Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 2-3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 geweigert, eine Schulaufgabe über das Thema: „Warum bin ich stolz, ein Deutscher zu sein?" zu schreiben mit der Begründung. sie wären „Nationaliu'den" und als solche Söhne des indischen Volkes und keine Deutschen. In diesen jugendlichen Köpfen baden also die überhitzten zionistischen Versammbmasreden und kritiklosen Broschüren eine ungesunde Gärung hervorgerufen: der Unreise merkt nicht, daß hier mit Begriffen ein mißbräuchliches Spiel getrieben wird und daß das Wort „Volk" zwei verschiedene Inhalte deckt, die einander nicht nur nickt ausschließen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Die Zugehörigkeit wm „indischen Volk" ist gang anderer Natur als die zur deutschen Staatsnation: letztere beruht auf dem Willen, an allen staatspolitischen und kulturellen Aufgaben der deutschen Nation mit zu arbeiten, ihre Unabhängigkeit und Sicherheit zu verteidigen.. Leid und Freud mit ibr zu teilen. Wer sich unfähig fühlt, diese (übrigens schon vom Propheten Jeremias vor mehr als dritthaH Tausend Jahren klar formulierte»') Pflichten mit seiner Zugehörigkeit zum südischen Volk zu vereinen, dem wird freilich nickts übriableiben. als die Gemeinschaft mit dem jüdischen Volke zu lösen, oder aber aus Deutschland auszuwandern, lls ist nämlich ausgeschlossen, daß eine moderne Nation in ihrer Mitte eine oraanisserte Gemeinschaft duldet, ihren Angehörigen gleiche Nechte gewährt, ihnen in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben bedeutende, deren Zähigkeiten entsprechende Stellungen einräumt, während sie sich mit den volitifchen und kulturellen Zielen der Gesamtheit nicht identifizieren und an den allgemeinen Ausgaben nicht Mitarbeiten wollen. Diese organisierte Gemeinschaft müßte ia innerhalb des Staates und der ifm tragenden Nation nicht nur einen . Staat im Staat", eine Nation in der Nation darstellen, sondern könnte nur zu leicht den Verdacht auf sich ziehen, einen Staat gegen den Staat. eine Nation gegen die Nation zu bilden. Würde die Agitation ungehindert so fortgeben, die Begriffsverwirrung immer weitere Kreise ziehen und fortsbreiten und die -tragen aut die Spitze treiben, so besteht die Gefahr, daß viele Laue und Indifferente es vorziehen werden, den Zusammenhang mit dem „iüdischen Volke" dUrch Austritt aus dem Judentum endgültig zu lösen, anstatt auf die bürgerliche Gleichberechtigung oder vielleicht gar auf das Heimatrecht zu verzichten. Eine gewaltige Ab fall sbeweguna wäredann die Folge des gesteigerten iüdischen „Nationalb ewußt'seins" und der verheißenen nationalen Autonomie. Es ist in diesem Weltkrieg — um ein talmudisches Sprichwort zu gebrauchen — so manches Kamel ausgezogen, um Börner zu gewinnen, und hat dabei die Ohren gelassen. Es ist durchaus nicht nötig, daß das „jüdische Volk" die Zahl dieser interessanten Eremvlare vermehrt. Im Staate Deutsch-Oesierreich hat der Staatssekretär für Nolksgesundheit es abgelehnt, den iüdischen Militärärzten die Angelobung abzunehmen. Da nämlich Deutsch-Oesterreich ietzt ein rein nationaler Staat ist, so lautet die Tormel auf Zugehörigkeit zur deutschen Nation. Nun hat sich in Wien ein jüdischer „Nationalrat" gebildet, 'der für die Juden nationale Autonomie fordert. Dieser Nationalrat ist im Grunde nichts als ein erweiterter jüdischer Kultusrat, denn er repräsentiert ausschließlich Personen des jüdischen Kultus, und 'die geforderte nationale Autonomie wird sich, wenn verwirklicht, als die alte, liebe jüdische Kultusgemeindeautonomie erweisen und weiter nichts. Aber wir haben uns nun einmal unter einer neuen, modernen Firma etabliert, wir wollen, ganz wie 'die Amerikaner es wünschen, nicht hinter den .