Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229390--74546-3287025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—— 616 Juden« und nahm sofort gegen dieselben eine dröhnende Haltung ein. Sie hätten gleich die Regeln der Lynchjustiz am eigenen Leibe erfahren, wenn nicht Sokoln und Wachorgane sie schnell aus der sie mit Stockschlägen traktierenden Menge befreit und in den Arrest abgeführt hätten. Das erste Verhör stellte unter den Demonstranten vier Juden, vier Magyaren und sogar zwei Tschechen fest. Sie werden ihren Jugendstreich noch extra mit einer strengen. Bestrafung büßen müssen, die sie auch verdient haben. Daß aber dieser an sich unbedeutende Vorfall von der Tagespresse und der öffentlichen Meinung der böhmischen Nation als Versuch der deutschen Juden ausgelegt wurde, den Bestand des jungen Staates zu gefährden und einen Ausruhr anzuzetteln, erscheint doch über das Ziel geschossen. Denn der Judenhaß feierte abermals seine Orgien, zumal da die deutschen Kaffeehäuser gesperrt, die deutschen Blätter sistiert und die Juden, als Feinde der Nation verschrien wurden. Nur das sozialdemokratische Parteiorgan „Prado lidu" warnte vor solchen Ausbrüchen und verstand es, dem ganzen Vorfall eine sachliche und beruhigende Darstellung zu lechen. — Es muß auch hier der Wunsch ausgesprochen werden, daß die geistigen Führer des böhmischen Volkes, insbesondere die der Arbeiterschaft, welche -die Massen beherrschen und einen von Vorurteilen nicht getrübten Blick bekunden, für eine Beruhigung der Gemüter sorgen mögen, damit Vorfälle, die mit dem Judentum nichts zu tun haben, diesen auch nicht zur Last gelegt würden. Dr. I. Eisenberg, Gerichtsdolmetscher und Translator für ^rabiea st Hebraica. Hellem üas Lkjmge. (23. Forts.) Roman von M. Pulvermann. as waren die Gedanken, die sich ihr während des ganzen Abendgottesdienstes ausdrängten, die sie auch noch am nächsten Morgen beschäftigten, als sie sich wieder im Gotteshause einfand. Es war ihr, als wäre sie während der Nacht gar nicht fort gewesen und -der Gottesdienst hätte keine Unterbrechung erfahren. Möglich auch, daß der gesunde Schlaf während der Nacht sie in dieser Ansicht bestärkte. Und das machte sie wieder ein wenig froh, weil Klaßner sie darauf aufmerksam gemacht hatte, daß sie sich -ausruhen und Kräfte sammeln müßte, da der Tag lang und beschwerlich sein werde; sie fand dies auch bald bestätigt. Der Morgen schleppte sich langsam und eintönig hin, denn es geschah nichts, das ihr besonderes Interesse hätte wachrufen können. Das Herausnehmen -der Gesetzrolle, die Vorlesung aus derselben, -es war ja nur eine Wiederholung dessen, was sie bereits vom Neujahrsfeste her kannte: ja die letztere, die nur Vorschriften über Tieropfer enthält, ließ sie vollständig kalt; höchstens, daß der Prophetenabschnitt, mit der Mahnrede Jesajas, die sie in gewisser Hinsicht an die Bergpredigt des Neuen Testaments erinnerte, ihr ein wärmeres Gefühl einflößte. Sie vermißte sogar die Schofartöne, die sie doch immerhin zu -ernsten Gedanken angeregt hatten. So saß sie denn gelangweilt, bis zum Nachmittag, bis zu dem Gebet, das „Der Dienst" genannt wird, weil es den Dienst des Hohenpriesters im heiligen Tempel zu Jerusalem veranschaulichte. Ellen beteiligte sich nur bei dem ersten vorgeschriebenen Niederknien. Sie hielt eine Wiederholung nicht für angebracht, da es bei ihr nicht freiwillig, nicht aus innerem Antriebe geschah, sondern in sklavischer Nachahmung, weil die anderen es auch taten, um nicht aufzufallen. Der weihevolle Htrotti, der sich über die andern ergossen, hatte sie nicht erreicht, kaum daß er ihre Füße berührt, um bald wieder