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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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Nicolai: Für Aufklärung der Deutschen hast du mit Lessing und Moses Mitgewirkt? Ja, im hast ihnen die Lichter geschneuzt. Sehr merkwürdige, bisher wenig oder gar nicht beachtete Aeußerungen finden sich in den Jugendschriften. Da ist zunächst in den „Ephemerides", den Straßburger Notizenheften ein großer Auszug aus „Phaedon", nämlich dem Platonischen, Wobei aber die einzelnen Abweichungen Mendelssohns genau t gebucht werden. Eine ganz besonders interessante Stelle, auf die bisher noch niemals hingewiesen worden ist, steht in der „Anekdote zu den Freuden des jungen Werth er", der bekannten Spottschrift Nicolais. In dieser Anekdote, einem Gespräch zwischen Lotte und Weither, hat erstere zu sagen: „Kann einer nicht etwas' für uns tun, ohne Dank zu verdienen? Hättest du die Relation gelesen, die er (Albert, der eine Held des Romans) davon an Madame Mendelssohn schrieb, du wärst rasend geworden." Die wichtigsten, freilich auch bekanntesten Stellen stehen in „Dichtung und Wahrheit". In der einen, der meisterhaften Literaturübersicht am Anfang des 7. Buches, heißt es: „Und nun fanden die Philosophen selbst sich genötigt, um populär zu sein, auch deutlich, und faßlich zu schreiben. Mendelssohn, Garve traten auf und erregten allgemeine Teilnahme und Bewunderung." Die andere steht im 14. Buche. Sie ist eine Schilderung von Lavaters Auftreten.. Dort.wird gesagt: „Aergerlich war mir daher die heftige Zudringlichkeit eines so geiftals herzvollen Mannes, mit der er auf mich, sowie aus Mendelssohn und andere losging und behauptete, man müsse entweder mit ihm ein Christ, ein Christ nach seiner Art werden oder man müsse ihn zu sich herüberziehen, man müsse ihn gleichfalls von demjenigen überzeugen, worin man seine Beruhigung finde." Endlich heißt es in dem kleinen 1820 geschriebenen biographischen Aussatz „Voß und Stolberg": «Man erinnere sich nur an die unglückliche Entdeckung von Lessings geheimer Spinozistischer Sinnesart durch Friedrich Jäcobi, worüber Mendelssohn sich in buchstäblichem Sinne sich den Tod holte." Man erkennt aus diesen Aeußerungen, von welcher Achtung Goethe für Mendelssohn erfüllt war. Ich weiß wohl, daß in den Briefen gelegentlich ein hämisches, wegwerfendes Wort vorkommt. So hoch ich aber auch den Wert der Briefe schätze, so weiß ich anderseits, daß Briefe nur die augenblickliche Stimmung widerspiegeln, daß aber das in dm Werken Gesagte als Ausdruck der allgemeinen gefestigten Lebensüberzeugung zu gelten hat. Wir dürfen also Goethe zu denen rechnen, die Mendelssohns Wirken hohe Achtung, ja Verehrung entgegenbrachten. . L. G. 3WW Jedem das Lemige. (26. Forts.) Roman von M. Pulvermann. enige Minuten stand Strömer vor ihr. „Sie!?" rief er und machte keinerlei Versuch, seine grenzenlote Ueberraschung zu verbergen. Aber es war nur der erste Augenblick des unerwarteten Zusammentreffens, denn bald hatte seine Stimme wieder den ruhigen Klang, als er, sortfuhr: „Es war unrecht von Ihnen, Ihren Namen nicht zu neunem - Vielleicht aber auch klug", fügte. er. gedankenvoll hinzu. „Unrecht — klug?" murmelte sie ungewiß. „Jawohl, klug, weil Sie. die Natstr. dch Ma»mes kennew der sich von dem Ünbekannten'nndsGeheinysisVollen angezogen fühlt; daher konnten Sie durch >das Verschweigen Ihres Namens das Warten hier abkürzen. Unrecht aber, weil Sie einen alten Freund des Vergnügens beraubten. Sie einige Minuten früher zu sehen." .; Seine Worte klangen