Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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heiligen Willen anheimzugeben, der alles zum Guten wenden wird. So legte sich Ellen die Gefühle der Beter aus, um aber bald wieder einem anderen Gedanken Raum zu geben. Wenn es tatsächlich der Fall ist, daß Gott Herz und Nieren Prüft und die geheimsten Gedanken des Menschen kennt, dann muß er doch auch wissen, daß sie ebenfalls alles getan, um sich ihm zu nähern, und auch ihre Mühen dursten nicht erfolglos bleiben. Ja, wenigstens eins konnte sie mit den anderen tun: auch ihre Zukunft dem großen Schicksalswender anheimgeben. Daran wollte sie sich halten,' um nicht jetzt schon zusammenzubrechen. Aber der Schofarton verkündet auch noch etwas anderes! Er erinnert doch an Jerichos zusammenstürzende Mauern! Soll dies wieder ein böses Vorzeichen sein? Soll es etwa auch einen Zusammensturz ihres neuen Lebens bedeuten, das ja zudem aus so einem unsicheren Fundament aufgebaut war? Und die böse Ahnung steigerte sich zu einer Furcht, die alle ihre Fähigkeiten lähmte, ihr Herzblut erstarren ließ und zum Stillstand brachte. Sie sah nichts, sie hörte nichts, überall diese Gespensterfurcht. Sie merkte auch nicht, daß das Gotteshaus sich schnell zu leeren begann, und sie stieß einen leisen Schreckensruf aus, als sie ihre Schulter berührt fühlte. Sie blickte sich schnell um und sah in Chaje Rachels freudig -strahlendes Gesicht, auf dem die vergossenen Tränen ihre Spuren zurückgelassen hatten. „Nu, Elle, Kind?" sprach diese lächelnd. „Ja, Mutter," erwiderte sie gedankenlos. „Du aber seien geizig und unersättlich!" kicherte die Alte. „Noch nicht genug haben gebetet den ganzen Tag? Gott haben doch gehabt so viel Arbeit heute, am heiligen Tage; du ihn müssen jetzt in Ruhe lassen. Du seien eine gute Frau von Juden, und wir haben werden ganz gutes Jahr!" Unten wurden sie von Klaßner mit einem Wagen erwartet. „Na, kleine Frau," rief er aufgeräumt und streichelte Ellens Hände. „Du hast dich wirklich tapfer gehalten, besser als ich erwartet." Sie nickte unbestimmt und lehnte den Kops an seine Schulter. Er zog sie fester an sich, und es entging ihm nicht, daß sie ein wenig zitterte. „Du darfst -dich nicht so gehen lassen, Liebling! In einer halben Stunde bist du wieder frisch und munter wie ein Fisch im Wasser." Der Wagen fuhr ziemlich schnell. Der Kutscher -wußte aus Erfahrung, daß es schlaffe und erschöpfte Menschen -waren, die er fuhr, und sein Mitgefühl überwand die Rücksicht aus seinen abgetriebenen Gaul. Gehorsam dem' bereits gestern empfangenen Auftrag, wartete -auch schon die Bedienungsfrau vor der Tür, und bald hörte man -sie in -der Küche hantieren, um den Imbiß zu bereiten. Klaßner hatte seine Frau nach einem bequemen Sessel geführt und, nachdem er die Versicherung von ihr erhalten, daß sie, abgesehen von der Abspannung, sich ganz wohl fühle, ging er hinaus, um das Waschen nachzuholen, das ja am Morgen dieses Tages hatte unterbleiben müssen. Als er wieder das Wohnzimmer betrat, schnitt Ehaje Rachel große Stücke von dem Weißbrot, das heute nicht wie ein Zopf gestochten war, sondern die Form eines Turbans hatte. Bald auch dampfte der heiße Kaffee auf dem Tisch. Es war Ehaje Rachel, -die die ganze Unterhaltung führte, in den Ereignissen des Tages schwelgend und alle Begebenheiten weitschweisend wiederholend. Klaßner machte nur hin und wieder eine kurze Bemerkung, ängstlich nach der Tür spähend, hastig aufspringend, als er den Briefträger erblickte, um sich aber wieder mit enttäuschter Miene hinzusetzen, als dieser ihm eine bedeutungslose Drucksache überreichte. Ellen schlürfte langsam das heiße Getränk und spielte gedankenvoll