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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-03 · Heft 1 (3.1.1919) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 10 (sequence 14)
Language
German
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10 Umgebung (Land und Leute) seit Geschlechtern, in vieler Beziehung seit über tausend Jahren unwiderstehlich geformt. Nur der bewußte Geistesinhalt tarnt vom Menschen willkürlich bestimmt werden. Ein solcher ist die Religion. Ihn haben wir in Treue festgehalten und wollen es weiter tun. Das Unbewußte aber, die Art, zu denken und zu fühlen, zu sprechen, sich zu bewegen, konnte durch das mittelalterliche Getto und durch ostjüdische Lehrer wohl alteriert werden, in der Hauptsache aber nicht anders als deutsch sein. (Das ist der Sinn des Wortes in der Erklärung der drei Verbände: „unablöslich mit dem Deutschtum verbunden".) Im Osten haben die jüdischen Massen eine jüdisch-nationale Kultur in weitem Maße, obgleich auch dort zu einem vollen Volkstum noch manches fehlt. Aber wir ersehnen sie für uns ebensowenig wie das jüdische Kulturleben, das in Palästina seit kurzem entsteht. Denn es lohnt nicht, um diese Formalien der Seele einen am Ende doch aussicht'losen inneren Kampf mit sich zu führen; und wir halten unsere deutsche Kultur in weltlichen Dingen, ja teilweise sogar in jüdisch-religiösen Dingen für die einzige uns hierzulande angemessene. 2. Wir fühlen uns jedoch durch unsere Abstammung und die Grundlage unserer Religion sowie durch die jahrhundertelangen gemeinschaftlichen Leiden so eng mit allen Juden verbunden, daß wir sie als unsere Brüder ansprechen, also unsere Glaubens- und Stammesbrüder. So fremdartig uns die ostjüdische ' Kultur anmutet, Sitte, Sprache, Chavakterart, Temperament, ja teilweise selbst Moral und Frömmigkeit der Juden anderer Länder — das gilt von Rußland so gut wie von England und Amerika —, wir schämen uns dieses Brudergefühls doch nicht, sondern pflegen es als jüdisches Gefühl, als jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein. Wir suchen zu verstehen, was Perez und Zangwill, Hirzenberg und Goldmark uns zu sagen haben, und freuen uns, wenn sie verwandte Saiten in unserer Seele Mitschwingen lassen (es sind stets religiöse Töne!). Ich und die meisten deutschen Rabbiner stärken das jüdische Gefühl durch Erhaltung der hebräischen Sprache in Gemeinde und Familie mehr als viele deutsche Zionisten; wir haben es in Predigt und Privatgespräch, im Geschichtsunterricht der Schule und im Vereinsleben gestärkt, — und willig manchen Vorwurf dafür eingesteckt. Aber wir haben auch die Genugtuung, daß die deutschnationalen Juden für ihre Brüder mit Rat und Tat eingetreten sind, soweit es sich mit der deutschen Politik vertrug, sicherlich die meisten von ihnen ohne politische Hintergedanken, nach bestem Wissen und Gewissen, und selbst dann, wenn nichts weiter als Unannehmlichkeiten dafür zu ernten waren. Unsere nichtdeutschen Brüder haben dies auch mit der Versicherung der Dankbarkeit angenommen und haben nie gefragt, zu welcher Nation wir uns bekennen. Geber und Entpfänger haben sich als Brüder gefühlt. Das sind die unableugbaren Tatsachen. Sie lehren: ein vermittelnder Standpunkt ist möglich. Religionsjuden. und Volksjuden können — so weit sie auch getrennt marschieren — oft vereint schlagen. Die Einheit des Judentums kann gewahrt bleiben, wenn man sich auf den Boden der Tatsachen und der Ueberlieferung stellt, — und wenn man will, d. h. wenn der Knorr den Knubben hübsch verträgt! Aber es gibt ein Maß in den Dingen! Es verlangt wahrhaftig niemand vom anderen ein Opfer des Intellekts aus Dankbarkeit — obgleich auch niemand von uns Dankbarkeit für unmoralisch hält! Wenn aber jetzt mir und meinen Gesinnungsgenossen die Zugehörigkeit