Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229390--74542-3287021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
606 Ein derartiges Verfahren kann geübt werden, sobald einem Lehrgegenstande viele Wocheustunden zugewiesen sind; ob dies durchführbar ist bei den geringen, dem jüdischen Religionsunterricht zugewiesenen Stunden, bleibt sehr fraglich. Gewiß wird kein Vernünftiger auf dem Standpunkt stehen, daß die Religion ausschließlich in Bibelsprüchen besteht. Aber für die jüdische Jugend ist es durchaus notwendig, sich Bibelstellen, Teile der Psalmen usw. einzuprägen, und es bleibt fraglich, ob dies während des Unterrichts allein in genügender Weife geschehen kann. Manches andere in der neuen Verfügung ist froh zu begrüßen. Wir haben zwar nie aus dem Standpunkt gestanden, daß jüdische Kinder geschädigt würden, wenn sie an religiösen Schulfeiern teilnehmen müssen. Trotzdem halten wir es für einen Fortschritt, daß diese religiösen Feiern, die schon längst ihrer Weche entkleidet und zu einer bloßen Formsache zusammengeschrumpst waren, nun aufhören. Es wäre gut, wenn die Lehrer und die Schüler sich nun wirklich daran gewöhnen würden, einander bloß als Menschen und als Deutsche zu betrachten, daß alles Trennende fchwäntde und alle feindlichen Bestrebungen gegen die Juden aufhörten. Nur fürchten wir, daß solche gesetzlichen Maßregeln, zumal wenn sie mit dieser Plötzlichkeit eintreten, nicht ausreichend sind. Denn leider sind gar viele der gegenwärtig wirkenden Lehrer und ebenso die Schüler selbst, von der Pest des Antisemitismus angesteckt. Und ob sie im Unterricht und im Verkehr sich jeldeS Ausfalles, jeder feindlichen Betrachtung, jeder gehässigen Beurteilung enthalten werden, ist mehr als fraglich. Wenn aber wirklich durch diese einschneidenden Maßregeln die Schule ihrer großen Ausgabe entgegengeführt wird, bloß Menschenbildnerin zu sein, und alles Trennende unter der neuen Generation aufgehoben wird, so wollen wir sie mit großem Danke und herzlicher Anerkennung begrüßen. * Wenige Tage, nachdem dieses Blatt in die Hände der Leser kommt, tritt der kürzeste Tag des bürgerlichen Jahres ein. Statt der glorreichen Zeiten, denen wir angeblich entgegengefühvt werden sollten, das schwärzeste, unglückseligste Jahr, das wir erlebt haben. Wie wird es enden? WaS wird das neue Jahr bringen? Wir sehen mit schwerer Sorge in die Zukunft. Nicht einmal der Trost kann verfangen, daß es nicht schlimmer werden kann. Vielmehr herrscht überall die bange Besorgnis, daß es noch viel schlechter werden wird. Die Forderungen der Arbeiter sind so maßlos, die Ansprüche unserer Gegner so hoch gespannt, unsere Zerrissenheit verurteilt uns solcher Ohnmacht, daß die furchtbarsten Beklemmungen uns erfüllen. Wo ist ein Ausweg, wo eine Hoffnung? Wohl dem, den der Glaube tröstet und aufrecht erhält! Uns alle aber, und besonders uns Aeltere, die wir viel erlebt, viel erfahren und manches gelitten haben, soll und muß die kommende Zeit widerstandsfähig finden. Wir wollen uns nicht aufgeben, nicht verzweifeln. Auf zur Arbeit, zur Tat! Aus der ttefen Beängstigung über die Zukunft, die uns alle erfüllt, müssen wir uns erhoben zu neuer Hoffnung und zu neuem Leben. Und doch! Ser apologetische Kursus des Verbandes der Deutschen Juden. Bericht über die Vorlesungen. * Von H. Becker (Wollstein). I. och unter dem tiefen Eindruck der geistvollen, anregenden und tiefschürfenden Vorlesungen dieses Kursus wollen wir nur kurz über ihren Inhalt berichten, nachdem in unserer Zeitung Über den äußeren Nahmen dieser Veranstaltung das Wichtigste mitgetM wurde. Eine