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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 stets gewohnt war, alle Humanitären, freiheitlichen Ideen in deutschem Gewände auftreten zu sehen. Sprachlich ist also die Lage in Galizien folgende: die sehr breite Bildungsschicht der Juden bedient sich des Polnischen als Umgangssprache, beherrscht aber durchweg Deutsch. „Jiddisch", das als deutscher Dialekt betrachtet werden muß, wird von den breiten Maßen gesprochen. Wollte man aber das Jiddische^ als selbständige Sprache ansehen und zum Merkmal der Nationalität machen, so gilt das allenfalls nur für Galizien mit der Bukowina. Außerhalb dieses Landes wird es nämlich nicht verstanden. Im März 1915 schilderte Franz Servaes in einem warmhierzigen Artikel der „Kölnischen Zeitung" die Leiden der galizischen Flüchtlinge in Westösterreich: sie litten am stärksten darunter, daß sich die westösterreichischen Juden beklagten, sie verdürben ihnen mit dem Jiddisch ihr reines Hochdeutsch, die Tschechen aber ihnen vorwarfen, sie wirkten durch eben dieses Jiddisch — germanisierend. Man sieht also, daß die werdenden Nationalstaaten auf dem Gebiete der ehemaligen Doppelmonarchie in großer Verlegenheit sein würden, wenn sie die Umgangssprache als Merkmal der Nationalität auf die Juden anwenden wollten — von den westeuropäischen Ländern und von Amerika ganz zu schweigen. So ist man jüngst auf das folgende als einzig mögliche Auskunstsmittel gekommen, das den großen Vorzug hat, ebenso grandios wie einfach zu sein: der Staat spricht: Wer sich zur jüdischen Konfession bekennt, gehört zugleich zur jüdischen Nationalität uud bekommt die -nationale Autonomie aufgebunden. Die Sache ist erledigt. Das ist nicht etwa ein Scherz, sondern heiligster Ernst. Das hilft nun dem Staat aus einer argen Verlegenheit, wirft aber ein seltsames Licht auf das Wesen dieser Redensart von der nationalen Autonomie. Unser Verhältnis zum Staat ändert sich nicht im mindesten: wir bekommen nicht ein Jota mehr der Rechte, die wir bisher besaßen: nach innen bleiben wir, was wir bisher gewesen, aber nach außen hängen wir ein neues Schild vor. Wir ändern bloß die Firma. Im innersten Wesen, sind wir weiterhin das, was wir seit ungefähr zweitausend Jahren, seit dem Verlust unserer staatlichen Selbständigkeit im Lande der Väter, waren: eine religiöse Gemeinschaft, aber vor der Welt treten wir in dem allermodernsten Kostüm auf, als Nationalität. Dieses Wort ist nämlich all-erjüngsten Ursprungs und noch keine hundert Jahre alt. Der Franzose Buchez versichert, er sei es gewesen, der 'den Begriff und das Wort „nationalste" im Jahre 1831 zuerst geprägt und in Kurs gebracht. Wir machen also der Welt etwas vor, was ihr iw Grunde vollkommen gleichgültig ist. Denn dem Staat ist es ja völlig einerlei, ob ich mich beispielsweise deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens oder deutscher Staatsbürger jüdischer Nationalität nenne. Er kann mir im ersteren Falle nichts von meinen mir verfasiungsmäßig gewährleisteten Rechten nehmen und im letzteren nichts hinzufügen. Aber ich stolziere in einer neuen Kappe einher und rede der Welt ein, daß ich etwas anderes bin. „Die ganze Stadt habe ich heute ivregeführt", sagt der Einfältige in der ostiüdischen Anekdote. „Ging ich da-aus der Synagoge nach Hause und hatte ein Machsor bei mir, aber allen Leuten, denen ich begegnete, sagte ich, es wäre ein Siddur." Bedenklich aber ist folgendes: die ganze moderne Strömung zielt dahin, dem-Staat das Recht zu entziehen, den Bürger überhaupt nach seinem Religionsbekenntnis zu fragen, da das etwas rein Innerliches, höchst Persönliches ist, gleichwie die philosophische Ueberzeugung oder der ästhetische Geschmack, und ihn darauf zu beschränken, den Bürger nur nach seinem Verhalten und seinen bürgerlichen Leistungen zu beurteilen. Wir Juden dagegen