^anderen Völkern" zurückbleiben, wir tragen ein Siddur und reden den Leuten ein, es sei ein Machsor. Die Leute draußen aber sind von diesem neuen Schild nicht entzückt. Sie haben den alten Nationalitätenhader vollkommen satt, und da die Antisemitenwoge im Steiaen begriffen isi, so ist ihnen jeder Schein willkommen, um die Juden zu bedrängen. Das Beispiel ist ansteckend und es müßte mit Wundern zugehen, wenn sich nicht in den anderen Nationalstaaten von Wilsons Gnaidert die gleiche Stimmung gegen uns geltend macht. Die Folge unserer „nationalen Forderungen" und die sie begleitende Begrifssverwirrnng wird also eine neue gefährliche Aufrollung derIudenfragesein.wiefieEuropanochnicht g es eh e n h a t. Es wäre höchste Zeit, daß hier Licht gemacht würde. Oftmals schon hat in der Geschichte eine irrtümlich verstandene Phrase großes Unheil angerichtet. 2)1» Mach». Berlin, den 14. Januar ISIS, ie letzten Wochenübersichten, datiert vom 7. und 14. Januar 1919, sind entweder vernichtet oder nicht rechtzeitig in die Druckerei gelangt; sie müssen daher in letzter Stunde durch einen gedrängten Auszug aus dem Gedächtnis ergänzt werden. Zunächst sei der Entrüstung Ausdruck gegeben über das wahnsinnige Treiben einer irregeleiteten Fanatikerbande, die aus Baß gegen ordnungsmäßige Tätiakeit einen der größten, segensreich wirkenden Betrieb 8 Tagelang gehindert.wertvolle Manuspripte zerstört und bedeutende'Werts vernichtet hat. Die Leser unseres Blattes werden ohne weiteres entschuldigen, daß eine Nummer nicht erscheinen konnte: die Mitarbeiter mögen verzeihen, wenn manche ihrer Beiträae. die der Druckerei einaeliefert waren, der vlanlosen Zerstörungswut des im Moffe-Palast herrschenden Pöbelhaufens zum Ovfer gefallen sind. Genaues läßt sich einstweilen noch nicht feststellen, ^ck werde nicht verfehlen, an dieser Stelle Bericht zu erstatten oder mich privatim mit den Mitarbeitern in Beziehung zu setzen. Schon ietzt aber bitte ich dimeniaen, die seit Ende Dezember Aufsätze einaeliefert und von mir eine zustimmende Antwort erhalten haben, mir die Titel ihrer Aufsätze zu nennen und, wenn sie dazu imstande sind, eine Abschrift der Beiträge zu senden. Sodann entbieten wir der Firma und deren ehrwürdigem Ebef unseren herzlichen Glückwunsch, daß aus dem entsetzlichen Treiben der letzten Woche das Baus doch M"Mostens gerettet worden und daß es in wunderbar schneller Zeit gelungen ist, den Betrieb wieder in die Wege zu leiten. Und endlich sei die Hoffnung ausaedrückt, daß nun rubiae und gedeihliche Zeiten wieder eintreten. die auch uns in d»n Stand setzen, ununterbrochen unsere Tätiakeit auszuüben. Mit dem Ausdruck dieser Hoffnung verbinden wir das Gelöbnis, an unseren Anschauungen festzuhalten, den Kamvf weiterzusübren gegen Zionismus und Antisemitismus, den iüdischen Standvunkt festzuhalten, zur Einheit innerhalb des Judentums zu mahnen und unentwegt die unauflösliche Verbindung zwischen Deutschtum und Judentum zu betonen. Diese Verbindung soll sich am Anfang der nächsten Wocke aufs deutlichste zeigen. Auf den 19. Januar ist die Wahl für die deutsche Nationalversammlung angesetzt. Wir hegen die Hoffnung, daß sie ungestört stattfinden und so verlaufen möge, daß unserem teuren, so tief gedemütigten und so arg zerrissenen Vaterlande neues Heil erblühe und wirklicke innere und äußere Gesundung erstehe. An alle, 'besonders aber an die Leser dieses Blattes, ergeht die dringende Mahnung, an diesem Tage ihr Recht zu wahren und ihre Pflicht auszuüben. Die Beteiligung an der Wahl ist das heiligste Recht und die ernsteste Pflicht; beide werden diesmal auch