Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Mahner war inzwischen zum offenen Fenster hingetreten, um sich den heißen Kopf von der Abendluft kühlen zu lassen. Der Briefträger kam eben auf seinem zweiten Rundgange um die Ecke und direkt auf das Haus zu. Voller Hast riß ihm Klaßner den Brief aus der Hand, den er sofort öffnete. „Ich wußte ja, daß Roland Wort halten und mir bald Bescheid geben wird," sprach er zu dem erstaunten Postboten, der lächelnd seinen Gang sortsetzte. Und als er den Inhalt gelesen, stieß er einen Freudenruf aus und sprach zu seiner Mutter, die eilig aus der Küche hergelaufen kam: „Gute Nachricht, Mutter! Der Verleger hat mein Buch unter sehr günstigen Bedingungen angenommen; viel bessere Bedingungen, als ich je zu hoffen gewagt. Ich werde es gleich Ellen sagen. Sie wird es mir nicht übelnehmen, daß ich sie störe, denn gute Nachrichten sind die beste Medizin." Flink, doch geräuschlos, um die Schlafende nicht plötzlich zu wecken, ging er die Treppe hinauf und drückte leise die Tür auf. Es brannte kein Licht im Zimmer, doch die Straßenlaterne gegenüber ließ alles im Zimmer deutlich erkennen. Der Schein fiel auf seine Frau und aus das blinkende Kreuz, das sie an die Lippen gepreßt hielt. Sie machte keine Bewegung, und ihr Mund war verschlossen, doch ihr Gesichtsausdrnck und ihre ganze Stellung ließen ihre Andacht erkennen. Klaßner verstand ihr Schweigen, besser als ihr Mund es ihm hätte sagen können. Vorsichtig und leise wie er gekommen, drückte er wieder die Tür ins Schloß und schlich auf den Fußspitzen die Stufen hinab. „Du hast sie doch nicht etwa geweckt?" fragte Chaje Rachel wieder im Jargon, was sie immer tat, wenn sie nicht mit Ellen sprach. „Nein, ich habe sie nicht geweckt," war seine doppelsinnige Antwort. „Sehr wohl, mein Sohn! Man darf Menschen nicht im Schlafe stören." Dann ging sie wieder zurück zu ihren Töpfen, leise die Worte murmelnd: „Wir werden haben ein gutes Jahr! Wir werden haben ein gutes Jahr!" die sie der altehvwüvdigen Melodie des „Kol-Nidre" anpassen wollte. 19. Klgßners Berufstätigkeit, die sich durch Neuwahlen für den Reichstag noch gesteigert hatte, war die Ursache, daß er in den nächsten Wochen erst sehr spät abends nach Hause kam. Er dachte daran, welche Entschuldigung er wohl sonst hätte Vorbringen können, wenn sich nicht so ein plausibler Grund ihm geboten hätte. Die Luft in seinem Hause war mit bösen Vorahnungen vollgeschwängert, und er glaubte sich in einer Totenkammer zu befinden, sobald er nur die Schwelle überschritt. Es war die Folge des großen Schreckens über die Entdeckung von Ellens wirklicher religiöser Gesinnung. Er war froh, daß er diese Entdeckung so unerwartet gemacht, daß sie nicht schleichend wie eine giftige Schlange an ihn herangekrochen war. Wenigstens hatte er es jetzt mit einer feststehenden Tatsache zu tun, mit einer zweifellosen Enthüllung, und nicht mit den quälenden Schatten eines unbestimmten Verdachtes. Er wußte bestimmt, daß Ellen zu ihrem alten Glauben zurückgekehrt war und dadurch sich ihm entfremdet. Wie aber sollte er sich dabei verhalten? Er wußte es selbst nicht. Er beschwichtigte sein jetziges stilles Verharren mit seiner notwendigen Berufsarbeit, die seine ganze Geisteskraft in Anspruch nahm, die ihm keine Zeit ließ, seinen inneren Zustand einer Prüfung zu unterziehen. Er schläferte sein Gewissen mit der geheuchelten Entschuldigung ein. daß der Pflicht gegen seine Arbeitgeber der Vorrang vor der eigenen gebührt; aber in dem Innersten seines Herzens wußte er, daß die wirkliche Ursache für das Hinausschieben seiner Stellungnahme in dieser Angelegenheit nur rat menschlich begreiflichen Zurückbeben vor einer Katastrophe lag. Er mußte sich eingestehen. daß die Frau geheuchelt, daß sie ein falsches Kptel getrieben. Dann wandte er sich wieder dem Persönlichen zu, wobei er sich aber des tiefsten