Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-20 · Heft 51 (20.12.1918) · p. Seite 605

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 51 (20.12.1918)
Date
1918-12-20
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229390--74541-3287020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

605 Angesessene Judentum mit diesen Gementen, die größtenteils erst in den allerletzten Jahren aus dem Osten zugezogen sind, nichts zu tun hat. Wenn sich heute unter diesen „Rev-oluLionsgewinnlern" und jenen, die sich begierigan die Krippe drangen, zahlreiche Auch--Juden befinden, die außer der Abstammung keinerlei Gemeinschaft mit dem bodenständigen Judentum haben, so sind diese Leute uns ebenso unshnrpathisch und ebenso verdächtig wie allen anderen besonnenen Bürgern. Wir lehnen es auf das entschiedenste ab, für sie verantwortlich gemacht zu werden. Wir fühlen uns solidarisch mit all den Angehörigen des deutschen Volkes, die eine gesicherte Zukunft des Staates nur auf der Grundlage von Ruhe, Ordnung und Arbeit erwarten. Wir appellieren an das Gerechtigkeitsgefühl aller derer, die willens sind, die Dinge so anzusehen, wie sie 'liegen-, und geben uns der ruhigen Ueberzeugung hin, daß dieser Appell nicht vergeblich sein wird. * Sehr erfreulich ist ein mannhafter Ausruf des Centralvereins. Er hat folgenden Wortlaut: Mitbürger. Soldaten, Frauen! Bedenket folgendes: Vor dem Kriege hat es in Deutschland keinen einzigen jüdischen Diplomaten, keinen einzigen jüdischen Botschafter im Auslande, keinen einzigen jüdischen aktiven Offizier, keinen jüdischen Minister oder hohen Reichsbeamten gegeben. Haben also die Juden den Krieg verschuldet? Nein! Während des Krieges haben jüdische Kreise, die das Ausland kannten, vor dem U-Boot-Krieg gewarnt; hat nicht der Jude Ballin an der maßgebendsten Stelle vergeblich davor gewarnt, durch den U-Boot-Krieg uns den Haß Amerikas zuzuziehen? Haben also die Juden den U-Boot-Krieg verschuldet? Nein! Bon jüdischer Seite wurde darauf aufmerksam gemacht, daß wir langst einen ehrenvollen Frieden ohne Eroberungen Hütten schließen können, um unser Vaterland nicht einem Zusammenbruch in die Arme zu treiben. Was hat man uns <ctuf den Wunsch nach einem rechtzeitigen, ehrenvollen Frieden geantwortet? „Ihr Juden wollt keinen Sieg, ihr liebt euer Vaterland nicht, ihr wollt einen schmählichen Frieden, einen Judenfrieden". Haben, also Juden den rechtzeitigen Frieden verhindert? Nein! Wäre es nach Stimmenmaßgebender jüdischer Männer gegangen, wir hätten keine Feindschaft mit Amerika und einen ehrenvollen Frieden für Deutschland gehabt. Ist es Schuld der Juden, daß trotz der U-Boote am Anfang dieses Jahres dre amerikanischen Millionentransporte ungehindert den Ozean überquerten? Nein! Wer waren die Blutsauger im Kriege? Waren es nicht diejenigen, die die Lebensrnittel zurückgehalten, auf dem Lande Butter, Eier, Kartoffeln und Fleisch ausgespeichert und nicht abgeliesert haben? Waren das Juden? Nein! Wer hat aus der Herstellung von Munition und aus der Kriegsindustrie Gewinn gezogen? Die rheinisch-westfälische Schwerindustrie! Sind Krupp, Thyssen, Koerting, Stinnes, Kirdorf und Genossen Juden? Nein! Sind etwa die tausende hohen Offiziere in der Etappe, die ein gutes Leben führten und den einfachen Soldaten schlecht behandelten, Juden gewesen? Nein! Säßen in den Stäben, deren gutes Leben bekannt ist, Juden? Nein! Waren die Bezirksfeldwebel Juden? Nein! Sind es Juden gewesen, die durch Handhabung von Zensur und Belagerungszustand und durch Ablehnung der Preußischen Wahlrechtsvorlage Arbeiter und Bürger zur Empörung gebracht haben? Nein! Im Kriege sind allerdings mindestens 2000 Juden Osfizieve niederen Ranges geworden, aber diese mußten an der Front gewesen sein. Ein Jude, der nicht an der Front war, konnte niemals Offizier werden. Gewiß hat es Juden gegeben, die im Kriege gesündigt, sich bereichert und sich gedrückt haben. Aber wären es unter den Nichtjuden verhältnismäßig nicht ebensoviele? Biele Tausende von Juden sind für das Vaterland gefallen. Als erster Reichstagsabgeordneter erlitt der Jude Ludwig Frank den Heldentod. Heber 100 000 Juden sind hinausgezogen, das ist jeder vierte oder fünfte Mensch der jüdischen Bevölkerung. Die schamlosen, meist namenlosen Hetzblätter, die nicht genug Schmutz aus die Juden werfen können, haben nur einen ersichtlichen Zweck: Ablenkung der Massen von den wahrhaft Schuldigen am Kriege, die die Verantwortung fürchten. Zur Verantwortung gezogen werden muß jeder ohne Unterschied der Religion und Abstammung, der am deutschen Volke ein Verbrechen begangen hat. Ein einseitiges Abwälzen der Schuld aus einen Teil der Bevölkerung stistet Unfrieden und beschwört den Bürgerkrieg herauf. Wer bei all dem Leid und Graus, das wir erlitten haben und das uns noch bevorsteht, wenigstens diese größte Schrecknis abwälzen will, schüttle die niedrigen Hetzer und Verleumder von sich ab. Deutschland ist politisch unterlegen: es wird wird sich erheben. Deutschland ist wirtschaftlich zusarmnengebrochen: es wird sich wieder ausschwingen. Wird aber Deutschlands Sittlichkeit, Deutschlands Gewissen ertötet, dann, aber auch nur dann wird Deutschland untergehen! Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. * Während neue Feinde wider uns .aufstehen, werden nur wenige zum Schweigen gebracht. Ein solches Beispiel - wird von der „Nationalzeitung" in folgender Auslassung erzählt: Gesinnungswechsel eines Wiener Antisemitenblattes. Unser Wiener L.-Korrespondent telegraphiert: Das antisemitische Hetzblatt „Deutsches Volksblatt" hat einen für die Situation der Christlichsozialen bezeichnenden Tendenzwechsel vollzogen. Es bekennt sich von heute ab zum demokratischen Bürgertum, verwirft jeden Klassen- und Rassenkampf, wendet sich gegen die dynastische Stirnmungsmache und tritt herzlich für die Angliederung Deutsch-Oesterreichs an Deutschland ein. Zum Herausgeber wurde der frühere Adjutant des Kriegspressequartiers-Kommandanten, Herr v. Lustig, zum Direktor der frühere Kriegsberichterstatter Isidor Längstem ernannt. * Die neue preußische Unterrichts-Verwaltung hat am 29. November einen- Erlaß an die Direktoren sämtlicher höheren Lehranstalten gerichtet. In diesem wird in sehr schöner Weise der Gedanke zum Ausdruck gebracht, daß die Religion, von der in würdigster und erhebender Weise gesprochen wird, nur Privatfache sei, und -es werden folgende Bestimmungen getroffen: Das Schulgebet vor und nach dem Unterricht wird ausgehoben. Eine Verpflichtung der Schüler seitens der Schule zum Besuche von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen ist unzulässig. Schulfeiern dürfen keinen religiösen Charakter tragen. Religionslehre ist kein Prüfungsfach. Kein Lehrer ist zur Erteilung von Religionsunterricht oder zu irgendwelchen kirchlichen Verrichtungen verpflichtet, auch nicht zur Beaufsichtigung der Kinder beim Gottesdienst. Es ist unzulässig, in dem Religionsunterricht der Schulen häusliche Schularbeiten, insbesondere das Auswendiglernen von Bibelsprüchen, aufzugeben. Diese einschneidenden Maßregeln treten sofort in Kraft. Wir hätten freilich gewünscht, daß derartige, dem früheren System entgegengesetzte Vorschriften nicht -als autokratische Verfügung eines Ministers, sondern als Beschluß einer preußischen Volksvertretung, die ja freilich noch in sehr ferner Aussicht steht, erlassen worden wären. Immerhin wird nichts anderes übrigbleiben, als sich auch mit dieser völligen Umwälzung.abzufinden. Wir haben in Berlin, und anderwärts seit Jahren dafür gekämpft, daß neben den bestehenden Religionsschulen, die immer weiter ausgebaut wurden, jüdischer Religionsunterricht in höheren Schulen eingeführt wurde. Mir hatten es durchgeletzt, daß die jüdischen Schüler und Schülerinnen zur Teilnahme an diesem Unterricht verpflichtet waren; wir hatten es mit großer Mühe erlangt, daß jedes jüdische Kinld Nachweisen mußte, daß es jüdischen Religionsunterricht erhalte. Wir hatten uns bemüht zu erwirken, daß ein Zeugnis über den jüdischen Religionsunterricht in die allgemeinen Zeugnisse Aufnahme findet, und es auch in manchen Fällen erreicht, — alles dies ist nun mit einem Schlage vernichtet. Der jüdische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen wird ja allerdings nicht mit einem »Schlage aufhören, aber sein Bestehen ist gefährdet, sobald der Zwang schwindet und namentlich die Zahlungsverpflichtung d-er Kommunen aufgehoben wird. Ueberei-lt ist sodann die Forderung, daß bei den häuslichen Ausgaben des Religionsunterrichts das Auswendiglernen von Bibelsprüchen beseitigt wird. Die neuere pädagogische Doktrin ist gewiß mit Recht dafür eingetreten, häusliche Ausgaben zu beschränken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.