Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 18)
- Language
- German
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wär. &r schilderte dann, wie im letzten Nten-schenalter die Massen der Ostjuden infolge der Bedrückungen, und Verfolgungen in Bewegung geraten sind. Sie hoben, überall m der WM neue jüdische Ansiedeliunaen gegründet, die bestehenden erweitert und erheblich umgestaltet, w daß heilte in fast allen jüdischen Siedelungen mit Ausnahme von Deutschland und einigen kleineren Ländern sich die Ostjuden in weit überwiegender Mehrzahl befinden. In Amerika seien z. B. von 2lA Millionen Juden mehr als 2 Millionen ostjüdischen Ursprungs, in (England von 300 000 Juden 250 000, in Frankreich von 120 000 Juden 80 000. Auch in Deutschland sei die ostjüdische Bevölkerung aus 10 Prozent der allgemeinen jüdiscken Bevölkerung gestiegen, in manchen Großstädten bis zu, 20 Prozent. In Kanada, Argentinien, Australien, in Südafrika und im Kriege selbst in Japan seien größere ostjüdische Siedelunaen entstanden. Diese Siedelungen haben nicht nur allein 'ahlenmäßig die Juden in den neuen Wohnstätten vermehrt, sondern sie haben auch ihre aeistige und ökonomische Struktur entweder schon urngewandM oder seien im Begriffe, es 3111 lun. Die Ostjuiden haben, überall, wo sie hinkamen, einen kräftigen Arbeiterstamm geschaffen, der mehr und mehr politische und kulturelle Bedeutung gewinnt, und auch die Anfänge eines Bauernstandes gebildet. Im ehemaligen Rußland selbst sei dieser Bauernstand seit 1806, wenn auch in kümmerlicher Weise, herangebildet worden. Tort beständen etwa 300 geschlossene iüdisck'e Ansiedelungen in einer landwirLschaftlichen Bevölkerung von 70 000 Seelen. In Amerika seien zirka 25 000 Inden, auf 4600 Farmen und in etwa 5 Kolonien angesiodelt. In Kanada gibt es kleinere Banernsiedlungen mit 4000 Juden, in Argentinien die 8 lE^-Kolonien mit 22 000 Seelen und last not least in Palästina 41 Kolonien mit 10 000 Seelen. In geistiger Beziehung hätten die Ostjuden ebenfalls außerordentlich belebend gewirkt. Redner wies das an zahlreichen Beispielen nach. Wir alle, führte er aus., haben „des Geistes der Ostjuden bereits einen Hauch verspürt". Die Ergebnisse des Krieges werden sein, daß die Schranken zwischen Ostjuden und Westinden noch mehr fallen, so daß eine noch weitere Durchdringung der Gesamtindenheit mit den Ostiuden stattsindet. Infolgedessen müsse uns das Schicksal der Ostjuden! besonders nahe stehen, and wir müssen ihre Entwicklung in jeder Weise zu fördern suchen. — Die Zuhörerschaft folgte den instruktiven Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit und zollte dem Vortragenden reichen Beifall. 2/D Berlin, 31. Dezember. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes richtet an die jüdische Frauenwelt folgenden Ausruf: Zum ersten Male in der Geschichte des Judentums ist es, daß die jüdische Frau unbehindert durch irgendwelche Beschränkung, sei es durch Geschlecht, Konfession oder Ritual, sei es durch eherechtliche, vermögensrechtliche oder standesrechtliche Beengung, durch das Frauenstimmrecht zu einem Akt von höchster staatsbürgerlicher Bedeutung in voller menschlicher Freiheit teilnehmen wird. Mit dem Recht der allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl, das z u r er stc n deut sch-e n Nat i0n alve r samm l u n g für Männer und Frauen in Wirksamkeit tritt, werden die Frauen vor eine Verantwortung gestellt, deren Tragweite vielen von ihnen noch nicht klar ist. Unterdrückung von Jahrhunderten und Unterlassungen von Jahrzehnten machen sich mm fühlbar, und mit Ausbietung aller Energie muh jede Frau in Deutschland trachten, das Nötigste zum Verständnis der Sachlage nachzuholen. Die Teiln a h m e an der W a h. l i st Gewi s.s e n s p f l t ch t. Je d c S t i m m> e bedeutet etwas, die abgegebene ebenso w i e die nicht abgegebene, die gerade den Gegner stärkt. Die Frauen sollen wählen. aber sie dürfen nicht blind wählen, sich nicht zur Annahme einer Wählerliste ü b e r r e d e n , dräng e n oder in irgendeiner Form zwingen lassen. Im Hinblick auf den Wert der einzelnen Stimme und die politische Unersahrenheit der Frauen werden solche Versuche, sie z-u beeinflussen, nicht selten sein. All das verlangt nach Aufklärung, V e r st ä n d n i s , Schulung in politisch zielbewutztem Denken. Der Besuch von Einführungskursen und von Versammlungen der verschiedenen Parteien und Organisationen ist n 0 t w e n d i g und kein Zeitverlust, sondern nur ein Zeitopfer, das die Frau h ute der deutschen Gesamtheit zu bringen hat. Die Entscheidung für den Beitritt zu einer Partei soll nur nach reiflicher Erwägung und vorsichtiger Prüfung ihres grundlegenden Programms erfolgen. Aber auch außerhalb einer Partei wird der jüdischen Frau sicher nur die Wählerliste als annehmbar erscheinen, deren Kandidaten zu dem Ideal der Erhaltung der deutschen Reichseinheit stehen, Ruhe und Ordnung verlangen und eine Gewähr bieten, daß durch sie ihre Lebensinterefsen als Frau und Jüdin im neuen Staate eine kräftige Vertretung finden. Der Antisemitismus ist nicht erloschen. Ein wichtiges Mittel, ihn in seiner Wirkung im Staate und Ge - meindeleben zu bekämpfen, ist der Stimmzettel bei der ersten deutschen Nationalversammlung. E. M. Berlin, 31. Dezember. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hielt vom 25. bis 27. Dezember hier ihren 15. Delegiertentag ab, an dem etwa 140 Delegierte und 1500 Gäste teilnahrnen. Im Mittelpunkte der von Rechtsanwalt Dr. H a n t k e mit einem Geschäftsberichte eröffneten Tagung stand ein Palästinareserat von Richard L i ch t h e i nt, das ein großzügiges Kolonisationsprogramm für die Besiedelung Palästinas im Verlaufe der nächsten dreißig Jahre mit etwa 1)4 Millionen Juden vorsteht. Lichtheim behandelte auch eingehend die Fragen der Betriebsform und des sozialen Aufbaus des Landes, ferner die Arbeiterfrage, die berufliche Vorbilduna für Palästina und das Verhältnis zur Orthodoxie. Die Fraaen des deutschen Judentums und speziell die Tragen des jüdischen Kongresses in Deutschland behandelte Kurt Blumenfel d. Um den Kreis der organisierten Zionisten haben sich v^rivber-p Elemente aebildet. die zwar nicht durch ihren Beitritt zur Zionistischen Oraanisation die lebten Konsequenzen ziehen, sich nW dach m der Einbest des indischen Volkes bekennen und gemeinsam nuf den Zionismen 'N Erkenntnis arbeiten wollen. Es handelt llch dabei "m die olliüdischen Elemente und um die Orthodorie. in vev neuesten Zeit di»n nationalen Elwrakter der iüdischen Gorneinschntt "nerkcm"^ ^at. Die Zionismen wollen gemeinsam mit .Men. die Nch?nm iübifrfien Volkes, nn bekennen, ein neues indisches ^ebon in Deutschland nufbauen. Neben ber nationalen Heimstätte in Palästina "nd fr*** nationalen Antonomm für* die Juden in den Ländern der Mastensiedlunn verlangen die' Zionisten für Deutschland die indische Schule als michtiaste^ Postulat und die Umwandlung der Knlt"Knemeinden in Volksaemeinden. die alle Ausgaben des Kultus. Schule, der jüdischen Wissenschaft, de'' indischen Politik und der Sazialvolitik sn erfüllen baben und mif Grund des allgemeinen, alejchen. di'-ekten.Provo^tionaUvahlrechts für alle mehr als zwanzigigbri^en Inden und Jüdinnen aukaebaut werden sollen. Eine Nation a. ljü dis che Autonomie in Deutschland wird nicht gefordert, weil die zahlen mäßiaen Vorausseßunaen dafür fehlen. — In der Aussprache, die den Refe- '-uten folate. beurteilten die Delegierten ans allen Teilen des Reiches die Aussichten der zionistischen Arbeit in Deutschland im allgemeinen die des jüdischen Kongresses im besonderen als außerordentlich aünstig. Der Deleaiertentaq erklärte sich einstimmig für die Einderufuna eines jüdischen Kongreßes in Deutschland, an dem alle Juden teilnebmen sollen, die im Bewußtsein der Zuaehörigkeit zum iüdischen Volke an einem lebendigen Judentum Mitwirken wollen. Tür den Kongreß wurde folgendes Programm vorgeschlagen: Palästina als nationale Heimstätte. Gleickberechtiaung in allen Ländern, nationale Autonomie für die Juden in den Ländern der Massensiedlung, Aufhebung aller Ausnahmebestimmungen gegen ausländische Juden und die Umgestaltung des jüdischen Gemeindelebens in demokratischem Sinne und nationaljüdischem Geiste. Ein Schlußwort Dr. H a n t k e s, der wiederum zum Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gewählt wurde, beendete die Tagung. W. Posen, 27. Dezember. Nach langem, schwerem, ohne Klagen ertragenem Leiden starb der Amtsgericktsrat Geheimer Juftizrak Julius H 0 lzmann im 64. Lebensjahre. Der Präsident, die Direktoren, die Richter des Landgerichts und des Amtsgerichts betrauern den Heimgang ihres liebenswürdigen Amtskollegen, der aufging in seinem Berufe, den Witwen und Waisen hilfsbereit zur Seite zu stehen, und dem es als Leiter des ersten hiesigen Jugendgerichtshofes als vornehmste Lebensaufgabe erschien, mitzuwirken an der Erziehung und Besserung der Jugend zu ihrem eigenen Wohle und zum Wohle des Vaterlandes. Seine Kollegen werden ihm stets ein ehrendes und treues Gedenken bewahren. Durch den Tod des Herrn Geheimen Justizrats Holzmann erleidet auch die Israelitische Waisen- Knabenanstalt einen schwer zu ersetzenden Verlust. Seit 1909, da er in den Vorstand eintrat, hat er jederzeit mit regstem Eifer, mit hingebender Treue und mit vollem Wohlwollen seines Amtes gewaltet. Sein Rat und seine Erfahrung waren nicht nur bei den Verwaltungsangelegen-