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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-20 · Heft 51 (20.12.1918) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 51 (20.12.1918)
Date
1918-12-20
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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607 erklang bot Ruf ihrer Bekenner — genau (fo wie iw der neuzeitlichen evangelischen Staatskirche: ,Hos vom Staate!" Die Wirrung des Exils war eine dreifache: 1. Es entstand eine natürliche Auslese, da die berückende babylonische Kultur religröse Gläubigkeit schwinden lieh und Heroen bewahrte; 2. Ausbildung des Individualismus; 3. Ausbildung der Mysterien und des Prophetentums. Daß nur das Individuum das Judentum erhalten könne, ist bereits vor der Entstehung des Christentums erkannt worden, und nicht eine Entdeckung des Christentums. Es trat neu das Moment der Sehnsucht hinzu, das in der Lehre Ausdruck findet: „Ich und mein Gott." Das aber ist die Gefahr des Individuums. Aus diesem Moment erwuchs der Gedanke der Seelsorge: „Du bist der Hüter deines Bruders" (Ezechiel). Ein Mensch ist sür den anderen verantwortlich, aber auch ein Volk sür das andere, demnach auch das jüdische Volk sür die anderen Völker, wie das rm zweiten Jesaias zum Ausdruck kommt. Dieser Gedanke, der die eigentliche Weltgeschichte, also die sittliche Entwicklung bedeutet, ist also eine der größten Entdeckungen des Judentums, während die Syrer und die anderen Völker nur die Geschichte geschaffen haben. Aus der Weltgeschichte in diesem Sinne ist die Eschatologie, die Lehre von den letzten Werten, herausgehoben worden. Die Eschatologie führte zur Lehre von dem Messias, und zwar unter Mitwirkung von Poesie und Phantasie, wie in den Apokryphen. Die Evangelien und das ganze sogenannte Neue Testament sind nichts anderes als der Ausdruck der Eschatologie. Im Daniel sind Weltgeschichtliches und Eschatologie verbunden. „Der Zaun um die Lehre" war eine Gefahr sür den Individualismus. Denn nun trat ein Gegensatz zwischen der Religion des Individuums und der Religion des Volkes aus. Das Individuum hat aber eine zweifache Ausgabe. Es soll seine eigene religiöse Entfaltung, aber auch die Religion der Gemeinde und des Volkes stärken. So ist „der Zaun um die Lehre" gewissermaßen die religiöse Verfassung, jedoch nicht der Inhalt der Religion. Die religiöse Verfassung war notwendig zur Erhaltung der Gemeinde. Das Judentum — und das ist von größter Bedeutung, und wir können stolz darauf sein — hat stets die religiöse Verfassung und den Inhalt der Religion voneinander getrennt. So zählt unser Sünden'bekenntnis (Widduj) nur individuelle Sünden auf; jedoch nicht Sünden gegen die religiösen Satzungen, ebenso wie der Talmud nur von guten Taten der einzelnen spricht. So entstand zur Erhaltung der Gemeinde das Gebet, an Stelle des Opfers der Gottesdienst mit Schristerklärung und Vorlesung. Die Folgen dieser Schöpfungen sind Gegensätze gegen die anderen Religionen, aber auch Gegensätze innerhalb des Judentums selbst. Denn an Stelle der nationalen Religion trat die Kulturreligion (vgl. oben). In Daniel Kap. 7 wird die geistige Verwandtschaft mit den Heiden nicht geleugnet, wohl aber die sittliche. Dasselbe geschieht im Talmud im Gleichnis von der Stadt Rom, bei der Unterredung zwischen Rabbi Josua und Rabbi Akiba. Auch im Sisri sind Pruschim ganz anders als die Menschen ringsumher. — Die inneren Gegensätze treten in den drei Parteien: Pharisäer, Sadduzäer und Essener hervor. Nach der Würdigung der zeitgenössischen Berichte über diese Parteien charakterisierte der Dozent diese Parteien selbst und brachte viel Neues darüber. So stellte er fest, daß die Sadduzäer nicht nur die mündliche Lehre anzweifeltew, sondern auch die schriftliche^). Daraus entstand eine Verschiedenheit der Rechtspraxis bei ihnen und bei den -Pharisäern. Während die