Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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11 und Zwist, das Süße ihres Lebens wurde zur Bitternis des Todes. Sie dachte weiter nach, bis das mütterliche Gefühl, alles überragend, mächtig in ihr aufstieg und ihr übermenschlichen Mut einflößte, um für jedes Opfer, auch für das schwerste und größte, genügende Kraft ihr einzuflößen. Gott fei Dank! Jetzt war der Ausgang nicht mehr dunkel und zweifelhaft: jetzt brauchte sie nicht mehr in Finsternis herumzutappen, jetzt lag ihre Aufgabe klar und deutlich vor ihr: die Wahl zwischen Gatten und Kind! Aber sie mußte bald wählen; denn, was im Namen alles menschlichen Martertums, was für einen Sinn hätte es, noch länger zu zögern! Jede Stunde, die sie hinausschob, war eine Ewigkeit der Qual. Sie wußte bereits, was sie wissen wollte, und keine Macht sollte sie darin wankend machen oder der Sache eine andere Wendung geben. Was aber den Treuschwur am Altar, vor dem Angesichte Gottes betrifft, nun, der Herr, in seiner Barmherzigkeit, er wird das nicht verwerfen, was ein gequältes Menschenherz wieder zu Gott zurückführt!- Sie zog den Vorhang weg und blickte mit heißen, brennenden Augen zu dem tintenschwarzen, stürmischen Herbsthimmel hinauf, und als sie so dastand, da glaubte sie am äußersten Ende des Dunkels einen schwachen Sternenschimmer zu erspähen, der mit magischer Gewalt ihren Blick fesselte, als wollte er ihr den Weg zeigen, den sie gehen mußte. Sie dachte an Betlehem und wußte, was der Stern auch für sie bedeutete: es war der Widerstrahl der Freude, der in ihrem Innern leuchtete, da sie endlich zu dem schweren Opfer die Kraft gefunden, das sie ihrem Kinde bringen wollte. Jawohl, das Kind war gerettet; es soll dem Heiland angehören und ihn lieben, wie die Mutter nie aufgehört, ihn zu lieben! Und jetzt konnte sie sich auch mit freierem Gemüte der Sorge für den Gatten zuwenden. Mit freierem Gemüte! Ach, Himmel, erbarme dich der gepeinigten Menschenseele! Und wenn sie tausend Jahre leben sollte, würde der stechende Schmerz dieser traurigen Stunde nicht Nachlassen, in ihrem Innern nicht verblassen! Aber das ist ja nicht die Hauptsache. Zu träumen wird fie später noch übergenug Zeit haben; jetzt aber muß sie denken, scharf denken, wie sie ihm eine Entschädigung schaffen kann für das Unrecht, das sie ihm zufügen muß. Wenn sie von ihm geht, dann ist es doch nicht mehr als billig, daß die Tür hinter ihr offen bleibt, damit auch er zur Freiheit hinausgeht, wohin das Herz ihn führt. Es geht doch nicht an, sich selbst in die Freiheit zu begeben, ihn aber mit der Fessel der Ehe zurückzulassen. Die Seele kann wohl frei werden und aus den Schwingen des Glaubens sich himmelwärts emporheben, doch der Körper bleibt durch das eiserne Band des Gesetzes an den Gatten gekettet. Um aber auch dieses zu lösen, gibt es nur ein einziges Mittel, und so schwer es ihr auch werden mag, sie wird es ergreifen; dazu aber muß sie den Beistand eines anderen Mannes haben, der ihr hilft, ihren Ehebund-als null und nichtig zu erklären. Sie wußte wohl, daß sie sich durch einen solchen gewagten und gewaltsamen Schritt der Verachtung der Welt aussetzt; daß man sie sinnlicher Triebe beschuldigen und als ehrloses Weib brandmarken werde. Aber sie dachte an den Prophetenabschnitt am ersten Tage des Neujahrsfestes, wo Hanna die Kränkungen ihrer Nebenbuhlerin Penina und die herben Zurechtweisungen des Hohenpriesters Eli geduldig über sich ergehen ließ und bald vergessen konnte, als es ihr gelungen war, ihr Kind, Samuel, dem Ewigen zu weihen. Auch sie will ja ihr Kind Gott und dem wahren Glauben erhalten, und da ist ihr das Urteil der kurzsichtigen