mit dem Brot, das die Alte ihr in die Hand gedrückt. Sie hielt die -ganze Zeit über die Augen geschlossen, die sie nur aufschlug, wenn sie angesprochen wurde oder eine Frage mit einem stillen, erzwungenen Lächeln beantwortete, um aber bald wieder wie geistesabwesend vor sich hin zu starren. Ihr Blick konnte sowohl auf ein schwer und anhaltend arbeitendes Gehirn als auch auf eine vollständig versagende Denktätigkeit schließen lassen. Klaßner entging ihre Stimmung nicht, und er zog es vor, das letztere anzunehmen, als Folge des angestrengten Tages. „Mir scheint, Liebling, daß du dich nicht ganz wohl fühlst." sagte er zärtlich. „Ich glaube, du hast recht," erwiderte sie zögernd. „Warum gehst du nicht hinauf, um ein wenig zu ruhen?" „Darf ich denn?" Klaßner glaubte eine gewisse Aengstlichkeit herauszuhören und er rief verwundert: „Warum denn nicht? Ruhe dich aus, und inzwischen hat Mutter das Abendbrot bereitet." „Ja, bis zum Abendbrot." Die Worte ließen eine -gewisse Entschlossenheit erkennen, mit denen sie sich erhob und das Zimmer verließ, was aber mit einer steifen Bewegung geschah. Kaum aber -hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, als sie eilig die Treppe hinaufging, ohne die geringste Müdigkeit erkennen zu lassen. Sie legte sich auch nicht nieder, sondern blieb stehen und richtete sich zur vollen Höhe empor. So verharrte sie einige Minuten, und eine feste Entichlossenheit kam mehr und mehr zum Ausdruck. Sie öffnete ihren Nähtisch, griff hastig nach dem silbernen Kveuzchen und stieß einen ichweren Seufzer aus, der ihren ganzen Körper erschütterte. Endlich, endlich hat sie -gesiegt! Endlich kann sie aushören -ein, Versteckspiel mit sich letvst zu treiben! Endlich kann sie sich frei und offen ins Gesicht sehen! Jetzt braucht sie nicht mehr zu grübeln und zu crüfseln; jetzt fühlt sie sich geborgen, mit dem, was ihr gehört! „Jedem das Seine!" So will es Gott haben. Sie hat nun das ihrige: das Kreuz! Es war für sie doch mel)r als die geheiligte Erinnerung an die verstorbene Mutter, wie sie es ihren Gatten glauben machen wollte, Nein, es war ihr ureigenstes Ich, ihr fest eingewurzelter, tief eingeprägter Glaube an den Erlöser und Heiland, in desien Licht zu wandeln man sie von der frühesien Jugend -gelehrt, um das ewige Seetenyelt zu erlangen. Und jetzt war dle>er Erlöser ihr erschienen, um chr die Fesseln zu lösen, unter deren schweren Last sie bisher geleucht. Jawohl, jetzr war ne wieder frei. Ihr Herz tag nicyr mehr tot unrer dem schweren Erdklumpen; es rebr uno ichwmgt sich himmelwärts, wie -sin Vogel, der der Getangenzchasi entflohen ist und seine schönsten Triller als Danklieo in die Welt hinaus fubitiert. „Jedem das Seine!" So will es Gott haoen. Mojes und Je>us, sie haben verde ihre Bekenner und Betämpfer, die treu uno sianohasi ausharren müssen und nicht verräterisch ins fremde Lager flüchten dürfen, wenn die Lust dazu sie anwandelt. Mit voller Jnbrust preßte sie das Kreuz an ihre Lippen und ließ sich auf die Knie nieder. Ach, oie>e himmlische Wonne! Ja, jetzt endlich betet ]te wieder; nicht in der automatischen Art altbackener Gewohnheit, wie sie es damals, an jenem Sonntag, auf der Straße getan, sondern überlegt, mir voller Absicht, mit begeistertem Bewußtsein. Die Menschen da unten glauben, daß ihr Körper müde sei von der eintägigen Entbehrung, während es doch nur ihre Seele war, die vor Leere und Erschöpfung tränkte, so daß sie bald gestorben wäre, ob auch der Körper gesund blieb. Jetzt aber konnte sie die Seele wieder sättigen und königlich schwelgen lassen, und alles durch das Kreuz, das sie noch immer andächtig an ihre Lippen gepreßt hielt, l „Jedem das Seine und Gott für uns Me!"