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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-03 · Heft 1 (3.1.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 3 (sequence 7)
Language
German
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3 Dü warst nur die AuSsaugemaschinerie! Bist du nicht reif genug, um dich selbst regieren zu können? Hat dein Stamm nicht wahrhafte Geistesriesen erzeugt? Man wird dir sagen: Du irrst. Man wird dir „Größen" zitieren, die aber in Wirklichkeit keine, sondern nur lediglich Talente sind. Jetzt muß reiner Tisch gemacht werden, damit ich im Irrgarten der Lüge nicht ganz verkomme! Kannst du es über dich ergehen lassen, daß man dich zürn Schweigen verurteilen will, daß 80 Prozent der Führer in der Negierung Semiten find! Was für ein Armutszeugnis stellst du dir aus! Als Sozialdemokraten, als Menschen, die die Freiheit lieben, als Menschen, die uneigennützig für die Gesamtinteressen ihr Haupt erheben, rufen wir es hinaus: Wiir sind keine Feinde der Juden, wir sind keine Antisemiten, wir stehen auf dem Boden: gleiches Recht für jeden! Ein C h r i ste n v o l k ka n n n u r ch r i st I i ch regiert w erde n! Cs wird höchste Zeit, -daß es wird, wie es sein muß. Schon deiner christlichen Lehre wegen: Stoße den Semiten aber nicht zurück, er ist ebenso Mensch wie du! Lasse ihm zukommen, was das Recht verlangt! Sage, daß die Sonne der Gleichheit scheint, sage, daß er sich zurückziehen möge vom Platz, der für dich bestimmt. Im -freien Ari-erstaat sei es aus mit ihm! Hast du schon einen Semiten körperlich arbeiten gesehen? Hast du bei ihm lschon schwielige Hände wahrgenommen? Arier, also endlich reinen Tisch, aber ruhig und vornehm! Zeige, daß du Mensch und kein Barbar! Drei Worte genügen: Ich will es! Und man wird ein sehen, daß du dem Gebot der Stunde unbedingt kolgen mußt. * Eine kurze Nachricht der „B. Z. am Mittag" lasse ich hier folgen, nicht weil ich sie für besonders wichtig halte, sondern weil sich eine höchst bedeutungsvolle Frage daran knüpft, nämlich die: Wird auf dem Friedenskongreß die Judenfrage beraten werden? Die Nachricht selbst lautet: Eine litauische K o ru m i s s i o n i n B e r l i n. Nachdem die Litauer die nationalen Forderungen der jüdischen Minorität anerkannt haben, sind als Vertreter derselben mehrere Juden in den Litauischen Landestag und das Ministerium emretvetl'n. D-er Mb rer der Nationaliudeu. Rechtsanwalt Roieubäum lWilnab ist als stellvertretender Minister Auswärtig'- an der Spitze einer politischen Kommission, die außerdem aus zwei litauischen und einem weißrussischen Delegierten besteht, auf der Durchreise nach London und Paris in Berlin eingetroffen. Für die Mächte, welche, wie es ja nun leider die Tatsachen mit sich bringen, uns und der Welt den Frieden diktieren werden: Frankreich, England, Amerika liegt kaum ein Anlaß m dieser Fraae vor,' weil nach dem oft angeführten Worte des Präsidenten Wilson die Alliierten sich um die inneren Verhältnisse der feindlichen Länder nicht kümmern wollen. Ob Rußland überhaupt zur Teilnahme am Kongreß zugelassen wird, da es keine von den bestimmenden Mächten anerkannte Regierung hat, steht dahin; wie Rumänien und Polen die Judenfrage zu lösen gewillt sind, haben sie bewiesen, und es fragt sich, ob die Westmächte die Absicht haben, sich in das verruchte Treiben ihrer Schoßkinder zu mischen. Wir können uns ferner keine Vorstellung davon machen, inwieweit die inneren Verhältnisse, z. B. die des alten Oesterreich, Gegenstände der Beratung bilden sollen, ganz besonders die Frage der sogenannten Autonomie. Denn wer ist hier der berufene Mann, der mit der Entente verhandeln könnte» oder dem sie ihre Bedingungen zu diktieren gedenkt? Auch verlautet einstweilen noch nichts Bestimmtes, ob und inwieweit die Frage eines Reiches in Palästina, ob Königstum oder Republik. Gegenstand der Kongreßverhandlungen werden soll. * Recht laut macht sich der Zionismus in Deutschland itn£> anderwärts geltend. Nicht immer mit Glück. Eine Versammlung in Hannover, 'in der Dr. Klee zionistische Propaganda zu machen versuchte, scheint mit einem tüchtigen Fiasko geendet zu haben. Dagegen haben in Posen sich