Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 2-3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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S. 224 bis 226, Nr. 20 S. 232 ÄS 234 Und Nr. LI & 248 bis 249) I publizierte. Etwa ein halbes Jahr 'später erschien vom selben Verfasser ein weiterer Aufsatz: ,,Ende der Gemeindekämpfe in Konstantinopel?" („Allgemeine Zeitung desJudentums" 1912, Nr. 47 S. 561 bis 563). Kurz nach Kriegsausbruch schrieb ich: „Am goldenen Horn. Eine Zniielichtbetrachtung" („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1914, Nr. 45 S. 532 bis 535), worin ich in summarischer Uebersicht den wichtigsten öffentlichen Fragen und in einem besonderen Abschnitt „Kommunales" dem gemeindepolitischen Problem eine Betrachtung widmete. Es bliebe freilich noch einiges über die Zeit während des Krieges zu sagen. Hierüber mich kurz zu äußern ist mir um so lieber, als wir in dieser Zeit eine völlige Neugestaltung der Dinge erleben. Vor dem Kriege herrschte, wie dies zum Teil schon aus der Ueberschrist der angeführten Aussätze hervorgeht, Zwiespalt und Streit im Konstantinopeler Gemeindeleben. Mit dem Ausbruch des Krieges zog ein Geist der Versöhnung und der Harmonie unter die Judenheit der Reichshauptstadt ' ein. Alle wollten sie mittun, alle wollten sie eingreifen, leisten, helfen. So kam ein großzügiges humanitäres Werk zustande, das uim so überraschender ist, als derlei in der Türkei und auch unter den Spaniolen früher kaum gekannt war. An der Spitze stand Se. Eminenz Halm Nahe um Essend i. Eine sehr erfreuliche Erscheinung war es, daß von vornherein alle beideutenden jüdischen Organisationen am Hilsswerke ihren Anteil hatten. Nicht allein, weil dadurch etwas wirklich Ersprießliches zuwege gebracht, sondern auch, weil aus diese Weise allen partikularistischen Bestrebungen ein Riegel vorgeschoben und der Kollektivarbeit ein besonderer Impuls verliehen wurde. In dem aus 14 Mitgliedern bestehenlden Zentralkomitee befanden sich außer dem GroßrabbilNier-, der das Präsidium mnehatte, 2 Vertreter des Gemeinderats, 2 Vertreter ider Alliance Jsraölite Universelle, 2 Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden, 2 Vertreter der Jca, 2 Vertreter der Loge Bne Brith, 3 Vertreter des Jews Distribuation Committee aus New T)ork. Zwecks konsequenter Durchführung der Arbeiten wurden folgende sechs Kommissionen ernannt: 1. Kommission für Volksküche n. Von Staats und Stadt wegen ist ja so gut wie nichts für die arme Bevölkerung in der Türkei geschehen. Wies nun Konstantinopel ohnehin schon ein starkes jüdisches Proletariat aus, so nahm dies während des Krieges geraden erschreckende Formen an. Dem wachsenden Elend wurde durch die Errichtung von Speiseanstalten zu steuern gesucht, die in den Ortschaften Haskeuj, Balat, Galata, Kuskundschuk und Ortakeuj eröffnet und in denen an die 5000 Personen täglich verpflegt wurden. Die Einrichtung der Küchen geschah nach modernster Art; so hatte man allein für die Kessel, die aus Deutschland bezogen wurden, 100 000 Mark bezahlt. Der Etat der Speifeanstalten Übersteigt mehrere Millionen Mark. 2. Kommission für Soldatenfamilien. Ihre Ausgabe bestand, wie'der Name besagt, in der Fürsorge für diejenigen Familien, deren Ernährer eingezogen wurden, und die infolgedessen in Not geraten sind. Besonders angelegen ließ man sich die Fürsorge für die Witwen und Waisen sein, denen man durch Gewährung einer Pension zu helfen suchte. Ihre Zahl war recht groß. So wurden rund 320 Kriegswaisen regelmäßig unterstützt. , 3. Prov inzialk o mmrs s i o n, der es oblag, sich der Juden außerhalb Konstantinopels anzunehmen. 