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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 T 1919 in der üblichen Höhe auszufchreiben. Sodann gelangt noch ein Dringlichkeitsantrag des Gemeindevorstanides aus Einsetzung einer gemischten Kommission Zwecks Vorberatung einer Verfassungsänderung der Gemeinde zur Beratung. Herr Gemeindevorsteher Heinrich L e v h begründet im Hinblick aus die nerrzeitlichen politischen Ereignisse die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung. Der Antrag wird angeir-ommen und die Wahl der Ko mmission sofort vor genommen. er. Magdeburg, 13. Januar. Der hiesige Zentrumsver ein hielt eine Hauptversammlung ab, in der Reichstagsabgeordneter Freiherr v. Rechenb er g ein Bild der politischen Lage gab. Bei der Besprechung der religiös-kulturellen Programmsatzungen seiner Partei verteidigte der Redner das Zentrum gegen den Vorwurf der Konfessionalität. Wenn die Kirchenpolitik einen breiteren Raum einnehme, so liege es daran, daß das Zentrum wie in den Tagen seiner Gründung so immer wieder zur Defensive gezwungen worden sei.. Nie sei es gegen eine andere Religionsgemeinschaft offensiv gewesen. Das Zentrum verlange lediglich Gleichberechtigung wie für die katholischen so nicht weniger für die evangelischen Kinder und auch für die Juden. Bezüglich der letzteren .lehnte er den Antisemitismus entschieden ab, erklärte aber, daß es einer Bevorzugung der Juden sehr ähnlich sehe, wenn bei 1 Prozent jüdischer Bevölkerung in Deutschland in der heutigen Regierung gegen 10 Prozent Juden säßen. Freundschaft auf Kündigung also. Hat sich Freiherr v. Rechenberg auch schon nach, der Konfession der anderen Mitglieder des Vollzugsrates erkundigt oder gilt die Prozentnorm nur für Juden? — Dresden, 13. Januar. Der Konservative Verein nahm in seiner letzten Mitgliederversammlung Stellung zur veränderten politischen Lage. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Philipp, betonte, daP die Konservativen sich als Realpolitiker auf den Boden der neuen Verhältnisse stellen und sich, wenn auch unter schweren Kämpfen, von den alten Auffassungen freimachen müßten, wenn man eine Volikspartei im wahrsten. Sinne des Wortes sein wolle. Er empfahl das Aufgehen in der Deutschnationalen Partei. Inder Aussprache erhob Geheimrat Dr. Beutler den Vorwurf, daß in konservativen Kreisen viel zu wenig kritisiert worden sei, und äußerte zwei Bedenken gegen den Namen deutsch-national. Er wollte verhütet sehen, daß unter diesem Namen sich alldeutscher Nationalismus wieder breitmache und die Gefahr des Antisemitismus wieder heraufbeschworen, werde. Der Prediger in der Wüste blieb mit seinen Befürchtungen allein. Das Tivoli-Programm der Konservativen ist noch nicht vergessen und wird wohl guch nicht aufgegeben werden. er. München, 13. Januar. Der Landesvorstand der Ba-Yeri-f'chein Volkspartei halt eine offene Anfrage des „Jüdischen Echos" mit einem längeren Schreiben beantwortet, in -dem es unter anderem heißt: „Die „Bayerische Volkspartei" weiß sich vollständig frei von jedem Anti-semiti-sums. Wenn aus mißverstandenen Ueußerunaen der Parteipresse der „Bayerischen VolkApartei" -a-ntil'emi.tische Tendenzen ziuaeschrieben werden, so ist daraus hinzuweisen, daß diese Angriffe sich nicht gegen unsere jüdifchen Mitbürger in ihrer Gesamtheit richten, sondernveranlaßt sind durch das unberechtigte allzu starke Hervortreten bestimmter jüdischer Persönlichkeiten in der derzeitigen Regierung des bayerischen und deutschen Volkes sowie durch Akte wirtschaftlicher Ausbeutung, w-elche sich einzelne Inden m der schwersten Zeit un-sertes Daterlandes gegen unser Volk zuschulden kommen liehen. Das Parteiprogramm der „Bayerischen Volks- Partei" biete eine so breite. Plattform, daß die Juden, die guten Willens sind, Raum uud Gelegenheit zu aufbauender Tätigkeit in unserem Staatswesen in den Reihen der „Bayerischen. Bolksp-artei" finden. Wir begrüßen gern und herzlich jeden M-itkämpser jüdischen Glaubens, der u ni'er Parteiprogramm annehmien will." Mit diesem schönen Programm stehen die Tatender „Bayerischen Volkspartei"' allerdings in scharsom 'Wiidersipruch. Stände die Partei wirklich aus dem Standpunkt der „P-oli-ti-schen Betätigunigsfreihieit" für die Juden, so dürfte sie ihren Kampf gegen die jüdischen Persönlichkeitenin der derzeitigen Regierung, ni-ch-t a>u-sschließlich oder doch vorwiegend mit Waffen au>s der Rüstkammer d-es Antisemitismus führen. So lange -diese Parteimit antisemitischen Mitteln arbeitet', kann sie von den jüdischen Wählern kein Vertrauen erwarten. — Nürnberg, 13. Januar. Nicht viel länger als ein Jahr nach dem Hin scheiden des 1. Vorsitzenden des Zentvalvereins in Berlin, Dr.