Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 2-3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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23 tft tiitr tbtifert, tvetM es -sticht borhvk mich selbst -tötet. Ich bin entschlossen, seinen Rat zu 'besolden-, und, habe bereits alles mit einem Kollegen verabredet, der mich während meiner Abwesenheit v-chtreten wird." .„Herr Strömer, das küt nur aufrichtig unMdlich leid ..." . „Schön ist es wirklich nicht," unterbrach er sie etwas unhöflich. Daun wurde feine Stimme heftiger und lauter, wobei er sein Gegenüber erst jetzt forschend ansah. „Ich war der Ansicht, daß Sie bereits davon erfahren und deshalb heute gekommen sind." „Sicherlich wäre ich gekommen, wenn ich es gewußt", sagte sie freimütig. „Aber woher sollte ich es erfahren haben? Meine Verwandten sehe ich nur selten, und soweit ich mich erinnere, haben diese das letzte Mal kein Wort davon gesprochen." „Ganz natürlich, weil ich es ihnen nicht gesagt.' Bis jetzt habe ich es nur dem Kirchenvorsteher ganz im Vertrauen gesagt. Es ist doch -eine Sache, die man nicht gern an die große Glocke hängt, bis die Notwendigkeit dazu vorhanden ist." „Warum aber nahmen Sie an, daß ich es wissen mußte?" Mn bekümmerter Ausdruck überzog fein Gesicht. . „Das ist eigentlich schwer zu -erklären. Wenn Geist und Körper nicht normal funktionieren, bildet man sich oft Unmögliches ein", sprach er ausweichend. Er wartete einige Sekunden und! fuhr dann wieder leidenschaWch fort: „Frau Klaßner, das stimmt nicht. Sie sollen die ganze Wahrheit hören: Ich glaubte, daß Sie es wissen, weil ich wünschte, daß Sie es wissen, und alsich Sie vor mir sah, war ich nicht erstaunt, Sie hier zu sehen, sondern darüber, daß meine Wünsche sich so schnell verwirKicht: Schließlich aber", er schien wieder zu sich selbst zu sprechen, „brauchte ich darüber nicht zu staunen." Die junge Frau atmete schwer und es war ihr, als müßte sie jetzt ihre Worte aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele herausyolen. „Nicht überraschend sagten Sie, Herr Vikar! Ich aber sage Ihnen, wenn nur ein wemg Barmherzigkeit im Himmel vorhanden ist", rief sie und ihre Stimme bebte durch unterdrückten Zorn, --daun werden selbst die Engel droben blutige Tränen vergießen, daßich jetzt bei Ihnen bin! Und Sie wollen nicht einmal darüber erstaunt sein?" „Das klingt bitter undherb, Frau Klaßner", sprach er ruhig, fast mit der früheren Gtei-chgültigkeit. Ellen befeuchtete ihre Lippen, die ganz trocken waren. „Herr Strömer, wird -es Sie auch nicht überraschen, wenn Sr-e erfahren-, daß ich meinen Mann verlassen will?" Er lächelte ruhig und erhob abwehrend die Hand. „Frau Klaßner, ichglaube. Sie und Ihr Gatte sind noch nicht aus dem Schmollen der Flitterwochen herausgekommen." Ihr Zorn flammte wieder aus. „Wenn, es-nur dieses wäre, glauben Sie, daß ich damit gerade zu Ihnen gekommen wäre?" T-ann machte sie eine gewaltige Anstrengung, um ruhiger jortsahven zu können-, wobei sie einen Seufzer Höven ließ, der sich aus ihrer Brust hervordrängte. „Die furchtbare Wahrheit yt es, daß Umstände eingetreten sind, weder durchseine noch durch meine Schuld, die mich zwingen, den Bund mit meinem Gatten zu lösen." „Umstände — Bund lösen! . . ." murmelte er. „Sie verlangen -eine ausführliche EMärung," sprach sie schnell und fieberhaft: „Sie sollen sie mit kurzen Worten haben: Ich habe mir vergebliche Mühe gegeben, mich mit der Religion meines Gatten abzufinden und zu versöhnen- Lange wollte sch es mir nicht eingestehen und habe mich gegen dieses Bewußtsein mit der ganzen Kraft meiner Seele gesträubt. Da es mir aber nicht gelungen ist, erachte ich es als sündhaft und unmoralisch, mit einem- Manne unter demselben Dache zu leben, der mich als seine Frau betrachtet, von der -er annimmt, daß sie eins mit ihm sei in jeder -Hinsicht, die aber