Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229393--74586-3287044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 kttb, gleich foett urt& bisher verbündeten Staaten, in einzelne Teile zerfallen. Da uns nur wenige Wochen von dem Zusammentritt der Nationalversammlung trennen, bleibt den Frauen, die diesmal mit an die Wahlurne treten, nur wenig Zeit übrig, sich zu orientieren. Trotzdem müssen die Frauen den Beweis liefern, daß sie der Situation gewachsen sind. Die deutsche Frau hat so mannigfache und schwere Aufgaben während des Krieges gelöst, und Seite an Seite arbeiteten jüdische Frauen und Mädchen mit den anderen Konfessionen angehörenden Frauen» daß begründete Aussicht vorhanden ist, sie werden auch die neuen staatsbürgerlichen Rechte, dem Wohle der Gesamtheit wie dem eigenen Intevesie dienend, ausüben, Wie soll die jüdische Frau wählen? Bor allen Dingen muß sie ihr Augenmerk darauf richten, ihre Stimme keinem Antisemiten und keinem Täufling (Uebergetretenen) zu geben. Das Deutsche Reich zählt 39 Millionen Wähler, darunter 21 Millionen^ Frauen. Mithin, werden die Frauen numerisch ein starkes Uebergewicht in der Nationalversammlung haben. Wenn die Frau will, kann sie, infolge ihrer stärkeren Zahl, dem Manne im neuen Parlament den Rang ablaüsen. Daß das nicht geschehen wird, 'dafür sorgen die mangelnde Einigkeit unter sich, wie die fehlende Kenntnis parlamentarischer Schulung. Nach und nach wird die Frau sich auch daran gewöhnen, von ihren Rechten den vollen Gebrauch zu machen; vorerst kennt nur eine kleine Gruppe sich politisch betätigender Frauen das Abc des Parlamentarismus. Wenn die jüdischen Frauen sich eng zusammenschlösien. etwa wie die Zontrumsfvaktion, und' stets nur das eine Ziel im Auge behielten: der jüdischen Gesamtheit zu nützen, dann könnten sie sehr viel erreichen. Es ist hierbei völlig gleich, welcher Partei sie sich anschließen — nur das jüdische Interesse müßte in allen Fragen ausschlaggebend sein. Es ist dies ein Gebot der Notwendigkeit gegenüber den stetig anwachsenden antisemitischen Hetzereien in Deutschland. Hätte man der Frau schon früher das volle Staatsbürgerrecht verliehen, es wäre sicherlich nicht zu diesem verhängnisvollen Weltkrieg gekommen, welcher Deutschland an den Rand des Verderbens gebracht. Die Frau besitzt den gleichen Grad von Intelligenz wie der Mann. Wenn die Frau klug ist, wird sie jede Gelegenheit wahrnehmen, um sich durch Vorträge, Lektüre, durch Diskussionsübung baldmöglichst die nötigen Kenntnisse für ihre staatsbürgerlichen Pflichten anzueignen. Unter Napoleon I. galt das Wort: „Jeder Korporal trägt den Marschallstab im Tornister." Es ließe sich hier aus die Frau anwenden: Jede Frau trägt die Anwartschaft auf einen Ministerpvsten bei sich. Schopenhauer bemerkt (in W. W. H, 316): „Vernunft aber entsteht beim Menschen durch das Anwachsen der Bedürfnisse, mdem durch deren Besriedigungssucht >der Intellekt gesteigert wird." Der Dichter kleidet es einfacher in die Worte: „Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken." Wenn jode denkende Frau sich vornimmb, ihren Verstand den gegebenen Verhältnissen' anzupaffen, wird Verstand zur Vernunft, d. h. Vernunft ist höher potenzierter Verstand, die Fähigkeit, nach selbsterkannten Ideen' und Motiven ihr Handeln danach einzustellen. Als geschlossene, kompakte Masse vermag die jüdische Frau bei den großen Fragen und Aufgaben, welche gelöst werden