Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 2-3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 eine gesprochene Sprache,. die sie mit rührender und ehrenwerter Sorgfalt vor dem Untergang zu retten bemüht sind. Gleichwohl schmelzen diese beiden Nationalitäten zusehends zusammen, obwohl, oder noch richtiger, weil sie von leiten des Staates nicht verfolgt, sondern, wie die Litauer in Preußen, sogar noch gefördert werden. Die jüngeren Generationen sind nicht zu halten. Die mächtige, sie umgebende Nationalkultur der Deutschen absorbiert sie allmählich. In manchen Ortschasten. wo noch vor dreißig Jahren eine zablreicbe wendische Bevölkerung vorhanden war. gibt >cs nur noch einen alten Mann oder eine alte Frau, die Wendisch versteht. Nur die Familiennamen zeugen n«fi davon, daß ehemals die ganze Bevölkerung sich zur wendischen Nationalität bekannte. Nur eine Nersolaunas- und Ausrottunasvolitik von feiten des Staates könnte diesen verschwindenden Nationalitäten ein neues Leben einbauchen. Denn es ilt ein Grundgefühl des Menschen, daß alles, was ihm die Mackst gewaltsam entreißen will, ibm um so teurer und heiliger wird. In den Ottmarken gäbe es Heute ohne die vreußische Ausrottunasvolitik. die im Hakatismus und im Knteianunasaesetz ihre unseligsten Driuwvbe feierte, überhauvt keine Bolenfnaae. Das haben polnische Historiker und Politiker unzählige Male konstatiert. — Die Nachkommen der französischen Resugies in Deutschland haken bis zum fetzigen Krieg im Gottesdienst und in der Berwaltuna ihrer Gemeinde das -rranulsiübe beibehalten. Aber es siel keinem von ihnen ein. sich deswegen als Angehörige der französischen Nation zu fühlen. Man muß in Jules Hurets „En Allemapne" die Szene Nachlesen, in der der alte württemberaische Hugenottenvastor sich in sranzösischer Svrache vor dem Verfasser rühmt, wie viele Söhne seiner Gemeinde an dem glücklichen Krieg gegen Frankreich 1870/71 teilgenommen haben. Die Franzosen in Kanada weiaerten sicki bekanntlich 1915, in die Armee einzutreten, obgleich der Krieg ans dem Boden ihres alten Vaterlandes und um Frankreichs „Prestige" geführt wurde. Was aber den Abfall deS einzelnen anbetrifft, glaubt jemand wirklich, daß es psvckwlogisch schwieriger und sittlich verwerflicher ist. aus feiner Nationalität als aus seiner Konfession auszutreten? Daß erstere den einzelnen stärker au seine Gemeinschaft bindet als letztere? Gerade das Gegenteil ist wahr! Der Reliaionswechsel wird auch von den Gleichgültigsten und Teilnahmslosesten unter allen Umständen als eine sittlich sehr fragwürdige Handlung gewertet, die mdn im besten Falle entschuldigen kann; er kann nur durch einen Akt der Abtrünnigkeit vollzogen werden. Der Uebertvitt aus einer Nationalität in die andere ist ein natürlicher Prozeß, der sich unaufhörlich an Tausenden vollzieht, ohne daß je ein Mensch deffentwegen gescholten wurde. Wir in Oesterreich wissen davon ein Lied zu singen. Im Reichsrat batten wir zwei leibliche Brüder, von denen der eine ein Tscheche, der andere ein Deutschradikaler war. Unter den Tschechenführern findet man zahllose kerndeutsche Namen, ebenso wie unter den deutschen zahlreiche slawische. Dasselbe gilt für die Grenzgebiete zwischen deutschen und südslawischen Siedlungen. Der italienische Fanatiker, der seinerzeit in Triest einen Anschlag auf den Kaiser Franz Josef machte, hieß Oberdank. Jetzt bekriegen sich Polen und Ruthenen so blutig in Ostgalizien, aber der oberste Repräsentant der Ruthenen, Metropolit Graf Szepthcki in Lemberg, ist der leibliche Bruder des Generalstabschefs der polnischen Legionen. Ein großer Teil der ruthenischen Bevölkerung in Ostgalizien besteht aus ruthenistcrten polnischen Ansiedlern, und unter den Führern der radikalen Allpolen findet man zahlreiche Träger deutscher Namen, deren leibliche Väter noch nicht gut Polnisch konnten und die sogar ihren evangelischen Glauben noch nicht