Mitleides für sie nicht verschließen konnte. Es war ja eine entsetzliche Entdeckung für ihn, wieviel entsetzlicher aber mußte es die ganze Zeit über für sie gewesen sein! Was mußte sie wohl unter der Last des GehemraiffeS erduldet haben, die sie mit sich herumschleppte! Wie doch sein Herz ihretwegen blutete! Und dieses Mitleid brachte sie seinem Herzen noch näher. Er liebte sie so herzlich, weil er sie so glücklich" an seiner Seite glaubte, weil sie sich anscheinend auch innerlich so fest an ihn angeschlossen hatte. Doch jetzt! Er mußte daran denken, welche Fülle von Furcht und Zittern doch ihre Freude beeinträchtigt haben mu,ßte! Mit welchem Bangen und Zagen mag sie in dem Wonnegarten der Liebe gewandelt sein, seit die Giftpflanzen des Zweifels ihre Füße umstrickt hatten! Seit jenem verhängnisvollen Abend ging ihm erst das Verständnis auf für ihre Unterwürfigkeit, gleiche sam für die liebevolle, abbittende Demut, die immer in ihren Worten gelegen. Er dachte an ihre Schüchternheit, mit der sie ihm einige Tage später den Anker gezeigt, den sie aus dem Kreuz hatte anfertigen lassen, wobei sie darauf bestanden, den Goldarbeiter aus ihrem Taschengeld zu bezahlen, da sie doch allein die Ausgabe verursacht. (Fortsetzung folgt.) Sprechlssl. Charlottenburg, Sybelstr. 54, 8. Dezember 1918. Sehr geehrter Herr Geheimrat! Wie ich schon in dem Artikel, den ich Ihnen im Oktober zusandte, der aber noch nicht veröffentlicht worden ist, ausführte, bin ich nicht Optimist genug, um zu glauben, daß das neuerliche Anfchwellen des Antisemitismus und die ungeheure Judenhetze durch Belehrung einzudämrnen wären. Auch der sehr lesenswerte Artikel des Herrn Gustav Cohn: „Aufklärungsarbeit" in der jüngsten Nummer der „Allgemeinem Zeitung des Judentums" geht von der Voraussetzung aus, daß man durch geeignete Belehrung den immer wieder anwachsenden Antisemitismus beseitigen könnte. Ein rechter Antisemit läßt sich nicht belehren, der gleicht d e m P a t r i a r ch e n in Lesstngs „Nathan" mit seinem „Tut nichts, der Jude wird verbrannt". Der Saladine, die sich belehren lassen, gibt es leider allzuwenig. Als Anfang der 80er Jahre die Wogen des Antisemitismus sehrhoch gingen, taten sich namhafte jüdische Gelehrte zusammen, um „die Abfassung einer Anzahl von kurzgesaßten Sätzen herbeizuführen, in denen die Hauptgrundsätze der jüdischen Sittenlehre klar und faßlich ausgesprochen werden". Das auch Ihnen und wohl den meisten der älteren Generation wohlbekannte Büchlein, dem später noch „Belegstellen zu den Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre" beigefügt worden sind (aus biblischen und talmudischen Schriften zusammengestellt von Dr. Samuel Kristeller, Berlin, 1892), ist damals in vielen zehntausenden Exemplaren verbreitet worden. Leider hat es den Antisemitismus nicht ins Wanken gebracht. Vielleicht (?) wäre es bei der gewaltigen Judenhetze, die leider jetzt wieder angefacht wird, am Platze, eine Neuausgabe dieses 48 Seiten umfassenden Büchleins, mit einer zeitgemäßen Vorrede versehen, zu veranstalten und in vielen tausend Exemplaren zu verbreiten. Jeder vorurteilslose Andersgläubige, der diese Grundsätze und Belegstellen liest, wird einsehen müssen, daß die Juden nicht nur gegen ihre Stammesgenossen, sondern auch gegen alle anderen Menschen aufrichtige und wahre Nächstenliebe beobachten sollten und beobachtet haben. Wer da behauptet, daß mit dem „Nächsten" nur der Stammesgenosse gemeint sei, der lese nach 3. Buch Moses 19, 34: „Wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremde, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst" und 5. Buch Moses 24, 17: „Du sollst nicht beugen das Recht eines Fremdlings oder einer Waise und nicht pfänden das Kleid der Witwe." Wenn diese Belehrung nicht frommt, dann helfen auch andere Aufklärungsarbeiten nie und ttimrner. Hochachtungsvoll sehr ergeben NathanCohn.