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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-03 · Heft 1 (3.1.1919) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 5 (sequence 9)
Language
German
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5 des eigenen Hauses auseinandergehen mag, gern das gemeinsame Vaterhaus aufsuchen, so wurden unsere Vereine neutrale Stätten, an denen die Vertreter gegensätzlicher religiöser Anschauungen zu gemeinsamer Vertiefung in die jüdische Vergangenheit sich begegneten. Das warme jüdische Herz und die. bezaubernde Persönlichkeit unseres unvergeßlichen Führers Gustav Karpeles boten die sichere Gewähr dafür, daß die Literaturvereine nie aufhören würden, Gemeinschaftsboden zu sein, daß in ihnen niemandes religiöse Meinung verletzt werden würde. Von Jahr zu Jahr gewann die Bewegung neue Anhänger; allmählich bildeten sich mehr als 200 Vereine im ganzen Deutschen Reiche, die mit Eifer und Freude an ihrer Aufgabe arbeiteten. „Inter arma silent litterae", bei Kriegsausbruch haben zahlreiche Vereine ihre Tätigkeit eingestellt, ihr Vermögen vaterländischen Zwecken geopfert; die lange Dauer des Krieges, die Häufung der Sorgen in den Familien und die Erschwerung aller Lebensverhältnisse ergaben für eine Reihe weiterer Vereine die Unmöglichkeit, die Arbeit sortzusetzen. Nun geht der Krieg seinem Ende entgegen, wir dürfen an unsere Vereine die d r i n g e n d e M a h n u n g richten, s i ch wieder zu sammeln und ihre Tätigkeit auszunehmen! Jetzt heißt es, alle Kräste ausFrieüensarbeit verwenden, die alten Kulturgüter von neuem pflegen! Von mehreren Seitep ging neuerdings der Vorschlag aus, die bestehenden Vereine aufzulösen und ihre Tätigkeit von den jüdischen Gemeinden sortsetzen zu lassen. Das mag an manchen Orten vielleicht angebracht sein, darf aber keineswegs verallgemeinert werden. Gemeindeverwaltungen werden zur Erledigung ganz anderer Ausgaben gewählt, von ganz anderen Gesichtspunkten zusammengesetzt; es ist sehr fraglich, ob sie zur Erfüllung literarischer Aufgaben die Fähigkeit und Neigung besitzen. Die Leitung wird daher in den meisten Fällen einer Kommission übertragen werden müssen, der dieselben Mitglieder angehören werden wie bisher, nur daß sie in der Freiheit chrer Entschließung durch die Auftraggeberin gehindert sein werden. Die Veranstaltungen aber würden von Obrigkeits wegen eingesetzt sein und, nach einer alten Erfahrung, dann weniger Anklang finden als die jetzigen freien, von einem selbstgewählten und der Mitgliedschaft verantwortlichen Vorstand eingerichteten. Auch für die Neutralität der Veranstaltungen kann dann niemand die Gewähr übernehmen, denn in unseren Gemeindeverwaltungen herrschen vielfach politische Gesichtspunkte vor und es wird nach dem Machtprinzip der Majorität entschieden. Als berechtigt muß an den vorgetragenen Forderungen anerkannt werden, daß die Gemeinden mehr als bisher durch Beiträge, durch Unterstützung der Bibliothek, durch Hergabe von Lokalen den Vereinen ihre Förderung angedeihen lassen. Wie in alter Zeit jede Gemeinde ihr Beth Hamidrasch unterhielt, so wäre es Pflicht der heutigen Gemeinde, dem Literaturverein ein Heim und Mittel zu gewähren. Das hieße, alte Juwelen in zeitgemäße Fassung bringen. An den Vereinen aber ist es, diesen von Gustav Karpeles oft gebrauchten Vergleich mit dem Beth Hamidrasch zur Richtschnur ihrer Tätigkeit zu nehmen. Charakteristisch am alten Lehrhaus war der Eifer seiner Besucher, die P e r s ö n - liche Arbeit, das Streben, durch eigenen Fleiß das Wissen zu bereichern. Wohl fanden auch Vorträge statt, aber die Hörer blieben nicht passiv, sie arbeiteten mit und arbeiteten außerhalb der Vortragszeit für sich selbst. Eigene Arbeit muß auch in unseren Liteiraturvereinen mehr als bisher in den Mittelpunkt treten. Mit Paradevorträgen geht es im Augenblick