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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-20 · Heft 51 (20.12.1918) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 51 (20.12.1918)
Date
1918-12-20
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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M Ueber seine Wirksamkeit in seiner neuen Stellung läßt sich im Augenblick kaum etwas Bestimmtes sagen. Ohnehin ist die schematisierende Gebundenheit wohl ein ausreichender Wegweiser für den Bureaukratismus, jedoch ein Hemmnis für die freie Entfaltung selbständiger Tätigkeit. Und nun gar bei einem Amte, das aus den Bedürfnissen des Tages entstanden ist und den Anforderungen der Zeit Genüge leisten soll. Da kommt es weniger auf Programme als auf Initiative an. . Theoretisch und praktisch geschult, mit klarem Blick uNd warmem Herzen ausgestattet, dürfen wir von SoberNheim zuvevfichtlich erwarten, daß er in seinem verantwortungsvollen Amte Ersprießliches leisten wird. Wir sind der Ueberzeugung, daß, wenn früher regierungsseits in Sachen der Juden Fehler begangen worden sind, diese nicht Folgen der Bosheit, sondern der Unkenntnis waren. Die maßgebenden Kreise richtig beraten, heißt zugleich sie günstig beeinflussen. Dm tzrimgekkhrten?um Gruhr. Von Bezirksvabbi-ner Dr. Be er mann (Heilbronn), reude mrd.Dank erfüllt unsere Seele beim Wiedersehen! Freude, daß 'den Kriegern aus Not und Gefahr eine glückliche Heimkehr beschieden war. Freilich keine ungetrübte Freüde strahlt aus unseren Augen. Nicht nur die wehmutvolle Erinnerung an die Hckden, die den Opserlov fürs Vaterland gestorben sind, umdüstert diese Stimmung, sondern es erfüllt uns mit Wehmut auch der schmerzliche Gedanke, daß angesichts der furchtbaren Heimsuchung unseres Vaterlandes das Blutopfer der zwei Millionen Gefallenen nur dann nicht umsonst gebracht ist, wenn nicht aus den Trümmern von so viel Glück und Hoffnung sich der Völkerdom der Versöhnung und Verständigung erhebt. Allen aber, denen, die unter kühlem Rasen schlummern und denen unsere Treue über das Grab hinaus gilt, wie denen, die wir in der Heimat wieder begrüßen dürfen — unsere lieben noch in der Gefangenschaft weilenden» Brüder werden, mit .göttlicher Hilfe in nicht gar ferner Zeit wieder in unserenr Kreise weilen —, wissen wir in tiefster Seele innigen Dank für all das, was sie in Hingebung an die Gesamtheit gelitten und geleistet haben. Sie treten in eine vierwandelte Welt. Ihnen darf man das Wort zurusen, das Goethe einst in den Kämpfengegen das französische Revolutionsheer geprägt hat: „Hier und von heute beginnt -eine neue Epoche der Weltgeschichte, und ihr seid dabei gewesen!" Ein neuer Geist der Freiheit hat die Menschen ergriffen. Und ganz gewiß, sie ist eine Sonnte, unter deren warmen Strahlen die guten Kräfte und Keime sich entfalten können. Doch. „es sindnicht alle frei, die ihrer Ketten spotten". „Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht." Darum meinten die Alten, die wahre Freiheit sei in den Gesetzestafeln eingegraben. Vor der Einfahrt in den New Aorker Hafen erhebt sich mit erhobener Fackel die Statue der Freiheit; an ihrem Fuße sieht man oft verbrannte Leichen von Vögeln, die nichtsahnend in die lockende Flamme geflogen waren und den Flug ins Freie mit dem Leben büßen wußten-. * Ein neuer Geist der Gemeinschaft, des sozialen Verstehens, erfüllt unsere Zeit. Wir Israeliten haben das Wehen und Walten solcher Gesinnung längst laus den Reden unserer Propheten vernommen, denn ihr Streben war, die Werte der Liebe und Gerechtigkeit auch in das Erwerbsleben und in die WirtschaftsverhAtnisse der Menschen, himeinzutragen. Doch der unendliche