Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 Der eine ist, daß die Deutsche demokratische Partei im wesent- > lichen eine jüdische ist. Wenn es auch begreiflich genannt, werden muß, daß die Juden sich an die Partei anlehnen, von der sie die Förderung ihrer völligen Gleichstellung m erwarten haben, so muß es als grobe Irreführung bezeichnet werden, wenn der Gecmer demokratisch und jüdisch gleichstellt. Ein Blick auf die Wahllisten für Berlin und die umliegenden Kreise beweist, daß jüdische Kandidaten in einer so geringen. Zahl nominiert worden sind, daß diese Zahl dem Prozentsatz der Juden völlig gleich, ja eher niedriger als höher angenommen ist. Der zweite Vorwurf ist der. daß der bei seiner Gefangennahme aetötete Karl Liebknecht ein Jude war. Diele Reb^uptung berübt auf völlig böswilliaer Erfindung. Liebknecht stammt aus einer durchaus christlichen Familie, und wenn er sich auch mit einer, wie es scheint, russischen Jüdin verheiratet und 'seine letzte ZuTuckt bei iüdischen Verwandten gefunden hat, Jo darf man daraus keine Schlüsse aus seine Entwicklung und Gesinnung ziehen. Und wenn auch seine Genossin. Rosa Luremburg. die das gleiche tragische Ende befunden hat. wirklich eine russische Jüdin war. so isi es unbillig, ibre Zugehörigkeit zur verderblichen Svartacus-Grupve den Juden als Schuld zuzurechnen. Es. gibt Verbrecher, Phantasten unb Eiferer unter Juden und Christen: so wenig man aber einzelner Christen wegen das Recht hat. das Christentum zu verdammen, so ungebührlich isi es. dem Judentum die Schuld einzelner anzurechnen und noch dazu solcher, die gar nicht zu ihm gehören. * Mit der Wahl haben glücklicherweise die Wahlaufrufe aufgehört, mit denen namentlich Berlin geradezu überschwemmt war. Sie sprachen vielfach aeaen. einige auch für die Juden. Ein illustrierter Aufruf zeigte das Bild vieler jüdischen und nicksiindischen Politiker mit echtiüdilchen Nasen. Einer der schärflten. sich wider die Juden richtet, lautet so: S ch u l d f r a o? lt n h N a t i o n a l v e r s a m m l u n a. Der Kaiser hat fern Teil Schuld, weil er die biblischen Wölfe im Schafspelz — int Leben Juden — autgläubia au seinen freunden erhob. . . Das deutsch" Volk bat schuld, weil es seinen Kaiser nicht besser erzog . . . Der Kaiser.bat, und in dem Maße unverdient, schwer aebübt . . . Und auch das deutsche Volk bat einen Teil deL selbstverschuldeten Dornenweaes hinter sich . . ’ Das deutsche Volk lerne aber an den eigenen Opfern und an den Leiden des Erfassers: es wäble keine Juden! Die fremdblütiaen Juden sind in allen Ländern keine Volksfreunde, sondern Volksfeinde! Bund der 48er, Gruppe Berlin. * Ein sehr kräftiger Aufruf, der für die Juden eintritt, hat nachstehenden Wortlaut: Haltet den Dieb! So schreit, wer gestohlen hat, um den Schuldverdacht von sich abzulenken und der Strafe zu entgehen. Haltet den Juden! So rufen beute die Kriech tr-eiber und Krieasverlängerer von aestern, die jeden beschimpften, der zu einem rechtzeitigen, ehrenvollen Verständmungsffrieiden unter Verzicht auf Annexion riet. — So ungerecht wie jetzt die Anklage der Welt gegen das deutsche Volk, so verlogen ist die der Antisemiten gegen die Juden. So wenig man das deutsche Volk für die Sünden der Alldeutschen verantwortlich machen darf, so wensg die Juden dafür, daß sich einzelne von ihnen im Krieg bereichert oder gedrückt haben. Fragt unsere Hausfrauen! Waren unsere Lebensmittelvertenerer nicht Getaufte und Ungetanste? Fragt unsere Soldaten! Gab es unter den Drückebergern nicht ebenso Christen wie Juden? Und sogar hohe Herren trnd gerade solche, die das Kriegsmanl am weitesten aufrissen? Gerade unter dm Juden sind viele Tauseli.de begeistert in den Krieg gezogen, ausgezeichnet, verkrüppelt und aetötet worden. In den stillen Schmerz ihrer Mütter und Gattinnen brüllen jetzt roh die Antisemiten hinein: Eure Söhne sind keine Deutsche gewesen! Wenn einzelne Juden sich vergangen, haben, so bedenkt: In jeder Herde gibt es räudige Schafe/ Sie sollen bestraft norden! Aber die Schuld am Krieg und seinem Ausgang sticht anderswo! War die Leitung der auswärtigen Politik, die lins vor dem Krieg nicht zu bewahren wußte, etwa in den Händen von Juden? Saßen in der Heeresleitung die, so groß ihre militärischen. Leistungen waren, die politische Herrschaft an sich gerissen und daher jedes Augenmaß verloren hatte, etwa Juden? Waren in der Vaterlandspartei, die