Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-01-03 · Heft 1 (3.1.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229393--74581-3287039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dringend wir eine innerliche Erstarkung des Judentums er- >clint?u, für eine rein jüdische Kultur, die von Palästina ausgeht, wollen und können wir uns nicht begeistern. Auch der Schrei nach jüdischen Dolksgemeinben,!so sehr er mit dem demokratischen Verlangen übereinstimmt, das sich überall geltend macht, hat etwas Beklemmendes an sich. Bisher herrschte gewiß in den meisten jüdischen Gemeinden die Plutokratie und die Intelligenz. Das waren im Judentum keine Gegensätze: im allgemeinen waren die Vermögenden zugleich, auch die Geisteskräftigen. Wenn wirklich das allgemeine Wahlrecht, an dem auch die Frauen und alle, die das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben, teilnehmen, eingeführt wird, wenn alle die, die keine oder ganz geringfügige Steuern zahlen, mit zu raten haben werden, so ist zu fürchten, daß eine Gewaltherrschaft eintritt, die von den unseligsten Folgen sein kann. Diese könnten darin bestehen, daß die Steuerkräftigen und geistig Bedeutenden, die diesem Sturme nicht standzuhalten vermögen, sich von den Gemeinden zurückziehen!. Gn solcher Rückzug würde erleichtert werden, wenn die angedrohte Trennung von Staat und Kirche eintritt. So wenig unmittelbare Folgen eine solche Trennung für die Juden zu haben scheint — denn wir haben bisher vom Staat nur sehr geringe Zuwendungen erhalten —, so kann sie für den Bestand der jüdischen Gemeinden verhängnisvoll werden. Die Folgen einer solchen Trennung könnten darin bestehen. 1. daß die in Preußen geltende Verfügung, daß alle Juden einer Stadtgemeinde sich zu einer jüdischen Korporation zusammenschließen müssen, aufgehoben wird und 2. daß die Zwangseinziehung der Steuern wegfällt. Alle diejenigen, die sich durch die Herrschaft der Masse bedrängt fühlen, werden, wie zu fürchten ist, aus den Gemeinden austreten und sich— sofern sie noch äußerlich am Judentum halten — in freien Gemeinden zusammenschließen; die neuen Volksgemeinden müßten, da sie jedes pekuniären Haltes entbehren, in sich zusammenbrechen. So sieht es bei der allgemeinen Ungewißheit und Gärung geradezu trostlos aus. Nicht mit frohem Ausblick schreiten wir in das neue Jahr. Ist denn gar kein Trost, gar keine Hilfe vorhanden? In solchen Momenten ernster Selbsteinkehr hilft nur das Gefühl der Pflicht. Bleibe jeder auf seinem Posten! Das gilt auch für unsere Zeitung. Die Verhältnisse haben sich ganz anders gestaltet, als wir wünschten und hofften. Es wäre sehr bequem zu sagen,: mag kommen, was will, ich bin schuldlos an der Entwicklung. So darf aber kein wahrhafter und aufrechter Mann sprechen. Er muß vielmehr der Zukunst ins | Auge sehen, unentwegt auf seinem Posten bleiben und die Arbeit tun, die der Tag erfordert. In solchen Zeiten, fürchterlicher Not flüchte-ich mich gern zu Goethe. In seinen herrlichen Sprüchen, die in allen Lebenslagen dazu dienen können, den sinkenden Mut aufrechtzuerhalten, steht zu lesen: Gut verloren, etwas verloren. Mußt rasch dich besinnen Und neues beginnen. Ehre verloren, viel verloren! Mußt Ruhm gewinnen. Da wenden die Leute sich anders besinnen. Mut verloren — alles verloren! Da war' es besser nicht geboren." Dieser Spruch soll uns trösten und soll unser Leitstern bleiben für das kommende Jahr und für die ganze Zeit, die wir auf dieser Erde hinzubringen haben. Wir haben das Gut verloren oder werden es hergeben müssen, das wir erworben, gespart und gewahrt Haben; wir werden uns davon trennen müssen, um