die „Gesetzestreuen" in gewisser Weise zum Zionismus bekannt. Sehr bemerkenswert ist das Eintreten eines preußischen nichtjüdrschen Ministers für die Juden, wie aus folgendem Bericht hervorgeht, den wir, obgleich -er ein lokales Ereignis betrifft, doch ausnahmsweise an dieser Stelle folgen lassen: Die politischen Parteien und die Juden. Der Jüdische Jugendbund veranstaltete im Brüdervereinssaal eine Zahlreich besuchte Versammlung, in der Vertreter der verschiedenen politischen Richtungen über die Neubildung der Parteien und die Juden sprachen. Chefredakteur Dr. Nadke legte die Grundsätze der Deutschen demokratischen Partei dar. Neichstagsabgeordneter D a v i d s o h. n betonte im Namen der Mehrheitssoziäldemokraten, d-aß die Sozialdemokratie schon durch ihr Programm verpflichtet ist, für die volle Gleichberechtigung der Juden einzutreten. Für Entgleisungen einzelner darf sie nicht verantwortlich gemacht werden. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung sollen die Juden nicht vergessen, wem sie die Durchführung ihrer Rechte verdanken. Oberbürgermeister D o m inicus erklärte, daß er die wertvolle Mitarbeit der Juden im Gemeindeleben Groß-Berlins besonders schätzen gelernt hat. Die Angst vor Pogromen teilt er nicht. Ten zionistischen Standpunkt vertrat Kurt Blumenfeld. Die Juden sollen sich mit keiner politischen Partei identifizieren, sondern eine selbständige Judenpolitik treiben. Als der Redner heftige Angriffe gegen den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens richtete, wurde er durch lärmende Zwischenrufe unterbrochen. Für das Zentrum sprach Abgeordneter J t schert. Das Zentrumhat stets >d-en Antisemitismus bekämpft undist besondersin der Schächtfrage für die Interessen der jüdischen Religion eingetreten. Minister Tr. B r e it siche i d wies daraus hin, daß feine Vorgänger im pr-eußischein.' Ministerium des Innern sich die Durchführung der Gleichberechtigung der Juden nicht gerade besonders haben angelegen sein lassen. Die Juden sind vermöge ihrer ganzen Geschichte berufen, Träger des internationalen Gedankens zu sein. In einer Parallelversammlung in demselben Lokale sprachen Fräulein Else Lüders, Fräulein Berliner u-sw. Die Verhandlungenzogen sich bis gegen Mitternacht hin. * Aus dem Ausland ist zu berichten, daß nach einem Artikel in Dr. Blochs „Wochenschrift" die Lage der Juden in Ungarn trostlos ist. Die ungarischen Juden haben eine Bittschrift an die Entente' erlassen, in der sie demütig um Hilfe bitten. Diesem demütigen Artikel gegenüber weist die „Wochenschrift" darauf hin, daß die ungarischen Juden sich gegen die galizischen Flüchtlinge schmählich benommen hätten, und schließt den Bericht mit folgenden Sätzen, die nicht eben sehr ermutigend klingen: Erwähnt '-'>ei, noch, 'ba\\ der tschechische Gesandte in. Budapest aus eine Intervention der neologen Inden erklärte, daß die Juden von den Besatzungskommandanten in der Slowakei nicht als Juden, sondern als magyarische Vorkämpfer, die die Sprache der Zeit nicht verstehen wollen, behandelt werden!. Die -ungarische Negierung hingegen versprach alles, was in ihrer Macht steht, zum Schutze 'der im Machtbereicheder ungarischen Regierung seßhaften Juden. Vorkehren zu wollen. Das klingt, nicht sehr trostreich, denn die Macht und der Machtbereich der ungarischen Regierung reichen nicht weit. * Nach der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ist zu berichten, daß -die h o l l ä n d i s ch e Kammer mit großer Mehrheit eine Entschließung angenommen hat, in der der Llbscheu gegen die Grausamkeiten ausgesprochen wird, die wider die Juden in Galizien verübt worden sind. Freilich ist mit solchen Erklärungen nicht viel getan, aber es bleibt doch anerkennenswert, daß eine nicht gerade aus Freisinnigen zusammengesetzte Körperschaft der Menschlichkeit ihre Stimme leiht. * In R o m fand unter dem Präsidium von Arca im Teatro Nazionale eine große Versammlung statt, in welcher der Senator Rusfini seine Sympathien für das „hebräische Volk" aussprach und der Wiederherstellung Palästinas seine besten Wünsche widmete. Er verlangte dann -gleichfalls nationale

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