während der ganzen Zeit überzeugt war, daß eine geistige «wb seelische Gemeinschaft zwischen ihnen vollständig ausgeschlossen ist- Selbst die geheiligten Eheschwüre, die wir am Altar ausgetauscht, bieten mir keine Bürgschaft, ummit ihm noch länger zus-ammenbleiben zu können. Wie könnte es auch eine göttliche oder legitime Verbindung sein, da wir das, was göttlich in uns ist, nicht -harmonisch zusammensügen könnem Aber es sind auch noch andere Gründe dafür vorhanden, Herr Strömer," sprach sie über und über errötend, als sie die bebende Hand aufs Herz legte, wo das neue Leben sanft, -aber anhaltend pochte, um sie, wie sie fest überzeugt war, in ihrem Entschluß zu bestärken, „es sind auch noch andere Gründe für unsere Trennung vorhanden; aber schon der eine muß genügen, um mich und auch Sie zu überzeugen. Herr Vikar, werden Sie jetzt zugeben, daß die Engel im Himmel alle Ursache haben, blutige Tränen zu weinen?" Er starrte sie -an mit trüben Augen, und die -herabhängenden Lippen verliehen seinem Gesichte ein spitzes Aussehen. „Und warum erzählen Sie mir all dieses, und welchen Zweck verfolgen Sie damit?" «Ich glaubte, daß es.Sie interessieren wird", ries sie mit wilder Leidenschaft. „Vor einiger Zeit erwiesen Sie mir die Ehre, mich Ihres Vertrauens zu würdigen. Sie sagten mir-, daß meine Heirat Ihr Selbstvertrauen untergraben, -alle Ihre Fähigkeiten verkrüppelt hat, daher glaubte ich nur richtig zu handeln, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre damalige Schwarzsehevei sich als unbegründet erweist. Das sollten Sie wissen: mir kann es nicht schaben und Ihnen vielleicht nützen." Sein Blick war noch immer auf sie gerichtet, seine Gesichtszüge aber nahmen jetzt einen befremdlichen Ausdruck an. „Dafür danke ich Ihnen. Ja, es mag mir viel helfen, wenn es nicht — bereits zu spät wäre." Noch ehe er seine Rede sortsetzen konnte, vollzog sich in ihrem Herzen eine vollständige Umwälzung. Der wegwerfende Dank, mit dem er ihrem Zorn begegnet, die stupide Entgegnung, die er ihrer Aufrichtigkeit entgegengebracht, der trübselige Nachsatz, den er seinem Dank angefügt, alles vereinigte sich, um ihr die Torheit vor . Augen zu führen, daß sie sich so hatte Gnreißen lassen. Sie sah ihm ins Gesicht, das ihr voll mitleidiger Erwartung zugewandt war, und ihre Worte sprudelten wie ein Bergsturz über ihre Lippen. „Herr Strömer, nehmen Sie Ihren Dank zurück, denn ich verdiene keinen. Sie werden staunen, wenn Sie den wahren Grund meines Herkommens erfahren; Sie werden erschrecken, genau wie ich erschrocken bin, als er in meinem Geiste auftauchte; wenn Sie erfahren, wie groß meine Verzweiflung sein muß, da mein Gehirn einen solchen Gedanken fassen konnte. Sie werden . . . ach, ich darf nicht sortfahren!" jammerte sie und bedeckte das Gesicht Mit beiden Händen. „Versuchen Sie es nur", drängte er sie sanft. „Herr Strömer, ich liebe -meinen Gatten," gehorchte sie willenlos, „und ich -bin auch von seiner innigen Liebe zu mir fest überzeugt.' Ach,'Göth wäre es doch anders! Darum kann ich es nicht-ertragen — abgesehen von der tiefen Wunde, die ich seinem Herzen schlagen muß — ihn in einer gallenbittern Gesangenschast einer ungelösten Ehe zurückzulassen, deren Fesseln er das ganze Leben mit sich herumschleppen müßte. Das Verlangen, diese seine Sklavenketten zu brechen, würde mich zu einer Tat treiben, für die auch er -mir wenig Dank wüßte.— —r Die Landesgesetze kennen nur einen Weg, der ihn zur Freiheit führt: Ehebruch! Dieses Mittel muß ich ihm verschaffen, dann wird das Gesetz ihn freigeben. Er kennt mich zu gut und w-Äß, daß es nur ein Vorwand ist und niemals Wirklichkeit werden kann, -aber der Richter wird sich täuschen lassen, ihm wird der Schein genügen. Und, Herr Strömer, es ist nur ein einziger Mann vorhanden, der michbei dieser Täuschung unterstützen kann, wissend, daß es eben nur eine