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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Gslisien. L Lemberg, l. Januar. Die Bestattungsfeier der bisher aufaefundenen Opfer.des letzten Jüdenpogroms (ungefähr 100 an Zahl) gestaltete sich zu einer Masienkundgebuna der gesamten jüdischen Bevölkerung Lembergs, welche ihresgleichen nur im Londoner oder New Yorker Getto suchen dürfte. Gleichzeitig wurden auch die Ueberreste der von den Hooligans geschändeten und verbrannten Thorarollen nach alter jüdischer Sitte zur Erde gebracht. Schon lange vor der anberaumten Stunde versammelte sich eine unzählige Menschenmenge an den der verbrannten Synagoge zunächstliegenden Strafen, wo jüdische Soldaten und Studenten für die Aufrechterbaltuna der Ordnung sorgten. Hier fanden sich auch die offiziellen Vertreter des Jüdischen Nationalrats, der Kultusgemeinde und das Rabbinat ein. Als jüdische Offiziere den die Dhorareste bergenden Sarg auf die Schultern hoben, brachen die versammelten Frauen in lautes Weinen aus. Nun bewegte sich der riesenlange Zug zum Friedhöfe, wobin bereits früher die Leichen der Opfer gebracht worden waren. Man schätzt die Anzahl der am Friedhöfe versammelten Personen auf ungefähr 30 000. Als man die vielen Menschen über die schneebedeckten Felder dahinziehen sah, da ward man an das ergreifende Bild von Hirschenberg l..Gvlus") gemahnt. Die Särge waren vor der Zeremonienhalle aufaebghrt worden. Selbst tief ergriffen, sprach zunächst der greise Rabbiner Brau des, den die Räuber in feiner Wohnung nicht verschont hatten, einen Hesped. worauf Gemeinderabbiner Dr. G ü t t m a n n den Opfern einen tief ergreifenden Nachruf in hebräischer Sprache widmete. Dr. Guttmann wurde infolge Aufregung von Unwohlsein befallen und konnte seino An sprach» tiiAt beendigen, ebenso der sola-pnde Redner. Ni^- präses der .Kultusgemeinde Dr. W a f s e r. Zum Schluß sprach Leutnant Dr. Waschih im Namen des Jüdischen Nationalrats herzinnige Worte der Trauer und des Trostes, worauf die Särae von den Mitgliedern der 5>uaendorganisgHonen zu dem *ott der Kultirsaemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen wurden. Der Jammer der Hinterbliebenen ,Familien, von denen einige zwei oder drei Mitglieder betrauern, war herzzerreißend; man vernahm das Wehklagen weif '"wer das Friedbofsgehäude. trauen aus der indischen Gesellschaft sammelten bei Oviertischen Gaben stir die noll^idendon Ov^er der Plünderungen; das Resultat der Sammlungen beläuft sich aus nahezu 25 000 Kronen. Die Teilnehmer des Leichenzuges kehrten in aller Rübe nach der Stadt zurück. Hier erfuhr man. daß aus Furcht vor angeblich geplanten Gewaltakten der Juden gegenüber der polnischen Bevölkerung an Beginn des Leichenbegängnisses ein Maschinenaewebr vor dem Theaterae^äifdvostiert worden war. Es handelt sich in diesem ^alle wahrscheinlich um d-m Dennnziationsakt eims aklent provocateur, demgegenüber man beim besten Willen ebenso machtlos aeaenüber siebt als den von Tan m Tag überbnndnehmenden, von der Behörde geduldeten antisemitischen Brandartikeln in der polnischen Vreffe, die bei weiterer Fortdauer unberechenbare folgen zeitigen können. Diesbezüglich wurde bereits iüdischerseits an maßgebender Stelle wiederholt Beschwerde geführt. ob mit Erfolg, dürften die nächsten Tage lehren. Anderseits werden dem einzigen jüdischen Taaesblatt. welches hier seit Jahren unter dem Namen ..Lemheraer T-aablaLt" erscheint, seitens der offiziellen und halboffiziellen polnischen Welt große Schwierigkeiten in den Weg gelegt. S?st einigen Tagen muß d"s Blatt nicht nur in indischer Svrache gedruckt, sondern sämtliche Artikel auch in lateinischer Schriftsprache wiederholt werden. Man muß auch all das geduldig in Kauf nehmen. Von Sah und Sern. — Der Antisemitismus machte sich in der vergangenen, sogenannten Spaptacus-Woche besonders stark bemerkbar. An allen Straßenecken Groß - Berlins klebten Plakate, und überall wurden Flugblätter verteilt, indenen den Juden die Schuld an den spartacistischen- Umtrieben in die Schuhe geschoben wird. Es wurde darin behauptet, daß die Mehrzahl der spartacistischen Anhänger und ihre Führer aus Juden beständen, und daß es die Feigheit der übrigen Juden verschulde, daß die Zähl der Spartacisten stündlich wachse. — Zu welchen Mitteln die Antisemiten greifen, um die Juden zu verdächtigen, beweist auch, nach einem Bericht der „Deutsch-Israelitischen Zeitung", ein Privatbrief aus Weimar. Ein dort lebender, hochachtbarer Gelehrter, der dem Judentum angehört, schreibt, er habe von mehreren Seiten erfahren, „die Synagogein Berlin h abe der