sollen dem Staat das Recht -einräumen, ja. ihn zwingen, in unser intimstes Gewissensleben hineinzugreifen und sich um unser Religionsbekenntnis zu kümmern, da er jeden von uns danach in die Nationalität einreihen muß, in die wir hineingehören. ■ Man kann indessen annehmen, daß Taufende und aber Tausende Juden es vorziehen werden, bei der alten Firma zu bleiben, die sich ja seit zweitausend Jahren durchaus nickt schleckt bewährt hat, anstatt sich in die neue Gemeinschast aufnehmen zu lasien, deren Wesen so vag und deren Grenzen so unbestimmt sind And die ihnen nickt den geringsten moralischen oder realen Vorteil gewährt. Dann hätten wir im -Staat zweierlei Judentümer. eines nach uralter Fassung und ein anderes nach neuester Fasion. Ob' das wohl zur Stärkung der „Einheit des jüdischen Volkes" beitragen würde, die aerade in nationalistischen Kresten so heftig und ganz überflüssigerweise gefordert wird? Als Religionsgemeinschast sind wir nämlich die älteste und ehrwürdigste innerhalb der weißen Ralle. das können uns selbst unsere schlimmsten Neider und Haller nickt bestreiten: als „Nationslität" wären wir die neueste und geringste in der Welt, weniger noch als etwa die Albanier. Slowenen, Laulltzer oder preußischen Litauer, und hätten nicht einmal das. was jene unstreitig besitzen: eine gemeinsame gesprochene Sprache und ein geschlossenes Territorium. Auffallend ist der ausgefvrochen feindselige Zug des indischen Nationalismus der jüdischen Religion gegenüber, die nur sozusagen als Untersutter geduldet wird, im Obervua iedock beileibe nickt sichtbar werden darf. Soaar die indische Religions- oder Kultusgemeinde soll in eine „jüdische Nolksgemeinde" umaewandelt werden. lJn Berlin heißt - es übrigens einfach „Jüdische Gemeinde".) Das entspringt jedoch nur bei wenigen einer grundsätzlich antireligiösen Gesinnung, im allgemeinen herrscht hier ein gewisser sckmerzlick resignierter Zweifel und bange Soraen um die Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit des religiösen Bewußtseins in der modernen Zeit. Man hatte Büchner und in neuester Jeit Haeckel gelesen und meinte, die Reliawn überhauvt wä^e überwunden, im rascken Absterben begriffen. Man sab. daß das moderne wirtschaftliche Leben und seine Notwendigkeiten viele der überlieferten religiösen Formen des Judentums unmöglich machten oder wenigstens abstreiften und zurückdrängten, man sah den fick häufenden Abfall — und wurde irre an dem Bestand des Judentums. Wir sollten nun rasch, ehe es zu fvät würde, in eine neue Haut schlüpfen, deren Festiakeit eben dasselbe moderne Leben w verbüraen schien: den Nationalismus. Wir sollten uns stink als Nationalität etablieren, da wir als Religionsgemeinschast vom Untergang bedroht waren. . Diese Anschauung beruht auf einem doppelten Irrtum. Zunächst ist es falsch, daß das „nationale Bewußtsein" seine Bekenner fester zusammenhalte und der Gemeinschast eine sichere Dauer verbürge als das religiöse. Im Altertum hatten Hethiter, Edomiter., Amoniter. Moabiter, Phönizier, Aegypter, Babylonier und Ässyrer doch sicher ein nicht minder ausgeprägtes „Nationalbewußtsein" als das alte Israel. Und doch find sie alle nach der Zertrümmerung ihrer Staatlichkeit vom Erdboden spurlos verschwunden. Israel allein ist bestehen geblieben. Hätten unsere Vorfahren nichts als -das „Nationalbewuhtsein", gleich jenen, wir hätten längst ihr Schicksal geteilt. Aber sie hatten noch etwas, das die Staatlichkeit überdauert hat, also offenbar stärker war als das bloße Nationalbewußtsein, und darum lebt unsere Gemeinschaft noch heute. Vor unseren Augen spielen sich in der Gegenwart ähnliche Prozesse ab. Die Wenden in der Lausitz, die Litauer in Preußen bilden zweifellos eine richtige Nationalität, -denn' sie besitzen, was uns fehlt, ein einheitliches Territorium urch

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