- Maximilian Horwitz, ist sein älterer Bruder in Nürnberg, Herr Berthold Horwitz, im 75. Lebensjahre dahingeschieden. Er hat sich um das gesetzestreue Judentum in Nürnberg große Verdienste erworben; denn er, war es, der 1874 unter'großen- Schwierigkeiten den Verein Adas Ji-sroel begründete und ihn säst 25 Jahre hindurch mit großer Umsicht leitete.. Horwitz hat die großen Schwierigkeiten, die der Zulassung eines Privatgottesdienstes in Bayern entgegenstanden,, mit Geschick und Energie überwunden und beim Ministerium in München sowie bei den Nürnberger Stadtbehörden die nötige Erlaubnis erwirkt. In seinem Wirken an der Spitze der ,-Adas" hat -er sich durch seine echte Frömmigkeit und Ueberzeugu-ngstreue, verbundenmit Friedensliebe und Duldsamkeit, in weitesten' Kreisen Achtung erworben und den anfangs kleinen Verein sehr emporgebracht. Horwitz ha-t einen Teil seiner Jugendjahre im Hause seines Oheims, des gelehrten damaligen Düsseldorfer, späteren Posen-er Rabbiners Dr. Wolf Feilchenfeld, seligen Andenkens, verbracht, dessen- Grundsätze und Lehren sich ihm lieh eingeprägt haben. — Am Grabe rühmte Rabbiner Dr. Freudenthal die hohen Tugenden des Verblichenen, der allen Gemeindemitgliedern ohne Unterschied der religiösen Richtung als Vorbild dienenkönne, und hob besonders die großen Verdienste hervor, die er sich durch die Gründung und langjährige Leitung der orthodoxen Gemeinde in Nürnberg erworben habe. — Karlsruhe, 13. Januar. Vor antisemiti schen Methoden im Wahlkampf warnt im badischen Beobachter" ein katholischer Geistlicher die Zentrumsfraktion. Nach langen Ausführungen, in denen davor gewarnt wird, die radikalen sozialistischen Politiker jüdischer Abstammung mit. den deutschen Juden Zuidentifizieren, warnt der Artikelschreiber vor Verallgemeinerungen. „Die'deutschen Bürger jüdischen Stammes weisen mit Recht daraus hin, daß sie Kr Deutschland Leben und Blut wie die anderen Staatsbürger gewagt Haben; daß sie aber nichts .gemein haben mit jenen Menschen jüdischen Stammes, welche in Verbindung mit sehr vielen nicht jüdischen Radikalen den Umsturz und die Gewaltherrschaft begründen halfen. Man führe deshalb den Wahlkampf gegen die jüdischen nnd nichtjüdischen Radikalen, nicht aber gegen die Juden als Juden. Denn es ist ein Unterschied zwischen Juden und' Juden, so gut wie zwischen Christen und Christen. Der Zentrumsschild ist blank. Die Zentrumspresse hat nie in Antisemitismus gemacht. Sie wird es auch jetzt nicht tun. Aber zurzeit liegt die G>esahr nahe, beim Wahlkampf ab und zu in das antisemitische Horn zu stoßen. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß unsere Zentrurnswahlmänner dieser Gefahr nicht unterliegen. Wir haben bessere, positivere Agitationsmittel als den ungerechten Groll gegen -eine ganze Gruppe unserer Mitbürger, unter denen die Guten gerade jetzt nach den vier Jahren blutiger Sorgen denselben Anspruch auf Ehre, Ruhe und- Frieden haben wie jeder anständige Mensch. Des Hasses ist genug in der Welt. Schüren wir keinen ungerechten Haß, auch nicht mit „guten" Witzen und Bemerkungen." Skutlch-lSrlttrreich. Z. Wien, 1. Januar. Zu den Grausamkeiten, welche der Bölker- und Nationalitätenkrieg nach dem Zerfall Oesterreichs hervorgerufen hat, gehört -auch, daß. 329. arme in Nikolsburg gebliebene, nach Galizien zuständige Waisenkinder mitten im Winter obdachlos geworden sind. Die staatliche Fürsorge hat für sie aufgehört. Die Bemühungen der Israelitischen Allianz beim deutschösterreichischen Staatsamt wie bei der tschechoslowakischen Regierung, daß der Aufenthalt der Kinder, welche nach ihrer, ostg-alizischen Heimat derzeit überhaupt nicht befördert werden können, wenigstens bis Friedensschluß verlängert werde, sind ohne Erfolg geblieben. Die polnische Gesandtschaft hat dann empfohlen, die Kinder in Oswiecim in dort vorhandenen Baracken unterzubringen. Aber die Bezirkshauptmannschaft in Oswiecim verweigerte die Aufnahme der Kinder trotz dringenden Ersuchens der polnischen Gesandtschaft. Mit Mühe gelang es, bei der polnischen Liquidierüngskommission zu erwirken, daß die Kinder bis auf weiteres in Krakau untergebracht werden, wofür das Komitee der Israelitischen Allianz in Krakau bereits die notwendigen Vorkehrungen getroffen hat. Die Kinder werden nach der getroffenen Vereinbarung dieser Tage von Nikolsburg mittels eines von der tschechoslowakischen Regierung oder von der Eisenbahndirektion in Krakau zur Verfügung zu stellenden Sonderzuges abreiseu.

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