Spartaeus-Gruppe 116 Mi ll i o nen M a r k fü r i h r e A g i t a ti on en g e li eh e n". Das Unsinnige dieses .Gerüchts liegt aus der Hand. Die Jüdische Gemeinde, die hier wohl unter „Synagoge" verstanden wird, ist über den Verdacht, dieses anarchistische Treiben zu unterstützen, erhaben. Aber die Entstehung und Ausstreuung solcher Gerüchte ist ein neues Zeugnis für den Eifer, mit dem viele bemüht sind, Ansehen und Würde des Judentums herabzufehen und ihm bei dergroßen Menge Schaden zu bereiten. — Die Synagogengemeinde Adaß Jisrool in Berlin beschloß die Begründung einer Darlehns- und UnterstützungSkafse zur Unterstützung von Gemeindemitgliedern. welche durch den Krieg oder die wirtschaftlichen Folgen desselben in Not geraten sind. — Der bekannte Bortragskünstler Pros. Marcel Salzer ist aus dem Judentum ausgetreten. — Leopold Schottländer, der Begründer des „Konfektionär", ist im 56. Jahre gestorben. Er war ursprünglich Kaufmann und gründete 1886 das Blatt, das er gemeinsam mit dem vor einigen. Monaten verschiedenen Hauptsckristleiiter Siegfried Karo zu einem führenden Organ des Webwarenhandels gestaltete. Im Jahre 1913 wurde das Unternehmen in eine G. m. b. H. umgewandelt und von der Union Deutsche Berlagsgesellschaft in Stuttgart übernommen. Schottländer zog sich damals ins Privatleben zurück, behielt aber bis zuletzt Einfluß auf die Verwaltung. Er war Vorstandsmitglied des Verbandes der Fachpresse. Die Beisetzung fand am Donnerstag auf dem Friedhof in Weißenfee statt. — Der Inseratenteil dieser Nummer enthält eine Anzeiae der. Taubstummenanstalt-Schule und Internat für taubstumme Kinder in- Berlin-Weißensee, auf die wir auch an dieser Stelle Hinweisen. — Aus Lissa wird uns m-stqietei'lt, daß an, Stelle des verstorbenen- Stadtrats Bankier S ch r e h e r, der den Vorsitz im Kuratorium des dortigen Wollheimschen Kranken- und Siechenbauses. führte. Sanitätsrat Dr. S che rbel zum Vorsitzenden des Kuratoriums gewählt worden ist. — Freitag, den 3. Januar.. fand in Rvbnik ein Dank- und Erinnerungsgottesdienst für jüdische Kriegsteilnehmer statt. Choraesänae und eine eindrucksvolle Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Arthur Ros entstör. die alle zum Friedenskampf für Israels Heiiligtum anfeuerte, verliehen der Feier ein würdevolles Gevräge. — Die Jüdische Gemeinde in Oldenburg veranstaltete iünast eine Gedächtnisfeier für die aus den Synaaogengemeinden des Herzogtums Oldenburg gefallenen jüdischen Helden, verbunden mit der Einweihung von zwei Ehrentafeln (für Stadt- und Landgemeinde^ Auf jeder Ehrentafel ist eine Krone angebracht, in welcher am Jahrestage eines ieden einzelnen Helden ein elektrisches Jahrzeitlicht brennt. Die Gedächtnisrede des Herrn Landrabbiners Dr. Mannheimer machte einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer. — Der Rabbiner des „Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen". Herr Dr. Michalikv in Recklchobauilen. ist zum Diftriktsrahhaner und Direktor der Prävaranden'schule in Buravrevvach gewählt worden und bat die Stelle angenommen. — Aus Karlsruhe wird uns berichtet: Aus Anordnung des Oberrates der badischen ^sraelit<»n wird künftige am Sabbat qTVu Svnaaoaen unser,» s Landes ein Gebet gesprochen, in dem Gott die Bitte vorgetragen wird, das deutsche Volk bald wieder aus allen Wirren und Trübnissen zu dauerndem tmb beglückendem Frieden zu führen: Ruhe und Hoffnnngsfreudigkeit möge bei unserem Volke einkehren, damit alle zur Mehrung des Gemeinwohls ihre Kräfte entfalten. Ferner bat der Oberr^ .eine Ansprache an die badi-fch'ien raelit»n a,»richtet, die zu aufsordert, auch weiterhin.dem Vaterland alle Kräfte zur Verfügung z,f stellen: — Gegen Mitte Janunr beginnt in Wien das erste iüdischvolitische Taablatt in deutscher Sprache zu erscheinen. Das neue Oraan, die „Wiener Morgenzeituna". wird die Oeffentlichkeit über alle Fragen des iüdifchen Lebens informieren — Ueberall in den Vereinraten Staaten Amerikas fanden ans Anlaß der polnischen Judenpogrome große Protestversammlungen statt. Der Rabbinerverband, der Verband der orthodm-en Synagogen und der Verband der aaliziichen Juden richteten an Wilson einen dringenden Appell um Schub für die jüdische Bevölkerung in Galizien und Polen. Eine von der Hilfsg>esiellsch.a.st für Jnmnigranten in New-Pork einberufene Protestversammlung!, der 8000 Personen beiwohnten-, war geradezu überwältigend. — Verantwortlicher Redakteur: Alber tNatz tn~Berlin-Vankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeioenteil: Mar Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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