Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu dek Lat ist die Mitarbeiterlifte der neuen jüdischen Jugendzeitschrift sehr charakteristisch. Da finden sich unter der Redaktion tzE hatwnaljüdischen Dr, Bernseld die Herren Buber, Brod H^hdauer sowie Kaplun-Kogan Oppenheimer zusammen, also 'dieselben nationaljüdisch-zionistisch'en Vorkämpfer, welche auch den „Juden" und die „Neuen Jüdischen Monatshefte" in Händen haben. So sucht man unter dem Schein der Unparteilichkeit systematisch und zielbewußt die jüdische Jugend im nationaljüdischen Sinne zu bearbeiten und festzulegen. Was der „Jerubbaal" für die Jugend, sind die „Neuen Jüdischen Monatshefte" für die ältere Generation. So vortreffliche Einzelarbeiten man dort auch gelegentlich von nichtzionistischen Verfassern findet, die gesamte Potitrk und Erziehungsarbeit der Zeitschrift steht vollkommen im Banne des Nationaljudenlums und sucht planmäßig gerade unter dem Deckmantel der Neutralität den national-deutschen Standpunkt im Judentum zu unterwühlen. In der entscheidenden Frage der jüdischen Jugenderziehung haben die „Neuen Jüdischen Monatshefte" ausschließlich dre nationaljüdische Auffassung zu Worte kommen lassen. Ebenso haben sie in den jüdischen außenpolitischen Fragen durchaus einseitig den nationaljüdischen Standpunkt vertreten, was insbesondere in dem Sonderheft über Galizien zum Ausdruck kommt und bei dessen Besprechung von Herrn Geheimrat Geiger auch bereits vermerkt * worden ist. Und ebenso ist das Sonderheft über die jüdische Frau ein Schulbeispiel dafür, wie diese verwirrende Propaganda von nationatjüdischer Seite betrieben wird. Man läßt zwar bei elf Beiträgen zwei Gegner des Nationaljudentums (Julius Bao und Henriette Fürrh) zu Worte kommen, aber nur über spezielle Themen („Die jüdische Schauspielerin" und „Die jüdische Frau in der deutschen Frauenbewegung"), deren Behandlung auch dem strengsten nationaljüdischen Zensor nicht gegen den Strich gehen lann. Sämtliche prinzipiellen' Beiträge aber (von Birnbaum, Oskar Baum, Max Brod, Abraham Schwadron). find ausgesprochene Lendenzartikel gegen den jüdischen Liberalismus und suchen nachzuweisen, daß die nationaljüdische bzw. (Birnbaum) die gesetzestreue Erziehung nicht nur vom jüdischen Standpunkt gefordert wird, sondern daß sie auch vom sittlichen Standpunkt die einzig mögliche ist. Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, daß diese von nationatjüdischer Seite so zielbewußt betriebene Propaganda nicht unwidersprochen bleiben darf; zu diesem meinen Kampf gegen die einseitige Vor- und Alleinherrschaft der nationaljüdischen Richtung sind mir privatim von angesehenen und verdienten Männern der deutschen Judenheit Worte ernster Zustimmung zuteil geworden; mit Genugtuung kann ich nunmehr konstatieren, daß dieser Kampf auch von anderer Seite gewichtige Förderung erfährt. Die „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" vom 5. September 1918 bringen einen Artikel: „Der jüdische Nationalismus — eine ernste Gefahr für die deutschen Juden", der sich vollkommen mit den Ausführungen deckt, die ich an verschiedenen Stellen über die Gefahr der nationaljüdischen Propaganda veröffentlicht habe, und der, aus ein reiches Material gestützt, eine energischere Stellungnahme gegen den jüdischen Nationalismus verlangt. An die Führer der deutlchen Lmmttrn. Von Rabbiner Dr. H. Fuchs. ^9^ ie führende Zeitung der deutschen Zionisten, die „Jüdische Rundschau", schreibt im Leitartikel ihrer Nr. 50 zu der Erklärung der drei Verbände (Verband, D.J.E.B. und Centralverein): „Die jüdische Protestgesellschaft, dieser Bruchteil des jüdischen Volkes, der sein Volkstum nicht bekennen will, schaltet sich von -der Mitbestimmung