nicht, die gegenwärtigen hohen Reisekosten gebieten von selbst eine möglichste Einschränkung in der Berufung auswärtiger Redner. Auch ist die Zahl'der Berühmtheiten, die eine echt jüdische Kinderstube hatten und deren Geist im Glanze ihres Herrenzimmers festgehalten haben, allmählich im Ausfterben. Aus der Not muß eine Tugend gemacht werden, die Vereine müssen mehr Arbeitsals Vortragsabende einrichten, belehrende Kurse schaffen, abgerundete Gebiete behandeln, ihre M i t g I i e d e r nicht nur unterhalten, sondern auch unterrichten! Wenn irgend etwas über die nächste Zukunft mit Sicherheit vorhergesagt werden kann, so ist es dies, daß die Zeit weniger knapp sein wird als vor dem Kriege und daß das F v r t b i l d u n g s- und das V o lksh o ch s ch ulw e s e n einen viel breiteren Raum im öffentlichen Leben einnehmen werden als vordem. N u tz e n wir diese Strömung und Stimmung für unsere gute Sache! So häufig ist uns aus dem Felde berichtet worden, daß unter den jüdischen Soldaten ein wahrer Heißhunger nach jüdischem Wissen herrscht; jetzt wollen wir ihnen Gelegenheit bieten, ihn zu stillen. Die schöne Einladung der Pessach-Haggadah: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit", muß die Losung unserer Vereine sein! Aber von der Gelegenheit muß auch Gebrauch gemacht, der Lerneifer muß geweckt werden. Von selbst fliegt das Wissen nicht an; das ist die Erklärung dafür, weshalb in den letzten 30 Jahren, ungeachtet aller Ausdrücke der Begeisterung, das jüdische Wissen zurückgeht. Als unsere Väter am Sinai standen, da gelobten sie: „Wir wollen tun und hören." Eine fertige Offenbarung hat es nur jenes eine Mal gegeben, seitdem bildet „das Tun und Hören" unsere Aufgabe! Wie die einzelnen Vereine, bleibt auch der Bestand des Verbandes eine Notwendigkeit. Das sage ich nicht, weil ich als Vorsitzender am Amte klebe — ich harre des Tages, an dem ich es meinem Nachfolger übergeben kann —, sondern well eine Zentralstelle erforderlich bleibt, auch wenn die Gemeinden die Tätigkeit der Vereine übernehmen sollten. Ausgaben, wie die Versorgung der kleinen Vereine mit wissenschaftlichem Material für Vorträge, die Erteilung von Auskünften, die Herstellung der Rednerliste, die Herausgabe des „Jahrbuchs", können in der gegenwärtigen oder in verbesserter Gestalt nur von einer Zentrale aus geleitet werden. Den Verband brauchen wir auch zur Unterstützung der k l e i n e n Vereine. Für diesen Zweck m ü ß t e n e r h e b - lich größere Mittel zur Verfügung stehen als bisher. Zu deü Grundsätzen der neuen Welt gehört das Lebensrecht der Schwachen und die Solidarität der Starken mit ihnen. 25 Jahre hat der Verband still und geräuschlos seine Arbeit geleistet. Nur mit dem „Jahrbuch" ist er in die Oeffentlichkeit getreten; er darf mit Genugtuung auf die 21 herausgegebenen Bände verweisen. Von den Männern, die seit der Begründung des Verbandes für ihn tätig sind, wirkt nur noch unser altbewährter Sekretär in unserer Mitte. Gelegentlich seines 60. Geburtstages, am 17. Juli 1918, haben unsere Vereine Herrn Albert Katz in dankbarer Anerkennung seiner Leistungen eine Ehrengabe überreicht; er hat diesen Betrag für eine „Albert-Katz-Stiftung zur Unterstützung kleiner Vereine" dem Verbände überreicht und dadurch der großen Reihe seiner Verdienste ein neues hinzugefügt. Möge es dem trefflichen Manne vergönnt sein, wie einst nach der Begründung, so jetzt nach dem Wiederaufbau eine Blüte unserer Vereine zu erleben! Mögen unsere Vereine erstarken zur Entfaltung jüdischer Energie, zur Klärung und Vertiefung unseres Selbstbewußtseins, zur treuen Pflege der Wurzeln unserer Kraft, die in der unlöslichen Verbindung mit unserer Vergangenheit liegt! Aus unserer Geschichte wollen wir Mut und Treue lernen, aus unserer Literatur Begeisterung und Hoffnung schöpfen!

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