese Rassentheorien wirklich aus dem Born deutscher Wissenschaft geschöpft? Mitnichten! Es ist fremde Afterweisheit, importiert aus den Ländern unserer Todfeinde. Der Franzose Gobineau, der in seinem lächerlichen Rastedünk^' leine Abkunft bis auf den Vater des germanischen Göti^rgeschlechts, auf Odin, zurückführen wollte, und der Engländer Ckiarnberlain, der wie der ewige Jude der germanischen Rasse von Land zu Land gepilgert, aber nirgendwo Wurzel fassen konnte, da er noch jedes Volk, dem er ewige Liebe und Treue schwur, schmählich getäuscht hat, sind die geistigen Urheber dieser törichten, aber auch für unser Vaterland höchst verderblich gewordenen Rassenlehre gewesen. Mit Gobineaus prahlendem Wort: „An euch — den Deutschen — hängt die Zukunft der Welt", und Chamberlains kühner Prophezeiung: „Auf die Germanen kommt es an, ob die Welt im allgemeinen Massenbrei untergehen soll oder nicht", haben die deutschen Nachbeter dieser Rassenirrlehre die nationalen Leidenschaften bis zur Siedehitze aufgepeitscht. Mt solchen dünkelhaften Phrasen von der Unübertrefflichkeit der germanischen Rasse hat man Deutschland in den Weltkrieg gehetzt — und unser armes deutsches Volk muß jetzt für den Rastenhochmur dieser Fanatiker büßen. Gewiß gibt es auch unter den Juden, genau so wie unter den Christen, unehrenhafte Elemente, die an den Pranger gestellt zu werden verdienen. Man soll sich aber hüten, wegen der Verfehlung einzelner über eine ganze Gemeinschaft den Stab zu brechen. Haben wir nicht gerade aus diesem Kriege die bittere Lehre schöpfen müssen, daß das feindliche und neutrale Ausland für die Sünden einzelner völkischer und militärischer Heißsporne das ganze deutsche Volk solidarisch haftbar machen möchte? Das in Bausch und Bogen Aburteilen