müssen, einen bedeutenden Einfluß sich zu sichern!. Vermöge ihrer prozentual besseren Ausbildung haben die Juden, trotz ihrer Minderheit gegenüber den anderen Konfessionen, einen Vorsprung zu verzeichnen. Die Schulstatistik vom Jahre 1911 (R- C. Mah-Hamburg in: „Konfessionelle Militärstatistik", „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" 1917) beweist es. Höhere Schulen wurden besucht von Katholiken: 5,1 Prozent Knaben, Protestanten: 9,4 Prozent Knaben, Juden: 58,6 Prozent Knaben. Bei den Mädchen dürften ungefähr die gleichen Zahlen gelten. Bei den Juden ist demnach die höhere Schulbildung sechsmal so häufig wie bei den Protestanten und zehnmal stärker als bei den Katholiken. Die jüdische Frau in Deutschland hat die Pflicht, ihren weniger mit den neuen Aufgaben vertrauten Mitschwestern Beraterin und Leiterin zu werden, das Erziehungswesen der Jugend im Hinblick auf künftige Generationen in die Hand zu nehmen. Dr. Paul Nathan empfiehlt in einem Aufsatz: „Jüdische Probleme" (Nr. 49 des „Jsr. Hamb. Familienbl.") die Umwandlung der jüdischen Kultusgemeinden in jüdische Volksgemeinden auf demokratischer Grundlage unter Sicherung der Rechte von Minderheiten sowie Schaffung eines Reichsverbandes der jüdischen Volksgemeinden als Vertretung der jüdischen Volksgemeinschaft in Deutschland mit dem Recht der auto,m omen Regelung aller jüdischen Angelegenheiten; darunter ist wohl in erster Linie die Sabbatruhe und die Erziehung der jüdischen Kinder als Hauptausgabe zu bewerten. Auch die nationale Autonomie der Juden des Ostens müßte auf diesem Programm stehen. Die gegenwärtige sozialistische Regierung strebt die Trennung von Kirche und Staat an; mit dem 1. April nächsten Jahves wird dies eine vollzogene Tatsache sein. Mit diesem Faktor werden Gemeindebund, Agudas-Jisroel-Vereinigung und Gemeindevorstände zu rechnen und ihre desfallsigen Anordnungen zu treffen haben. Frauen werden in diesen Neuorganisationen Mitarbeiten — sie finden ein reiches Feld für ihre Betätigung vor LmeSklchimpkungderMischknFrsu. Ein Protest. Don Dr. jur. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). I. ie „Neuen Jüdischen Monatshefte" in der Nummer vom 25. Juli/25. August 1918 bringen als Sonderheft über die jüdische Frau eine Arbeit von Abraham Schwadron über „Die Jüdin als Assimilantin", die nicht unwidersprochen bleiben darf; denn dieser Aussatz ist eine Beschimpfung der jüdischen Frauen, wie wir sie in dieser Weise höchstens in Blättern vom Schlage der „Staatsbürger-Zeitung" zu finden gewohnt sind. Damit sich der Leser selbst ein Urteil bilden kann, gebe ich den Aussatz ungefähr zur Hälfte hier wörtlich wieder: „Die moderne Jüdin im assimiliert sein wollenden Hause dagegen ist immer die „feinere", weitläufigere, vorurteilslosere — in Wahrheit aber die raffinierte. Sie ist behend von Geist und besitzt ein durch Uebung vervollkommnetes Schminktalent, das sie mit frappierendem Geschick an sich betätigt . . . Niemand hat größere Ehrfurcht vor dem Götzen „man" als sie; was „man" tut und was „man" nicht tut, was „man" für schön und gut hält und was für häßlich und schlecht — natürlich dem christlichen „man", das allein maß- und wertgebend ist. Den Assimilanten ist das Jüdische nur hinderlich, unbequem: der Assimilantin aber ist es shocking. Dagegen gelten ihr als Eiligkeiten, die gerade aus dem vielgestaltigen krampfhaften Unjüdisch-sein-wollen des letzten Jahrhunderts