den unbeschränkten U-Boot-Krieg, durchsetzte und dadurch Amerika auf uns hetzte, etwa Juden von Einfluß? Aber das Kapital ,ist am Krieg schuld, heißt es, und das Kapital haben die Juden. Das glauben nur die Dummen und Unwissenden. Schlagt die amtliche Statistik auf und ibr werdet finden-: die größten Grund- und Geldbesitzer in Deutschland sind -gar keine Juden! Und wo die Juden Kapital be- '* sitzen, steckt es zumeist firn Handel, trnd «der Handel braucht gerade den Frieden, und verdirbt i-m Krieg. Aber in der Schwerindustrie, d!e s-m Kriea die größten Gewinne macht, finden sich so .aut wie kerne Ju«den. Dort herrschen, die Kruivv .und Koniorien-. und cruis diesen Kreisen stammte das Geld zur Gründung alldeutscher Zeitungen, die pleich-eitia a-u.s den Verstän.d'a'Una,S:^7,^,en und die Iirden schimpften. Gewiß, es gibt unter den Juden Kaivit^liften, -aber am meisten kleiner M-itilÄstand und vermöoeuMoie Proletarier. Gewiß, die Jud^n babein dem Kapital Fübrer .gestellt, aber wahrlich nicht wen.'taer liberale trnd dem,o,kroatische Führer int politischen Bei rei n n a-skam.pse des Volks. Weil sie i^lbsi Politisch entrechtet waren. haitten sie Herz.trnd Verständnis für alle Untertdrückten. Die bisher allein im La,nd,e herrschten. die euch da>s Wahlrecht, das irei'e Ko'alitionsreckt für Stadt und Land, den Anteil ander Negierung uffw. vorenthielten, rufen euch aus dem Hinterhalte, wo sie sich vor der Revolution vevbieraen. und plötzlich ifar Herz kür dies Volkes Gleichberechtigung entdeckt blabien., setzt z.u: T-ie Juden beherrschen euch! Haltet ben Juden! Haltet hm Dieb! Aber das sagen sie euch nicht, daß unter den rund 70 Millionen Einwohnern Deutschlands es nicht mehr als rund sage und schreibe 600 000 Juden gibt! Also noch nicht ein Prozent der Bevölkern.na! Und dieie winriae Minderheit soll das deutsche Schicksal in der Hand haben? Welch eine Beleidigung des großen deutschen Volks von seiten der wahren Schuldigen! Bei f'm politisch geschiulten Arbeiterin verfängt deshalb -auch längst ihre Hetze nicht mehr. Darum versuchen sie. das Bürgertum, den Mittelstand, die Beamten, Angestellten rund Handwerker ans ihren. Leim zu locken., tun ihre Wahla-usstchtien' zuverbessern. SM enich vor! Laßt euch -nicht übertölpeln! Haltet den Dieb! Aber haltet denrechten! * Besonders rühria zeigte sich der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Er hat fünf verschiedene Flugblätter kwrausgegeben, die alle wert wären, an dieser Stelle mitqetzeilt zu werden: ich wäble ein äußerst kräftiges und wirksames, das als aeschichtzliches Dokument bedeutsam ist. Es hat folgenden Wortlaut: Wider Nassenu n d G l a u b e u s h a ß. Die Hoffnung, daß trotz des für uns unglücklichen Verlaufes dieses Krieges der Geist gegenseitigen Vertrauens und Verstehens in dem deutschen Volk wieder einkehren werde, hat sich nicht erfüllt. Nachdem der äußere Krieg beendigt, ist die Heimat zum inneren Kriegsschauplatz geworden. Alle Dämonen des Hasses sind von nettem entfesselt, und gerade diejenigen, die durch ihren nationalen Hochmut und durch ihre wilde Eroberungslust am meisten zu diesem -Falle Deutschlands beigetragen haben, suchen jetzt durch Auspeitschung der niedrigsten Instinkte die Schuld auf andere abzuwälzen. Die Juden sollen all unser Unglück verschuldet haben! Haben denn aber die Juden, die doch nur 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, auf die amtliche Politik des Deutschen Reiches, auf die Führung der diplomatischen Geschäfte oder gar auf die militärische Leitung irgendwelchen Einfluß gehübt? In allen diesen amtlichen Stellen befand sich vor und während des Krieges auch nicht ein einziger Jude. Den Hauptbestandteil der „Drückeberger" sollen die Juden gebildet haben! Alle diese' Behauptungen werden auf das bündigste widerlegt durch das offizielle Schreiben des den Juden gewiß nicht besonders freundlich gesinnten Kriegsministers v. Stein an den Verband der Deutschen Juden, worin er auf dessen Beschwerde über 'die ungerechtfertigte und kränkende Judenzählung fest-gestellt, „daß das Verhalten der jüdischen Soldaten und Mitbürger während des Krieges keine Veranlassung zu der Anordnung gegeben hat und dainit nicht in Beziehung gebracht werden kann". Es ist auch nicht wahr, daß die Inden, als Ganzes betrachtet, sich nicht als Soldaten bewährt haben. Die Zahl der verliehenen Ehrenzeichen — über 900 Kreuze erster