Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 12)
- Language
- German
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8 sich ergeben, als eomme il kaut . . . Erziehung ist in diesen Kreisen eine Sache des Arrangements, und sie ist eine perfekte Arrangeurin. In ihr ist also die Quelle der verlogenen Aufmachung einer gewissen Sorte „besserer" und „bester" jüdischen Jugend, eine Aufmachung, die bald lärmend-protzig, bald krampfhaft diskretisierend — fein tut. Daß diese Jugend so voll greulicher Disharmonie, so rein menschlich-charakteriell unausstehlich ist (vom jüdischen Standpunkt schon gar nicht zu reden); daß nichts an ihr wesenhaft, eigen; daß sie nichts ist als ein Echo vom gojischen Drüben, nichts als Schein vom fremden Licht und Irrlicht — das ist von dieser Jugend die Gabe der Mutter, die den anderen gleich sein möchte, aber ihnen nur nachzuäffen vermag." Es hieße die jüdische Frau beleidigen, wollten wir es für nötig erachten, sie gegenüber solchen niedrigen Angriffen erst zu verteidigen. Aber es ist notwendig, der Scham, und der Entrüstung darüber Ausdruck zu geben, daß eine derartige Arbeit in den Spalten eines großen jüdischen Blattes Ausnahme finden durste. Zu einer Zeit, wo die jüdischen Schwestern, Frauen und Mütter um ihr Liebstes bangen, wo sie unserem Vaterlande schwerste Opfer mit unvergleichlicher Seelengröße bringen, wo sie sich in Fährden und in Nöten als! Fundament und Leuchte des jüdischen Heimes erweisen, da findet sich eine jüdische Zeitschrift, die den traurigen Mut hat, diese Frauen, zu denen wir mit inniger Dankbarkeit und tiefster Verehrung aufschauen, mit Schmutz zu bewerfen. Von der jüdischen Mutter wird gesagt, daß sie „die Quelle der verlogenen Aufmachung" einer gewissen Sorte „besserer" und „bester" jüdischen Jugend sei.' Von dieser jüdischen Jugend selbst, daß sie „rein menschlich-charakteriell unausstehlich ist". Ja, wenn die „Neuen Jüdischen Monatshefte" schon so wenig Achtung vor der jüdischen Frau haben, hätte sie dann nicht elementarstes jüdisches Gemeinsamkeitsgefühl davor abhalten müssen, derartigen unerhörten Verunglimpfungen zur Freude aller Feinde des deutschen Judentums ihre Spalten zu öffnen; Haben denn, so muß man fragen, die Herren in der Redaktion der „Neuen Jüdischen Monatshefte" kein Gefühl für jüdische Würde und für jüdische Ehre? Haben sie denn kein Gefühl dafür, daß eine solche Tätigkeit, wie sie sie hier betreiben, nur darauf hinauslaufen kann, den Antisemiten in Deutschland Zutreiberdienste zu leisten? Man mißverstehe mich nicht! Ich bin der letzte, der es dem unabhängigen Denker verwehren wollte, Kritik auch an der eigenen Gemeinschaft zu üben. Wer als fein eigentliches Geschäft im Judentum die Apologie betreibt (so schrieb ich in den „Monatsblättern des Deutschen Monistenbundes", Hamburg, 4. Heft 1918, als ich einem dort erhobenen Angriff gegen den „Intellektualismus" des deutschen Judentums entgegentrat), versteht auch dieses schlecht, eben weil jede Apologie schlecht ist, die nur als solche betrieben wird. Wahre Achtung einflößen kann unabhängigen Männern nur die Verteidigung des Mannes, bei dem wir wissen, daß er mit der Liebe zu seiner Gemeinschaft auch Selbständigkeit und Seiöftfritif verbindet. Gerade wir liberalen Juden wollen uns von allem Hurrajudentum fernhalten; gegenüber böswilligen antisemitischen Angriffen ivird man uns stets zur Verteidigung unserer Gemeinschaft auf dem Posten finden, aber ernste Kritik soll uns willkommen sein, von welcher Seite sie auch komme. Selbstverständlich auch von nationaljüdischer Seite. Darum können wir den anderen prinzipiellen Beiträgen jenes Sonderheftes der „Neuen Jüdischen Monatshefte", so entschiedene Kritik sie auch an dem „Assimilantentum" üben und so feindlich sie dem national-deutschen Standpunkt im Judentum gegenüberstehen nrögen, durchaus gerecht werden; der Schwadronsche Artikel aber verdient