letzteren nach jüdischem Rechteurteilten, geschah es bei den ersteren nach römischem Recht, in dem Bestreben, sich mit der herrschenden römischen Nation zu vereinigen. — Die Pharisäer, nach Sifra „P'ruschim", waren das Ideal der Frömmigkeit. „Porusch" heißt auch heilig. Das Wort Porusch wurde später auf Gott selbst übertragen. Doch sollte das Wort „heilig" nur der Bibel Vorbehalten werden, während Porusch in den rabbinischen Schriften angewendet wurde. Sie waren erfüllt von dem Bewußtsein der eigenen Wahrheit und dem Widerstand gegen die fremde Wahrheit. Sie glichen etwa den Nonkonformisten der englischen Geschichte; es sind die Anderssei enden, die Sichtrsubleibenden. Die Schöpfung des Märtyrertums ist durch die Pharisäer geschehen. Kein anderes Volk kannte bis dahin Märtyrer, mit Ausnahme des Sokrates. Die Sadduzäer waren die Tempelpartei, Gegner des Opferdienstes und des Gebetes in der Synagoge, das nicht in der Bibel angeordnet war, während die Pharisäer die Synagogenpartei genannt werden kann. Erst nach dem Falle des Tempels fand das Gebet allgemeine Ausnahme; die Pharisäer waren über den Fall des Tempels nicht sonderlich betrübt. Die Essener oder Essäer, die Frömmsten der Frommen, Chassidim, erhoben gegen das Opfern der Tiere Einspruch. Die Flucht in die Wüste geschah in Erinnerung an die Röhabiten, diese heidnische Sekte, welche lehrte: ,Lultur ist Unglück" (vgl. Rousseau). Die Essener waren gleichfalls Eschatologen, indem sie sich die Vorstellungswelt dieser Lehre zu eigen gemacht hatten. Die Welt der Wunder wurde ihnen in der Einsamkeit noch lebendiger. Aus dem Geiste der Pharisäer ist das Evangelium hervorgegangen. Die Pharisäer waren die Partei der Zukunst, aus der auch wir hervorgegangen sind. Es ist ein tragisches Geschick, daß auch die Verfolger des Judentums aus dieser neuen Lehre hervorgegangen sind. Die ältesten Stellen des Talmud berichten nichts über die Entstehung des Christentums. Denn erstens ist ein großer Teil des Schrifttums jener Zeit verloren gegangen. Zweitens fehlte es an geschichtlichen Darstelbungen, weil nur Recht un!d Moral schriftlich Medergelegt werden sollten. Der Vortragende charakterisierte daraus die sogenannten synoptischen Bücher, das sinld die ältesten Evangelien Matthäus, Marcus und Lucas. Johannes hatte nur die Absicht zu erklären. Das älteste Evangelium, das des Marcus, ist etwa um 70 entstanden unld hat aramäischen Urtext. Die Evangelien waren vorwiegend Kamps- und Werbeschriften, nicht historische Bücher und sind später im paulinischen Sinne überarbeitet worden. Zwischen diesen drei ältesten Evangelien und dem Alten Testament sind noch keine wesentlichen Unterschiede zu bemerken. Paulus Cassel: „Um das Christentum zu verstehen, muß man Jude sein". Dr. Naumann: „Aus dem Mten Testament weht uns ein kräftiger Sturmwind, wie aus dem Weltmeer, entgegen, während das Neue Testament ein sanftes Säuseln zeigt, Gott suchen heißt: nach dem Guten streben; Gott finden heißt Gutes tun." So tritt der Gegensatz zwischen dem Judentum und dem Paulinismus scharf hervor. Christus unld die Sadduzäer stehen im schärfsten Gegensatz, nicht so Christus und die Pharisäer, welche gemeinsam in der Apostelgeschichte behandelt werden. Zwischen den ersten Jüngern. Christi und den Pharisäern herrschte bestes Einvernehmen, erst die Jünger des Paulus beschimpfen den Pharisäer und die Judenchristen. Jesus und seine Anhänger teilten völlig die Ansichten der Essäer. So erscheint Christus in den ältesten Evangelien als Wundertäter (nach Wellhausen). Ebenda wivd von Teufeln, Engeln, Dämonen und Beschwörungen gesprochen. Dergleichen findet man nirgend in den gleichzeitigen haggadischen Schriften. Die älteste griechische Form des Vaterunser zeigt der Böse, und wicht das Böse. (Schluß folgt.) *) Höltsch: „Geschichte des Sadduzäismus".

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