Wert der einzelnen Menschenseele mit ihrer göttlichen Ursprünglichkeit und ihrer Eigenart soll von all den neuen Bindungen an die Gemeinschaft n-lcht erdrückt und erstickt werden. Es soll ein Sozialismus sich durchsetzen, dessen Ruhm' es sein soll, Raum zu schaffen für den Individualismus. Nicht alles a-uszugleichen und zu nivellieren, sondern .allen die Möglichkeit zu sichern, ihr Tiefstes und. Bestes ungehemmt auszugestalten, das muß das Streben sein. * Ein neuer G eist der Frömmigkeit wird ersehnt. Das unendliche Leid, das der Krieg geschaffen und ins Blickfeld auch: der nicht unmittelbar Betroffenen gerückt hat, bildet eine schwere Belastungsprobe für die Religion. Nur der Glaube hat Wert, d.er das Weh in Willen und Kraft umzubiegen vermag. Das Judentum hat sich als solche Lebenskunst bewährt. Neben dem allgemeinen Menschheitsjammer hat es auch den eigenen Schmerz, den ewigen! Judenschmerz, zu meistern verstanden. Neue Verhältnisse und Ordnungen stellen es vor große Aufgaben. Da, wo die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt wird, wird dem Religionsunterricht fortan jede äußere Stütze genommen werden. Auch die Teilnahme am Gemeindeleben wird in noch erhöhtem Maße nur aus freiwilliger Gesinnung geboren werden. Alles wird also von innen heraus geschehen müssen. Nicht mehr die Steuern, sondern die Seelen werden zunächst zu erstreben fein. Alle jüdische »Gemeindepolitik, an der unsere Heimgekehrten mitzuwirken berufen sind, wird sich nunmehr unter das Wort stellen: „Nicht durch äußere Macht und nicht durch sichtbare Stärke, sondern durch den» göttlichen Geist!" Gries aus Löhmen. Prag, den 5. Dezember 1918. ie Judenschaft Prags sowie des -ganzen Gebietes der neuen Republik hat nun vier bewegte Tage hinter sich, welche arge Folgen hätten zeitigen können und für die hier herrschende Stimmung bezeichnend sind. Zum besseren Verständnis des Sachverhalts möge die hier folgende Erzählung aus dem Midrasch Echa beitragen. Die Frau des römischen Kaisers Trajan (115 v. Ehr.), heißt eS daselbst, genas in der Nacht des neunten Ab, den die Juden als Trauertag begingen, eines Kindes. Dieses aber erlag in der folgenden Chanukawoche einer Kinderkrankheit. Feindliche Kreise überbrachten der Königin -die Anklage, die Juden -hätten am Geburtstage des Kindes -getrauert und an dessen Todestage Kerzen, ang-ezündet. Schwere Ausschreitungen! gegen die Juden bildeten die Folgen dieses Mißverständnisses und alle Nachweise der Verfolgten, daß ihre religiösen Handlungen -am neunten Ab und in der Woche der Makkabäerfeier mit dem Erdendasein des Kindes nichts zu tun hätten, blieben fruchtlos. — Die Proklamierung des neuen tschecho-slowakischen Staates am 28. Oktober d. I. ließ einen alten, gehässigen Zuruf auf dem böhmischen Flachlande von neuem aufleben, den Gassenbuben ihren jüdischen Mitbürgern auf der Straße entgegenschleudern: „K i d e ü o P a l ä st i n y!" „Juden, geht nach Palästina!" Dieser hier vorher nie gchörte Zuruf scheint eine Errungenschaft der Umwälzung zu sein, um das bisher gepflegte beste Einvernehmen zwischen Juden und Nichtjuden zu trüben. Hoffen wir, daß diese feindliche Woge sich glätten und daß das gestörte ruhige Zusammenleben sich gar bald wieder einstellen werde. — Ein zweites, scheinbar geringfügiges Ereignis verwandelte in den letzten Tagen die Ruhe der Staatsbürger in einen Sturm. Letzten Sonntag, den 1. Dezember, erschienen, laut Polizeibericht, etwa zehn Personen in Ofsiziersuniform und mit deutscher Trikolore geschmückt, am Graben und -sangen. „Die Wacht am Rhein". Das böhmische Publikum erkannte diese Demonstranten als deutsche

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