nicht nur zum jüdischen Volk, sondern zur jüdischen Gemeinschaft überhaupt streitig gemacht wird, so ist das eine Schändung meines guten Namens als Jude, auf die ich reagieren muß. Und jeder deutsche Jude wird ebenso fühlen. Und die Antwort auf jeden geistigen Erpressungsversuch ist wahrlich nicht Liebe oder auch nur Fügsamkeit, sondern Trotz und Sichaufbäumen! Und mag die Mehrheit der Nationaljuden noch so überwältigend sein . — wenn ihre Achtung vor der Minorität, die sie von Nichtjnden für sich verlangt, so gering ist. daß sie die deutschen Juden nicht einmal als feindliche Brüder, sondern nur als Nichtjuden und Fremde wertet — dann muß eben das Judentum in Deutschland auch äußerlich in zwei Lager zerfallen. Die Schmach, als nichtjüdisch gebvandmarkt zu werden, kann niemand von uns und keine unserer Institutionen Hinnehmen. Wir dürfen uns dann nicht vor der Absplitterung als religiöse Sekte fürchten. Nicht wir Religiösen sind daran schuld: die Nationalen werfen uns hinaus. DaS Schisma wird da sein, schlimmer als die Spaltung zwischen orthodox und liberal. Und die Geschichte muß entscheiden, ob Nationalität und Volksgeist im Judentum ein länger lebendiger Gott ist als bei anderen Völkern, ob er so ewig ist wie der Gott, den das Judentum bis jetzt bekannt hat! Was wir für unsere Stammes- und Glaubensbrüder gern getan haben, müssen! wir — blutenden Herzens — unterlassen gegenüber denen, die uns als Abgefallene achten — und sie selbst können es nicht anders wollen. Die deutschjüdische Religionsgemeinschaft wird offiziell etwas anderes sein als das jüdische Volk. Ich sage: So muß es kommen, unter der Voraussetzung, daß die Worte der „Jüdischen Rundschau", die den Anlaß zu dieser Betrachtung geben, die Meinung der Nationalisten ausdrücken. Ich gebe selbst heute die Hoffnung noch nicht auf, daß die so nötige Einheit des Judentums gewahrt bleibt. Aber die Worte der „Jüdischen Rundschau" sind böse! Mögen die veranwörtlichen Führer des deutschen Zionismus sie schleunigst und gründlichst von sich abschütteln! Tod und Löben liegt auf der Spitze der Zunge! ist Jedem das Sejmge. (28. Forts.) Roman von M. Pulvermann. elche Rolle sollte denn das Kind in ihrer eigenen Zukunft spielen? Wird es ein Ausgleichsmittel zwischen Vater und Mutter bilden, um alle Verschiedenheiten auszuschließen? Im Geiste malte sie sich ihr und sein Kind aus: körperlich blühend und gedeihend, allmählich zur Entfaltung seiner Fähigkeiten heranwachsend; aber anstatt den kindliche» Jubel in vollen Zügen zu genießen, würde sie die ganze Zeit über den Leidenskelch schlürfen und aus ihrem Herzen einen Kampsplatz verschiedenartiger Bewegungen und Leidenschaften machen müssen. Wonnetrunken und voller Jauchzen wird sie die ersten kindlichen Sprechversnche beobachten, zu gleicher Zelt aber wird die Vorahnung voller Verzweiflung an ihrer Seele zerren, daß bald die Vernichtung ihrer Hoffnung nähe fei. Denn sobald ihr Kind zu denken und zu sprechen beginnt, muß es doch die Aufgabe der Mutter sein, mit ihm zu beten und es zum Glauben an Gott zu erziehen. Aber was soll es beten, was soll es glauben? Soll es ihr Glaube oder der ihres Gatten sein? Zwei Begehren wurden ihr erfüllt, um sie aber zu gleicher Zeit wissen zu lassen, daß sie auf die Erfüllung des dritten nie und nimmer hoffen durste: die Liebe des Gatten war die erste, die Freude der Mutterschaft die zweite, nicht aber die dritte der Frieden des Herzens. Kein Wunder, daß das Herz stumm blieb und keine Antwort gab; es war ja tot und gebrochen, durch das Bewußtsein, daß das, was die teuerste und edelste Fortsetzung der Gattenliebe sein und die Eltern unauflöslich zusammenknüpfen sollte, sie aus unermeßliche Fernen auseinander riß. Die Frucht ihrer Liebe war Kampf

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