die Bedrängnisse des Vaterlandes zu heilen. Wir Aelteren sind nicht mehr in der Lage. Neues zu erwerben, -weder rasch noch überhaupt, r«rd wir werden uns darin fügen müssen, mit wenigem hauszuhalten und uns in die neuen Verhältnisse zu schicken! . Wir haben die Ehre verloren. Aus Herren find wir Sklaven geworden und werden es, da wir ohnmächtig unter der Gewalt übermütiger, hämischer und rachsüchtiger Feinde stehen, jahrzehntelang, vielleicht ein volles Jahrhundert, bleiben müssen: Ruhm zu erlangen, um die Leute zu anderer Besinnung zu zwingen, wird uns nicht möglich sein. Aber eines können und müssen wir, wenn wir uns nicht gänzlich aufgeben wollenbehalten: den Mut im Ertragen von Leiden, Entbehrung und Schmach, den Mut. der den Deutschen zu allen Zeiten eignete und der die Juden erhob in 'dem Schwersten und Traurigsten, das ihnen auserlögt wurde. Mt diesem ungebrochenen Mute treten wir in das neue Jahr. Sn Woche. Berlin, 29. Dezember 1918. uch diesmal muß, und zwar des Neujahrstages halber, der Wochenbericht früher in die Druckerei gegeben werden, so daß die am Anfang des bürgerlichen Jahres 1919 erscheinende Uebersicht noch aus den letzten Tagen des Jahres 1918 stammt und vielleicht gar manches unerwähnt läßt, was sich in den letzten Tagen ereignet hat. Am 24. Dezember hat Unter den Linden eine blutige Schlacht stattgefunden, wobei Marstall und Schloß erhebliche Beschädigungen erlitten haben. Die Kämpfenden waren die Marinesoldaten, die Abteilungen, die recht eigentlich die Revolution in Berlin gemacht haben, die sich als die Hüter der Revolutionstradition betrachten, und einzelnes Abteilungen der -Garde, welche letztere den Schutz der gegenwärtigen Regierung übernahm. Der Kamps richtete sich gegen die Regierung, besonders gegen den Stadtkommandanten Wels. Sicher ist, daß dieser, zuerst gefangen, dann befreit, seines Postens enthoben wurde. Von einem Siege irgendeiner Partei kann man nicht sprechen. Die Anhänger der Spartacus- GruPPe gebärden sich vollständig als Triumphatoren; sie haben die Redaktion des „Vorwärts" besetzt, die Leiter dieses Blattes zu einer entehrenden Erklärung gezwungen, und es sieht gerade so aus, als wenn der Uebermut und die tyrannischen -Gelüste einer kleinen Soldatengruppe die Herrschaft sich anmaßen wollten, denn die augenblickliche Regierung, die keine Mlitärmacht zur Seite hat und Blutvergießen auf das äußerste vermeidet, ist nicht imstande. Energie zu zeigen und Strenge zu üben. So gehen wir im Innern einer wachsenden Anarchie entgegen und wüsten blutenden Herzens einer beständig wachsenden Verwirrung im Innern und einer immer stärker werdenden Erniedrigung nach außen gewärtig sein. * Von Nachrichten liegt nicht allzuviel vor. Einer der schlimmsten antisemitischen Aufrufe, der von Herrn Ströbel, einem ehemaligen Mitglieds des Vollzugsrats, der nun glücklicherweise unschädlich gemacht worden ist, und dem Herausgeber der „Geißel", Half-Halfen, unterzeichnet ist, lautet in seinen wesentlichen Bestandteilen so: „Siebenzig-Millionen-Volk! Bist du blind? Siehst du nicht die Ketten der Zukunft? Tu bist ein Arier Volk von siebenzig Millionen mit nur sechAhunderttausend Semiten! Diese Sechshunderttausend glaubten bisher allein den Anspruch auf Intelligenz zu -besitzen. Sie wurden zu Führern in allen Zweigen des menschenunwürdigen Systems. Alles lag und liegt auch heute noch in ihren Händen. Michel! Werde sehend, indem du dich an die Klubsesselnden erinnerst und an die Berater der Krone, die nicht dein Sprachrohr waren. Blind zogst du hinaus, blind kehrtest du zurück!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.