Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229394--74601-3287060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

17 iürtßeten Mannerrt üitb Vor üllen Dingen den Frauen und erwachsenen Mädchen zuteil. Halte keiner sich zurück! Bedenke jeder, daß es aus seine Stimme ankommt! Wähle jeder nach dem Standpunkt, den er in politischen Dingen einnimmt! Nur das eine mögen die jüdischen Wähler bedenken, daß ste verpflichtet sind, nur demjenigen ihre Stimme zu geben, von. «dem sie überzeugt sind, daß er gesonnen ist, das Necht und die Freiheit, also auch Recht und Freiheit der Juden, zu verteidigen. (Ls ist eine der ernstesten Schicksalsstunden, zu denen wir unsere Leser mahnend ausrusen: Kein einziger darf sich zurückhalten, wo es der Zukunst des Vaterlandes gilt. Alle Parteien buhlen augenblicklich um die Gunst der Juden, namentlich die rechtsstehenden, obgleich sre von Antisemitismus angekränkelt sind, tun so, als wenn sie für die Juden eintreten wollten. Laßt euch nicht umgarnen, sondern bedenkt, daß nur diejenige Partei auch den Juden die ihnen gebührende Stellung einräumen kann, die wirklich keinen Unterschied des Glaubens und der Gesinnung kennt. 9teue§ über die Stellung der Juden in anderen Ländern läßt sich bei der Kürze der Zeit wemg sagen. Bon neuen Ausschreitungen ist nichts vekanntgeworden. Mit tiefster Betümmernrs aber erfüllt uns das Schicksal unserer Glaubensgenossen in Posen, Westpreußen, Oberschlesien. Soweit man aus den durstigen, bisher bekanntgewordenen Nachrichten entnehmen konnte, sind dre Fortschritte der Polen in allen drei Gevietstellen sehr groß, und die Befürchtung liegt nahe, daß die Polen, die als Befreier auszutreten prahlen, den Juden mcht nur keine Befreiung bringen, sondern die alten Schädigungen bereiten werden. Wir fühlen mit unseren Glaubensgenossen rat Osten aufs stärkste und innigste mit; wrr wünschen, gleich ihnen, daß diese zwar ehemals polnischen Landesteile, die seii einem Jahrhundert und länger Deutschland angeyört haben und deren jüdische Bevölkerung immer und überall der Hort des Deutschtums gewesen ist, für Deutschland nicht verlorengehen. * Ueber die Zustände in Posen erhalten wir aus Lifsa folgenden authenrischen Bericht: Lifsa i. P., Mitte Januar. Die Provinz Posen im allgemeinen und wir hier ra unserer exponierten Ecke im besonveren find in einer höchst gefährdeten Lage. Das bedarf nach allen entlaufenden Berichten keines besonoeren Beweises. Die Polen gehen nach berühmten Mustern vor. Beati possidentes, glücklich die Besitzenden! Ueber Proteste und Mittel zur Selbsthilfe gehen sie kurzerhand hinweg. Da die Regierung gegen die Besetzung der ösrlichen Kreise der Provinz Posen ourch die Polen es an energischen Aowehrmaßregeln hat fehlen lassen, haben die im Deutschen Bolksrat Westposens vereinigten Kreise zur Selbsthilfe gegriffen und ihren Anschluß an die benachbarten Provinzen Schlesien und Brandenburg beschlossen. Die Kreise Fraustadt, Lissa und Rawitsch haben sich an Schlesien angeschlossen. Sie erwarten von dort ernstliche tzilse. Die Polen sind dadurch gereizt worden, und in Lifsa hat sich ihre Erregung noch dadurch gesteigert, daß eine Anzahl von Polen (darunter zwei Aerzte, ein Rechtsanwalt, Kaufleute) verhaftet und interniert worden ist. Wir sind jetzt hier von drei Seiten eingeschloffen. Die Eisenbahnverbindungen nach Posen, Jarotschin, Ostrowo und Bentschen sind gesperrt, der Betrieb wird nur noch in der Richtung Breslau und Glogau ausrechterhalten. Das ganze Hinterland und damit die Lebensmittelzusuhr von dort ist für uns abgeschlossen. Täglich erfolgt Alarm, und es finden in der Umgebung Gefechte statt. Dazu kommen allerhand Räubereien. Einem jüdischen Handelsmann von hier sind Pferd und Wagen mit einer