4. Kommission für Einwanderer aus Palästina. Dadurch, daß Palästina zur Kriegszone gehörte, wurden viele Juden, infolge einer verhängnisvollen und unglückseligen Politik des damaligen Avmeesührers Djemal Pascha zur Auswanderung gezwungen, und zwar nicht nur Juden fremder Staaten, sondern auch türkische Untertanen. Zumeist befanden sie sich in größter Not, als sie in Konstantinopel eintrafen, so daß es für sie zu tun Gelegenheit gab. 5. Kommission zur Vermittlung der Korrespondenz zwischen den Juden in der Türkei und ihren Angehörigen im Auslande. 6. Waisenh auskommissi o n. Ihre Tätigkeit ist nicht unmittelbar eine Folge des Krieges, aber hat durch diesen einen gewaltigen Umfang angenommen, Not und Elend >der letzten Jahre haben vielen Kindern in Konstantinopel ihre Eltern geraubt, so daß die jüdische Gemeinde an Stelle der bisher in mäßigem Umfange betriebenen Waisenpflege sich plötzlich vor außerordentlich große Aufgaben gestellt sah. Ein Haus für den Preis von 200 000 Mark wurde angekauft, und die Verwirklichung der weitgesteckten Ziele läßt sich die Kommission aufs sorgfältigste angelegen sein. Damit sind jedoch die humanitären Bestrebungen der Gemeinde keineswegs erschöpft. Denn neben dieser sozusagen regelmäßigen Wohlfahrtspflege traten noch vielfach unvorhergesehene, ganz plötzlich sich einstellende Aufgaben hinzu. Konstantinopel ist eine Stadt der Katastrophen. Dreimal währenddes Krieges brachen in jüdischen Vierteln Feuersbrünste aus, einmal fand eine D y n a m i texplosio n infolge eines in Brand geratenen Mrmbtionsdepots statt. Biele Glaubensgenossen sind dadurch in großes Unglück geraten; bisweilen betrug die Zahl der obdachlos gewordenen mehr ctl§ dreitausend. Diesen Unglücklichen mußte geholfen werden. Und es geschah in erheblichem Maße, indem man ihnen zu essen gab, für sie für die Beschaffung von Wüsche sorgte und ihnen Wohngelegenheit durch Gewährung eines Mietszuschusses sicherte. Einen Punkt besonderer Aufmerksamkeit bildete die Fürsorge für „ve r s ch ä m t e Ar m e". Die plötzliche Umstellung auf die Kriegswirtschaft hat in Konstantinopel, wo nichts organisiert war, mehr noch vielleicht als sonst wo. eine tiefgreifende Umgestaltung der bisherigen Zustände zur Folge gehabt. Auch hier finden wir den „neuen Reichtum". Umgekehrt aber wiederum sind viele, die früher in geordneten Verhältnissen gelebt haben, verarmt und existenzlos geworden. Um sie vor der Deklassierung zu bewahren, müßte ihnen geholfen werden. Aber es sollte in einer Form geschehen, daß sie auch seelisch im Gleise blieben. Als eine der Maßnahmen sei die Begründung von Dar leih ns kaffe n erwähnt, die erst nach dem Kriege so richtig ausgebaut werden follenh. *) Die Männer, die so Ausgezeichnetes geleistet haben, verdienen namhaft gemacht zu werden. Es sind: Albert Hassan,, Direktor der Stempelsteuerabteilung der „Dette Publique". Schimon Levi, Rechtsanwalt. Exzellenz Nahmras Bei von der Kaiserlich Ottomanischen Bank. R, Tedeski von der Bank Commondo. Oberrabbiner Dr. Marens. Dr. Israel Auerbach. Niego. Isaac Taranto, Rechtsbeistand des Auswärtigen Amtes. Mttrani. Harrv Mandil. A. Barzilai. Albert Fresvo. Gemeindepräsident G. H. Reisner. Der Vorstand setzte sich wie folgt zusammen: Halm Nahoum, 1. Vorsitzender. Dr. Marcus, 1. stellv. Vorsitzender. Albert Fresco, 2. stellv. Vorsitzender. Mittrank, Schatzmeister. Dr. Auerbach, Sekretär, Albert Hassan, Kontrolleur. A. Barzilai, Almosminspektvr. Se. Eminenz Hain, Nahoum Effendi Chacham Baschi der gesamten Judenheit der Türkei.