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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-17 · Heft 2-3 (17.1.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 2-3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 2/3 Berlin, 17. Januar 1919 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «Schrntlich. Abonnements »Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Xtf. — Postscheckkonto 32* Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps-« Unter Leitung der Geheime« Regierungsratr Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6.49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Brennende jüdische Fragen. Von einem Oesterreicher. I)ll4jull+ __ Die Woche. — Auf, deutsche Juden, wehret euch! Von I. Herz derg. — Der türkische Großrabbiner Haim Nahoum Effendi. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Zur jüdischen Weltara. Von S. Aschner. — Moses Mendelssohn in Goethes Werken. Von L. 6. — Feuilleton: Jedem das Ceinige. Roman von M. Pulvermann. — Literatur. Der Gemeirrde-ote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Hamburg, Magdeburg, Dresden, München, Nürnberg, Karlsruhe, Wien, Lemberg. — Von Nah und Fern. vrrnmndr jüdische Fragen. Von einem Oesterreicher. n. Die psychologischen un d politischen Voraussetzungen des jüdischen Nationalismus. an darf mit Sicherheit annehmen, daß der Weltfriedenskongreß die Juden als „besondere Nation anerkennen" und den Staaten, wo sie in Mafien beisammenleben, auferlegen wird, ihnen „nationale Autonomie" zu gewähren. Bevor die Staaten daran gehen werden herauszusinden, worin der Inhalt dieser nationalen Autonomie bestehe und wie hoch der Prozentsatz der Juden sein müsse, um rechtlich M in Mafien lebend angesehen zu werden, wird an sie hie Aufgabe herantreten, das Merkmal festzusetzen, woran ein gegebenes Individuum als zur jüdischen Nation gehörend definiert werden müßte. Eine sehr schwierige Aufgabe! Im gewesenen Oesterreich,-diesem Nationalitätenstaat par excellence, kannte die öffentliche Statistik die Rubrik „Nationalität" nicht, nur Umgangssprache. Die Umgangssprache der jüdischen Mafien in Galizien und in der Bukowina, die ja ein deutscher Dialekt ist und von der sich der Uebergang zum Hochdeutschen unter günstigen Verhältnissen in kürzester Zeit vollzieht, wurde unter die Rubrik „Deutsch" zusammengefaßt, gleich den anderen deutschen' Mundarten, z. B. „Weanerisch", Steierisch, Schwäbisch. Von diesen unterscheidet sich das Jüdische nur durch die Schrift, da es mit hebräischen Lettern geschrieben wird und eine überaus reiche und wertvolle Dolksliteratur in diesen Typen aufweist. Aber die Statistik kannte nur die Umgangsspräche, nicht die Umgangs schrift. In Galizien gaben denn auch die Juden in früherer Zeit fast durchweg „Deutsch" als ihre Umgangssprache an, und man verstand darunter das „Jüdische", welches von der Bureaukratie und den Gebildeten als „verdorbenes Deutsch" betrachtet wurde. Mit der Zunahme der Kultur wich das Jüdische rapid dem Hochdeutschen. Denn das Jüdische ist, wie jeder Dialekt, nur geeignet, die geistigen Inhalte des minderentwickelten Volkslebens auszudrücken: wollte man die „Kritik der reinen Vernunft" oder Euckens „Lgbensanschauungen" in die Sprache Fritz Reuters Übertragen, so würde diese Sprache sich unter der Hand in Hochdeutsch verwandeln. So geriet denn in Galizien das Jüdische (oder der „Jargon") schon bei der zweiten und vollends bei der dritten Generation der gebildeten Oberschicht zugunsten des Deutschen in Vergessenheit. Aus den Kreisen der jargonsprechenden galizffchen Juden sind einige hervorragende deutsche Stilisten hervorgegangen, z. B. der Dichter Moritz Rappaport aus Lemberg, dem in der Geschichte der deutschen Poesie ein Ehrenplatz eingeräumt wurde, oder Siegfried Lipiner aus Rzeszow, der kongeniale Uebersetzer der Werke von Adam Mickiewicz, dessen eigene Dickitungen auf Nietzsche auch wegen ihrer stilistischen Schönheiten bekanntlich einen sehr starken Eindruck machten. Seitdem die starre österreichische Zentralisation sich als unhaltbar erwies und der Autonomie der einzelnen Kronläyder immer mehr Matz machen mußte, wurde in Galizien, wo die ganze Oberschicht von Bildung und Besitz polnisch war, die Verwaltung, das öffentliche Leben und das Schulwesen in steigendem Maße polonisiert. Die Polnische Kultur gewann an Ausdehnung und Vertiefung. Die Juden wurden seit ihrer endgültigen Emanzipation, 1868, immer mehr in das öffentliche Leben hineingezogen, nahmen in hervorragendem Matze Teil an der Selbstverwaltung der Städte und an der politischen Arbeit der Parteien: immer zahlreicher besuchten sie die öffentlichen Schulen aller Grade. Daher hörte das Deutsche bei der jüuaeren Generation aus natürlichen Gründen immer mehr auf, Umgangssprache zu sein, und machte dem Polnischen Platz. Das Ruthenische, als Sprache der Kleinbauern, die fast durchweg Analphabeten waren und keine nennenswerte voetische und wissenschaftliche Literatur besaßen, kam für die Juden nicht in Betracht. Es war beinahe Regel daß die Eltern zu ihren Kindern Deutsch sprachen, diese aber Polnisch antworteten. Das Deutsche wurde zur Bildungssprache, gleichwie im 18. Jahrhundert das Französische in Polen und zum Teil sogar in Deutschland. Es lag keine Gehässigkeit gegen das Deutsche in diesem natürlichen Prozeß. Die Polen selber legten Gewicht darauf, daß ihre Bildungsschicht diese Sprache in Wort und Schrift gut beherrschte; der polnische Erzbischof von Lemberg, Bilczewski. gründete vor einigen Jabren sogar eine Elementarschule m>t deutscher Unterrichtssprache für diejenigen Katholiken, die ihre Kinder von Jugend auf mit dieser Svrache vertraut machen wollten. Deutsch ist nämlich für die Völker von Osteuropa d i e Weltsprache Und wird es auch in Zukunft bleiben — neben den eignen als Umgangssprache. So kam es. daß die Zahl der galizischen Juden, die Deutsch als ihre Umaanassvrache angabeu. stets zurückging, bis sie in der letzten Volkszählung 1910 auf ein Minimum kinabsank. -r Eine gewisse demonstrative Abwendung vom Deutschen trat bei den Juden ein infolge des Ueberhandnehmens d-'s Antisemitismus, der von Westösterreich nach Galizien eindrgyg und Erbitterung und Enttäuschung weckte, da man

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