abgelegt haben. Ein Franzose, der sich 'dauernd in England niedergelassen hat, behält wohl selbst noch ein Heimatgefühl, aber seine Kinder Werden sich vollständig als Engländer fühlen. Die Nationalität ist nämlich in erster Reihe eine geographische Funktion und unterliegt dem Gesetz der sozialen Gravitation, wonach kleinere Massen , von größeren angezogen und stufenweise absorbiert werden. Die Religion ist von der Geographie nie abhängig und spottet auch der Massenattraktion. Zehn Juden in einer sonst ganz christlichen Stadt können eine jüdische Gemeinde bilden, ein sehr intensives, innerliches religiöses Leben führen, die wichtigsten jüdischen Institutionen unterhalten, ihren Kindern eine vertiefte jüdische Erziehung geben — das ist ja in erster und letzter Reihe Sache des Elternhauses — und das Zusammengehörigkeits- und Verantwortlichkeitsgefühl mit den Glaubensgenossen auf der ganzen Welt betätigen und pflegen. Zehn Litauer oder Wenden in einer deutschen Stadt werden über kurz oder lang ihr Litauer- oder Wendentum unversehens sich verflüchtigen fühlen, und ihren Kindern wird es nur mehr eine nebelhafte Erinnerung sein. Wer also, in der Meinung, das uralte und doch ewig junge Gewand der jüdischen Gemeinschaft, die Religion, sei verblichen und rissig geworden, ihr einen Panzer aus dem allerneuesten Erz der Nationalität schmieden will, irrt, sich gewaltig. Der Panzer aus modernem Erz wird dem rauhen Klima, der Wirklichkeit nicht standhalten, wird Sprünge bekommen und zerfallen. Aber es besteht die Gefahr, daß er inzwischen das alte Gewand zerfrißt und ihm unheilbare Schädigungen zufügt, die zwanzig Jahrhunderte ihm nichts anzutun vermochten. Doch das gehört in ein besonderes Kapitel. Wichtig ist indessen folgendes: Die Agitation für die Umsiedlung der jüdischen Gemeinschaft auf den Boden der Nationalität hat merkwüMge Beariffsverwirrpngen gezeitigt. Die Nationalisten meinen, die Bezeichnung „jüdische Nation" oder „jüdisches Volk" sei für die. Judeuheit die allein würdige, und erblicken eine Herabsetzung darin, daß ein Jude von den Juden als seinen Glaubensgenossen spricht. Nur Stammes- oder Volksaenossen dürfen sie betitelt werden. Auf der gegnerischen Seite verfemt man dagegen die Bezeichnung „jüdische Nation" oder auch nur „jüdisches Volk", als'bedeute sie eine Anspielung auf staatspolitische Sonderbestrebungen. Beides beruht auf einem Mißverständnis. Bis etwa um die vierziger Jahre des vorigen. Jahrhunderts ivvach. man sogar in amtlichen Urkunden, in gelehrten Büchern ganz unbefangen von der „indischen Nation". Das Wort findet sich noch in Z u nzens ..Gottesdienstlichen Vorträgen". Die späteren staatlichen Umwälzungen in Europa und gesteigerte Einsicht in die iüdische Geschichte zeitigten die Ansicht, daß „Nation" niur ein in einen unabhängigen Staat organisiertes Bolk bezeichnen könne. Aber die Judenbeit als Volk anzusprechen scheute sich niemand. Martin Philivpson schrieb erst vor etwa zehn Jabren seine „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" in drei Bänden. Jede zahlreichere Menschengruppe. die durch gemeinsame ethnische, religiöse oder auch nur soziale und wirtschiaMche Merkmale gekennzeichnet ist. wird ohne weiteres als Volk benannt, ohne daß damit irgendwelche Ansprüche auf staatspolitische Sonderbestrebungen verbunden wären. Man wrickst vom evangelischen und vom katholischen Volk, vom Arbeiter- und Fischervolk, vom Landvolk; man spricht vom bayerischen und vom schwäbischen, vom Preußischen Volk, ohne damit die engste Zusammengehörigkeit dieser verschiedenen „Völker" mit der einheitlichen deutschen Nation im staatspolitischen Sinne in Zweifel ziehen zu wollen. Warum soll man nicht im gleichen Sinne vom „jüdischen Volke" sprechen dürfen? Mer idle nationalistische Agitation hat hüben und drüben gefährliche Verwirrung angerichtet. An einem deutschen Gymnasium haben ein paar jüdische Schüler sich