größeren Geldsumme abgenommen worden, er selbst wird von den Polen festgehalten. Die Unsicherheit und die Gefahr wachsen von Tag zu Tag. Es muß unverzüglich eine größere Hilfe nach hier erfolgen, um unserem Bezirke die Verbindung mit dem Deutschen Reich zu erhalten. Man möge in Berlin acht neben. Die Provinz Posen ist die Kornkammer des Reiches. Caveant copsules, ne quid detrimenti capiat res publiea! * Bei der schweren Bedrückung im Innern, unter der wrr in der vergangenen Woche litten, hat man die Aufmerksamkeit auf die äußeren Vorgänge kaum zu wenden vermocht. Nun Müffen wir uns wieder daran erinnern, daß, nach einer hossenllich eintretenden Verlängerung des Waffenstillstandes, bald die Friedensverhandlungen beginnen. Wir wollen, so schwer es uns auch wird, die Befürchtungen unterdrücken, die wir als gute Deutsche von den Verhandlungen hegen müssen, bei der Deutschland nicht als der unterhandelnde, sondern als der demütig duldende und gehorchende Teil sein wird. Nur darauf sei yingewiesen, daß auch die jüdische Frage bei diesen Verhandlungen erwogen werden wird. Wie stcy die Ausgestaltung des palästinensischen Reiches gestalten wird, ist unsere geringe Sorge; hoffentlich bleibt es uns aber erspart, daß wirrlich eine jüdische Autonomie in den östlichen Ländern beschlossen und durchgeführt wird. Eine solche ist nach unserer lleverzeugung der scyltmmsie Schaden; würde sie etwa auch in Deutschland durchgefüyrt, so wäre sie das Todesurteil für das deutsche Judentum. Doch wir wollen uns der Schwarzseherei nicht überlassen! Wir wollen uns vielmehr sreuen, daß einigermaßen wieder die Ruhe und Ordnung hergestellt ist, und wollen hoffen, daß wir einer Zeit entgegengehen, ra denen die entsetzlichen >§reignifse der jüngsten Zen als ein zwar schreckhafter, aber glücklicherweise vergangener Traunr erscheinen. Auk, deuische Inden, wehret euch! ngesichts der Tatsache, daß die Kriegshetzer nunmehr zur Verantwortung gezogen werden sollen und ihnen ein Strafgericht droht, das rynen in feinem Verfolg Angsl und Schrecken einslößt, trachten sie danach, die Schuld an dem Elend, in das sie das ahnungstose, von ihnen so schmählich belogene und betrogene üemsche Volk getrieben haben, auf die deutschen Juden abzuwälzen. Jetzt, wo die deutsche Station aus der Betäubung erwacht ist, in die jene Kriegsvertängerer sie eingelullt haben, wird' von chnen Rechenfchasl gefordert, und sie bieten die Juden als die Prügelknaben dar, welche die Strafe erleiden sollen, die sie selbst verdient, so reichlich verdient haben. Sie wollen das deutsche Volk glauben machen, nicht sie, sondern die Juden hätten all den Jammer, der über die deutschen Lande hereingebrochen, verschuldet. Zu diesem Zwecke verbreiten sie Flugblätter in tausend und aver tausend iLxemplaren, wobei sie bemüht sind, den Juden alles Schlechte anznhesten und sie insbesondere der Drückebergerei, des Wuchers, der Herrschsucht, ja des Verrates zu bezichtigen. Alle nur evdenttichen Laster wirft inan ihnen vor. Darf die deutsche Judenheit zu solchem niederträchtigen Verfahren schweigend Darf sre fernerhin tatenlos die ärgsten Schmähungen und Verleumdungen über sich ergehen lassend Nein, sie darf es nicht! Darum: Auf, deutsche Juden, wehret euch! Antwortet den Schmähern und Verleumdern! Verkündet es allerorten laut und vernehmlich, daß alles eitel Lug und Trug ist, was sie verbreiten. Reißt den schamlosen Schmähern die Maske von den wutverzerrten Gesichtern, daß man die wahre, nackte Gestalt jener Schandbuben schaue, die vor keiner Gemeinheit und Niedertracht zurückschrecken, und die in jeder edlen, menschenfreundlichen Tat' eines Juden ein Verbrechen erblicken. Scheut euch nicht, den Kampf mit chnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.