würdigere Einleitung konnte der Kursus nicht finden als die Vorlesungen des bekannten Feldpredigers und Rabbiners Herrn Dr. Baeck (Berlin). Es waren eigentlich nicht Vorlesungen, sondern freie, nach Form und Inhalt meisterhafte Vorträge, bei welchen selbst die Zitate aus der Bibel, der . nachbiblischen jüdischen Literatur, der zeitgenössischen lateinischen und griechischen Schriftsteller, der mittelalterlichen und neuesten deutschen, englischen und französischen Kirchenlehrer mit einem geradezu staunenswerten Gedächtnis, wörtlich und unter Angabe der historischen Daten, ohne jegliches Nachschlagewerk, mitgeteilt wurden. Durch diese Vorträge sowie durch diejenigen der anderen Dozenten zog sich wie ein roter Faden die Erkenntnis, die bereits in dem Artikel dieser Zeitung „Zur Einführung" gefordert wurde: „Wer das Judentum verteidigen will, muß es zunächst selbst kennen." Geleitet von diesem Gedanken, stellten sich die Dozenten zwei Aufgaben: 1. Die Hörer sollen möglichst eingehend über den vorliegenden Stoff unterrichtet werden. 2. Sie sollen in der Methode der Abwehr geschult werden. Herr Dr. Baeck behandelte zunächst das Thema: „Das Judentum zur Zeit der Entstehung des Christentums". Die Vorlesung führte den unumstößlichen Nachweis, an der Hand eines tiefdurchdachten, sorgfältig gesichteten und reichen Materials, wie das Christentum aus dem Judentum entstanden war. Der Dozent wird wohl aus bestimmten Gründen das Thema nicht ausdrücklich so bezeichnet haben. Hier in Kürze der -Gedankengang der Vorlesung: Das Judentum war und ist nicht zum Untergange bestimmt aus pragmatischen Gründen, weil schon nach Onken die übliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit nicht berechtigt ist. Aber auch, nicht aus dogmatischen Gründen. Denn der Sieg des Ehristentums bedeutet nicht eine Weiterentwicklung der jüdischen, religiösen Anschauungen, sondern ihre völlige Ueberwindung nach der Lehre, daß mit chm alles erfüllt ist und das Judentum nur eine Vorbereitung, ein Mittel zum Zwecke sei. Selbst nach Riedschel und Strauß findet das Christentum nicht in der Natur und Wissenschaft, sondern in der Geschichte seine Begründung. Jesus Christus ist nach Rietschel der Erfüller des Prophetismus, der alles überwunden hat, was an Sinnen und Gedanken vor ihm, also in seinem jüdischen Volke, gewesen ist. — Der Dozent schilderte hier in vollkommen objektiver Weise die einzigartige Persönlichkeit des Jesus, von dem weder eine einzige ausgeschriebene Zeile noch auch ein zeitgenössisches Bild erhalten ist, der aber dennoch nach den Erzählungen und Berichten der ältesten synoptischen Evangelistou, Matthäus, Marcus und Lucas gelebt haben muß. Der einzelne wird ebenso wie ein ganzes Volk von seinem Milieu beeinflußt. Die Einflüsse aus das jüdische Volk waren: seine geographische Lage zwischen Syrien und Aegypten, den beiden Kulturzentren des «Altertums; Roms Ausdehnung nach Osten, welche eine politische Bewegung nicht rätlich erscheinen ließ und also zur Beschästigung mit religiösen Fragen führte. Die syrischen Mysterien und Mystiker boten dazu den ersten Anlaß. Der dritte Einfluß war die Natur des Landes, seine isolierte bodenständige Lage, die auch dem Judentum jener Zeit etwas Geistig-Isolierendes gab. Endlich hatte auch der Charakter der Juden sich in dem und durch das Babylonische Exil eigenartig entwickelt. Sie waren« der Heimat entwurzelt und hatten im fremden Lande festen Fuß gefaßt. So wurden nach Meineke die Juden aus einer Staatsnation zu einer Kulturnation. In demselben Augenblick aber, da die Staatsreligion sich so gewandelt hatte.