zurückzufluten, so daß sie ganz trocken blieb. Aber sie hatte auch gar nicht den Drang verspürt, sich freiwillig in den Strom zu stürzen/ um sich von den Wellen forttragen zu lassen. Sie blieb aufrecht stehen. Krankhaft ergriff sie das Holzgitter vor ihr, als suche sie eine Stütze bei dem Aufruhr, der ihre Seele bis in den tiefsten Abgrund erschütterte. Ihr war es, als müßte sie verzweifelt aufschreien, aus diesem Hause stürzen, fort von diesen Menschen, mit denen sie doch keinerlei Gemeinschaft hatte. Dann aber atmete sie wieder ein wenig erleichtert auf. Die Gefahr war vorüber, ohne daß sie sich zu der unsinnigen Tat hatte hinreißen lassen. Sie sank auf ihren Sitz hin und nahm sich vor, ihre anfängliche Politik auch weiter zu befolgen: keine Fragen stellen und ruhig abwarten. Sie verharrte auch einige Minuten bewegungslos und mußte an Gleichgültiges denken. Klaßner war schon einige Male oben gewesen, -um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; jetzt winkte er ihr zu, daß der Gottesdienst -in etwa zwei Stunden beendet sein werde. Voller Entsetzen sprang sie aus. Nur zwei Stunden noch? Nur noch, zweimal sechzig Minuten, und während dieser kurzen Zeitspanne sollten sich die tage- und wochenlangen Herzenswünsche und Seelenverlangen erfüllen? Auf diesen winzigen Zeitteilchen also beruhte ihre ganze Glückseligkeit in den ganzen kommenden Jahrzehnten? Gott, o Gott! Wie aber, wenn es ihr doch nicht gelänge? Verzweifelt preßte sie die Hände an die Schläfen und ihre Augen füllten sich mit heihen Tränen. Bis jetzt hatte sie ihre ganze Hoffnung auf diese Tage gesetzt, die ihr zeigen und sie lehren sollten, wie sie ihr Innenleben gestalten müsse, um es mit ihrem äußeren in Einklang zu bringen. Sie wurde immer mehr der Ueberzougung, daß ihre Sache eine verlorene sei. Die Minuten flohen unaufhaltsam, sie aber befand sich noch immer auf dem toten Punkt, von dem sie nicht loskommen konnte; ihre Füße wurzelten noch immer inder Erde und nicht einen einzigen Zoll hatte sie sich emporheben können. Ihr Herz war wie mit Mühlsteinen beschwert und zog sie in die Niederung hinab. Und das Rennen ihrer Umgebung, hinter ihr, vor ihr, neben ihr, auf allen Seiten hielt an, das Rennen nach dem göttlichen Ziel, um sich emporzuschwingen, um die, Himmelspsorten zu stürmen, um sich zu dem Gottesthrone einen Weg zu bahnen. Sie aber blieb zurück, ach, so weit zurück, daß jede Möglichkeit ausgeschlossen war, jene noch einzuholen. Ja, die Zeit drängt, sie muß einen stärkeren- Anlauf nehmen, chre Aufdringlichkeit vergrößern, denn: „die Hand ist bereits ausgestreckt, um das Urteil zu unterschreiben -und zu besiegeln!" Verzweifelt kroch sie wieder in sich zusammen, verbraucht, zerschmettert und vernichtet durch die todsichere Gewißheit ihrer Ohnmacht. Hier war sie in der Mitte des glühenden, brüllenden Schmelzofens, der gewaltige Gluten ausspie, dessen Flammen höher und höher stiegen; sie aber blieb kalt und unberührt, trotz der lohenden Kraft, ihr Herz unbewegt, trotz des verzehrenden- Feuers. Ja, sie wußte jetzt, daß sie unterlegen. Es gellte -ihr in die Ohren, aus dem Zeugnis der göttlichen Allmacht, das da siebenmal wiederholt wird, wo jeder Ausruf den Höchstpunkt erreicht zu haben -scheint, um aber von dem folgenden an Kraft, Umfang und Andacht noch übertrossen zu werden: „Der Herr allein ist unser Gott!", dem ein plötzliches, unheimliches Schweigen folgt, das -von einem Schofarton unterbrochen wird, lang und klar, der den Schluß des Gottesdienstes anzeigt und all diesen Menschen die frohe Bölschast verkündet, daß jeder hier dem Weltenlenker seinen Tribut dargebracht, um alles andere vertrauensvoll seinem