die schärfste Zurückweisung, weil er nicht ernster Selbstprüsung, sondern im Gegenteil Pharisäerhafter Selbstüberhebung entspringt, Weiber, gänzlich öde und inhaltsarm, orientiert ist lediglich an jenem beschränkten nationaljüdischen Zelotentum, das nachgerade zu einer schweren Gefahr für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wird. Wer den Schekel bezahlt und Schalom ruft, gilt jenen Fanatikern als eine Verkörperung aller menschlichen Größe; wer aber aus seiner deutschen Gesinnung und Gesittung keinen Hehl macht, ist ein verruchter Afsimilant, ist „rein menschlich-charakteriell" unausstehlich und muß-Kn jeder Weise verdächtigt und verhöhnt werden. Wie inan die jüdische Jugend in diesem engen Fanatikergeiste systematisch zu erziehen sucht, das habe ich in meiner an dem Präsidium des B. I. C. geübten Kritik in den „K. E.-Blättern" Oktober 1917 an der Hand eines umfassenden Materials nachgewiesen, und man hat von nationaljüdischer Seite noch nicht einmal den Versuch gewagt, die dort erhobenen schweren Vorwürfe zu widerlegen. II. Der Schwadronsche Artikel über „Die Jüdin als Assimilantin" ist auf ausdrückliche Einladung der Redaktion der „Neuen Jüdischen Monatshefte" geschrieben und gibt also um so mehr Anlaß, auf die grundsätzliche Haltung jenes Blattes zurückzukommen. Ich habe bereits vor Jahr und Tag (im „Freien Wort", Oktober 1917) auf die große Gefahr hingewiesen, die darin liegt, daß man von nationaljüdischer Seite nicht mit offenem Visier kämpft, sondern daß man angeblich unparteiische Zeitschriften gründet, die in Wahrheit aber grundsätzlich nationalAwische Politik betreiben. Drei während des Krieges gegründete Blätter sind in diesem Zusammenhänge zu nennen: der Bubersche „Jude", die „Wladimir Kaplun-Koganschen „Neuen Jüdischen Monatshefte" und der Bernfeldsche „Jerubbaal". Die Methode ist bei diesen drei Zeitschriften die gleiche; man übergibt alle ständigen Referate eingefleischten Nationaljuden; ab und zu läßt man dann (dies wenigstens in den beiden erstgenannten Zeitschriften) auch einen Nichtzionisten zu Worte kommen, aber nur insoweit seine Ausführungen der nationaljüdischen Politik in keiner Weise unbequem werden können. So gelingt es, bei den Außenstehenden den Eindruck zu erwecken, als wären die politischen Forderungen des Nationaljudentums die der gesamten deutschen Judenheit, und es gelingt, die nationaljüdische Agitation auch in Kreise zu tragen, die ihr bisher nicht erreichbar waren. Wie gefährlich diese Taktik ist, beweist z. B. die Tatsache, daß Prozessor Dr. Strack bei Besprechung des Buberschen „Juden" in der „Theologischen Literaturzeitung" zu dem Ergebnis kam (ich zitiere nach dem Gedächtnisse): „Das Judentum ist eine Natron, und jeder Tag zeigt uns dies deutlicher, wie sehr es auch Blätter wie das berliner Tageblatt" und die „Frankfurter Zeitung" leugnen mögen." Auch Strack ging also osjensichtuch davon aus, daß die Grundanschauung des „Juden" die der gesamten deutschen Judenheit sei. Während nun aber der „Jude" aus seiner nationaljüdischen Grundtendenz, die alsbald von Herrn Geheimrat Geiger im Anschluß an ein persönliches Erlebnis in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" seftgestellt wurde, kaum noch einen Hehl macht, steht es mit den beiden weiteren nationaljüdischen Organen anders. So lese ich im „Liberalen Judentum" (Juli 1918) über die Zeitschrift „Jerubbaal" > welche sich an die jüdische Jugend von 15 bis 25 Jahren wendet: „Wenn der Wahlspruch lautet: „In der Zeitschrift „Jerubbaal" kommen alle Meinungen und Anschauungen zu Wort; ihre einzige Ausgabe ist, der jüdischen Jugend zu dienen, so wie sie selbst es bestimmen und verantworten will", so muß doch betont werden, daß nach Auswahl der Mitarbeiter und dem Inhalt des ersten Heftes keine neutrale, sondern eine ausgesprochen zionistische oder wohl besser nationaljüdische Tendenz der Zeitschrift eignet."