über das Geschick der jüdischen Gesamtheit aus... Wir werden jeden deutschen Juden zur Entscheidung zwingen (ob er sich zum jüdischen Volke bekennt oder nicht) ... Nachdem das Judentum der ganzen Welt sich geschlossen auf den nationalen Standpunkt gestellt hat, muß die Trennung vom jüdischen Volk als die Scheidung von der jüdischen Gemeinschaft aufgefaßt werden..." Während also die drei Verbände in ihrer Erklärung nur von sich und ihren Angehörigen sprechen, maßt sich die „Jüdische Rundschau" hier ein Urtell über ihre Gegner an und weist sie nicht nur von ihrer Seite fort, sondern aus der jüdischen Gemeinschaft überhaupt hinaus. Sie fragt nicht nach den geschichtlich überkommenen Kriterien, ob jemand von einer jüdischen Mutter geboren oder beschnitten ist; sie fragt nicht nach Tatsachen, 00 jemand als Jude, vielleicht sogar orthodox lebt und für sein Judentum Leiden erduldet hat; sie fragt nicht, ob er Jude sein will oder nicht, sondern sie dekrerrerl: was ein Juoe dentt, ist gleichgültig: nur meine „Auffassung" seines „Bekenntnisses" gilt. Sie saßt den Begriff der jüdischen Gemeinschaft weiter als den des Volkes und sagt: Wer sich nicht als Angehöriger des jüdischen Voltes oerennt, scheidet auch aus der Gemeinschaft aus. Der Sinn * des Wortes Gemeinschaft kann in diesem Zusammenhang nicht sein „Stammesgemeinschaft"; denn die Abstammung kann man niemand zu- oder aberkennen. Gemeinschaft kann hier nur bedeuten: die Summe von Volks- und Nlchtvolksjuden, von Volks- und Religionsjuden. Die „Jüdische Rundschau" sagt aber: Wer sich nicht als Volksjude bekennt, kann auch nicht mehr als Religionsjude angesehen werden. (Logisch wäre das versiändtich; denn das Volkstum besteht außer in der Abstammung und dem Gemeinschaftsgefühl hauptsächlich in der spezifischen Kultur, Sprache, Sitte, Recht, Kunst und auch Religion. Die Meinung der „Jüdischen Rundschau" läßt sich aber oahin verstehen: Wer nichc die ganze jüdische Kultur als die seine anerkennt, hat auch auf den religiösen Teil derselben kein Anrecht!) Damit aber wird das Bekenntnis zuin Volkstum zu einem Glaubenskriterium. zu einem Schrbbviety gestempelt. Was ein Jude denkt, glaubt, fühlt und tut, in gleichgültig. Ob sein Bekenntnis zum völkischen Judenluin der seelischen Wirklichkeit entspricht oder ob es eine Lüge ist, daraus kommt es nicht an! Die Nationalen fassen eine Ansage an die jüdische Station als Austritt aus der jüdischen Reugivn auf. Sie haben das Recht zu diktieren, was Bedingung für das Jüdesein ist. Falls er Jude sein will, ist es aoer seiner Kultur nach nicht, so erlauven sie chm zu lügen. Sie verlangen, daß er sein ganzes Wesen verleugnet, die Aroeit seiner Väter seit 150 Jahren um Aneignung deutscher Kultur sür eine Riesendumucheit, za sür Abfall vom Judentum erklärt und die Religion seiner Väter als irrig brandmarkt, welche bekanntlich nicht im Volkstum, sondern im Sch'ma Jisroel das einzige geistige Erkennungsmertmal des Juden erblickte. Andernfalls — schließt zwar er sich nicht aus — aber betrachtet ihn der Nationalismus als ausgetreten. Er ist sür ihn so gut wie getauft: er ist kein Jude. Das heißt wahrlich den Terrorismus auf die Spitze treiben! Heute ist keine Zeit mehr, theoretische Standpunkte, geschichtliche, logische und praktische Beweise für oder gegen den Nationalismus zu erörtern. Nur zwei Tatssachen sind zu konstatieren: 1. Ich und mit mir die Religionsjuden halten es bei unserer deutschen Erziehung und GeisteSart für wahrheitswidrig, uns als Volksjuden zu bezeichnen. Diese Konstatierung ist nicht von politischen Rücksichten diktiert; sie ist ohne Voreingenommenheit oder Stolz gegen Andersdenkende ausgesprochen. Unsere Seele ist durch die deutsche Gesamt-