froh und fröhlich, so daß Ellen an der Echtheit nicht zweifeln konnte; wenigstens. schien es ihr so bei der oberflächlichen Betrachtung.. Als sie ihn aber länger aublickte, da glaubte sie einen Fremden vor sich zw haben, so sichtlich war die Veränderung in feiner -ganzen Erscheinung Er ging gebeugt, zwar ein wenig nur, aber bei seiner Jugend und bei seiner wohlgebildeten Gestalt um so auffallender; sein dichtes, schwarzes Haar war dünn geworden und zeigte hier und da einen grauen Streifen-. Die größte Veränderung aber zeigte sich in seinen Gesichtszügen, die früher glatt/wie gemeißelt, waren, jetzt aber Furchen und Runzeln zeigten. ' Auch seine strenge Mene schien jetzt weich und sanft geworden zu sein, aber Ellen ließ sich nicht täuschen: sie erkannte, daß es nur Schlaffheit und Kraftlosigkeit war: Sie war unzufrieden. Was sie jetzt begehrte, erforderte ja eine volle Manneskrast, einen Mann, wie .Strömer früher war. Er aber dachte-gar nicht daran, daß seine veränderte Erscheinung eine Erklärung heischte, und unbefangen erwiderte er ihren forschenden Blick, den er aufsich gerichtet sah. In seiner ruhigen Art veranlaßte -er sie, den Mantel abzulegen., und führte sie dann zu einem bequemen Sitz am offenen Herd, wo ein helles Feuer brannte. Er setzte sich ihr gegenüber und spracht und erzählte, ohne eine Antwort von ihr abzuwartenl. Er sprach von Ellens Verwandten, die er erst gestern wieder besucht, von den bevorstehenden Reichstagswahlen, von gemeinsamen Bekannten und dergleichen gleichgültige Dinge. Die Worte flössen ihm glatt und ruhigüber die Lippen-, als wären keine Erinnerungen vorhanden, um seine jetzige Gleichgültigkeit Lügen zu strafen. Ellen lauschte anfänglich verwundert, dann aber ungehalten und verstimmt, weil er ihr gar keine Gelegenheit gab, ihr Anliegen vorzübringen. Er -mußte doch wissen-, daß nur ein Ereignis von der allergrößten- Bedeutung sie zu ihm geführt haben konnte, daß eine schwere Krisis sie hierher getrieben. Gewiß sollte dieses nachlässige und unwichtige Plaudern feine Mißstimmung gegen sie verbergen!. -Sicherlich wollte er sich jetzt rächen, indem er es geflissentlich vermied, dm Zweck ihres Herkommens zu erörtern. Abgespannt blickte sie nach der Tür, da er anscheinend noch stundenlang so fort plaudern konnte. Sie wartete daher auf einengeeigneten Augenblick, um ihn zu unterbrechen und sich zu verabschieden!. Bald aber erkannte sie, daß sie sich dochin ihm getäuscht. Er hatte sich -gar nicht verstellt; es sollte nur eine Art. Einleitung für i>as PersönMche bilden, das er jetzt berührte. „Wisien Sie auch-, Frau Klqhner, daß Sie mir mit Ihrem Besuch eine Reise zu Ihnen erspart?" „Wirklich; Herr Strömer?" „Ich'hatte die Absicht, indennächsten Tagen zu Ihnen zu kommen, um mich von Ihnen zu verabschieden." „Zu verabschieden? Wollen- Sie denn verreisen?" „Ja, ich werde verreisen; und es -mag sogar eine Reise für die Ewigkeit bedeuten. Man kann ja nie wissen, was passiert", sprach er leichthin. „Aber ich will. Sie nicht länger im unklaren lassen. Mein Arzt erklärte mir. ohne Umschweife, daß ich mich geistig und körperlich auf einem nicht unbedenklichen Abstieg befinde, -daß er daher, für -nichts einstehen kann,,, wenn ich nicht für längere Zeit ausspan-ne. Nicht etwa so einige Wochen auf dem Lande oder in einem Seebade, sondern gründliche Lustoeränderung in fremd-en Weltteilen, . mit einer ganz veränderten- Lebensweise, für ein ganzes Jahr, noch besser aber für zwei Volle Jahre. Das mag vielleicht den Krankheitsstoff

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