Menschen ganz gleichgültig. Wo aber sollte sie den Mann finden, der chr zu einem scheinbaren Verbrechen die Hand bot? In ihrer Verzweiflung drängte sich plötzlich ein Freudenruf auf ihre Lippen. Der Mann war ja schon gesunden, der mit Sehnsucht darauf wartet: Strömer! Wieder ein günstiges Zeichen, daß die himmlischen Mächte ihr beistanden und ihr Vorhaben billigten. Es war doch ein deutlicher Fingerzeig, daß er nach so langer Vergessenheit wieder plötzlich in ihren Gedanken auftauchte, damit sie ihn für ihren Zweck verwende. Ach, Ironie des Schicksals! Sie wird dem Geistlichen nicht mehr den Erfolg mißgönnen, den er wahrscheinlich sich selbst zuschreiben wird: einen Erfolge der sich bald zu einem abgrundtiefen Mißerfolg gestalten soll. Sein vermeintlicher Erfolg — wenn sie ihn ihrem Willen gefügig gemacht — und sie preßte die Lippen zusammen, als sie an die Ausführung ihres Vorhabens dachte — soll auch zugleich seine Strafe sein!, daß er der erste gewesen, der den Zweifel in ihrem Herzen wachgerufen. Jawohl, Strömer ist der geeignete Mann, und morgen schon wird sie zu ihm gehen. Heute dürfte es zu spät sein. Einige Minuten später kam die Alte und fragte sie, ob sie ihr heißen Tee bringen sollte, was Ellen aber dankend ablehnte. Auch als ihr Gatte später das Zimmer betrat, stellte sie sich schlafend, um seinem Kuß zu entgehen. Ein; bißchen mehr oder weniger Verstellung hatte ja nichts zu bedeuten. Kaum aber hatte sie am nächsten Morgen die Augen aufgeschlagen; als sie wieder eine große Angst befiel, daß die in der Nacht vergossenen Tränen vielleicht auch den vorher gefaßten Entschluß hinweggespült haben möchten. Es wäre doch entsetzlich, wenn sie das ganze schwere Denken nochmals beginnen müßte. Aber, nein;; es blieb alles, wie es war. Das Pochen des jungen Lebens machte es ihr klar, daß sie den Entschluß auS der Tränenflut gerettet, daß er so fest stand, daß sie Klaßuers forschenden, ängstlichen Blick während des Frühstücks ruhig aushalten konnte. „Liebling," sprach er, „dein Sträuben ist geradezu-kindisch. Du mußt unbedingt irgendwohin gehen, um dich zu erholen. Die letzten Wochen haben dich mächtig heruntergebracht, darum mußt du jetzt aufs Land. Die Mutter könnte dich begleiten." „Du hast recht. Ich werde bald gehen", erwiderte sie doppelsinnig. „Es ist mir lieb, daß du endlich einwilligst", sprach der Mann erleichtert. „Es kann schon in einigen Tagen geschehen. Inzwischen aber möchtest du doch einen Arzt zu Rate ziehen." Er hörte nicht ihre Erwiderung; denn plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er hatte ihren körperlichen Zustand richtig erraten. Aber trotz der Erregung, die sich jetzt seiner bemächtigte, behielt er doch noch so viel Geistesgegenwart, um sich Schweigen aufzuerlegen. Da Ellen es ihm nicht aus freiem Willen mitgeteilt, war es klar, daß sie nicht darüber befragt sein wollte. Schließlich, Gatte oder nicht Gatte, das war keine Sache, über die eine junge Frau mit ihrem Manne gern spricht. Das muß einer Frau überlassen bleiben. Er ging zu seiner Mutter, um sie daraus aufmerksam zu machen. Chaje Rachel betrachtete die Sache von einem anderen Standpunkte aus. „Du hast recht", sprach sie freudig. „Ueberlaß es nur mir!" „Nicht wahr, Mutter, du wirst sehr zart und sanft mit ihr sein!. Sie ist in der letzten Zeit so eigentümlich gewesen. Sie scheint sich vor irgend etwas zu fürchten. Mein armes, kleines Mädchen!" Seine Stimme war weich und zitterte ein wenig. „Ueberlaß es nur mir!" beschwichtigte ihn die Mutter nochmals!. 21. Kaum daß Klaßner gegangen war, verließ auch Ellen das Haus. Sie hatte erkannt, daß sie durch ihren Zustand die Aufmerksamkeit des Gatten und der Mutter erregt und