Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 Lange nicht so schlimm wie dieser wütende Angriff, aber bösartig genug ist eine Insinuation der „Kronzzeitnnig"; besonders bösartig deswegen, weil dadurch dem Antisemitismus ein wissenschaftliches Mäntelchen umigchängt werden soll. Das genannte Blatt weist auf ein Werk Hallers hin, das in dem von Greßmann und anderen liberalen protestantischen Theologen herausgegebenen! Bibel-Kommentar erschienen ist, und hebt daraus folgende Stelle hervor: „Auch ohne die Persönliche Spitze des Zukunftskönigs (des Messias) ist die Hoffnung auf die große Wende, die Jahwe zugunsten der Juden bringen muß und wird, der Herzpunkt jüdischer Frömmigkeit. So ist es im Juden tun: auch geblieben: ein Judentum ohne Hoffnung, eine Judenschast, die nicht ein Volk, ein zu großen Dingen berufenes Volk sein will, ist ein zum Verfall verurteiltes Wesen, das, wie alle Zerfallsprodukte, wiederum ze r se tze n d w i r kt. Das erfährt die Gegenwart, wie es einst die Weltreiche ides Altertums erfahren haben." Uns fcheint diese Stelle selbst nicht so schlimm zu sein. Was der Artikelschreiber gesperrt druckt, ist dem Verfasser des Buches-gewiß weniger wichtig als der Hinweis auf die nationalen Hoffnungen der Juden; die „Kreuzzeitung" benutzt aber die Stelle, um in ihrer hämischen Art auf die Ziersetzungstätigkeit der Juden hinzuweisen. * Zu welchen Mitteln die Antisemiten -greisen, um die Juden zu verdächtigen, beweist ein Privatbrief, den ich aus Weimar empfing. Ein dort lebender, hochachtbarer Gelehrter, der dem Judentum angehört, schreibt mir, er habe von mehreren Seiten erfahren, „idie Synagoge in Berlin habe der Spartacus- Gruppe 114 Millionen Mark für ihre Agitationen geliehen". Das Unsinnige dieses Gerüchts liegt auf der Hand. Die Jüdische Gemeinde, die hier wohl unter „Synagoge" verstanden wird, hütet sich wohlweislich, dieser Gruppe Geld zu geben, um ihr gemeingefährliches, anarchistisches Treiben zu unterstützen. Aber die Entstehung und Ausstreuung solcher Gerüchte ist ein neues Zeugnis für den Eifer, mit dem viele bemüht sind, Ansehen und Würde des Judentums herabzusetzen und ihm bei der großen Menge Schaden zu bereiten. * Daß derartiae verbrecheriscke Artikel ihre Wirkung üben, ist unausbleiblich. Wirklich meldet der „Vorwärts" in einem Artikel, aus den die obige Erklärung der Reichsregierung Bezug nimmt: Die a n t i s e m i t i s ch e Hetze w i r k t. Das moralische Zerstörungswerk der massenhaft verbreiteten anonymen Flugblätter, die im Dienste der Gegenrevolution Judenbetze treiben, beginnt in Berlin zu wirken. Heute wird zum erstenmal eine Anzahl von Fällen gemeldet, in denen auf öffentlicher. Plätzen Berlins, auf der Straßenbahn usw. Juden und auch Christen, die durch ihr Aussehen nicht genügend gegen den „Verdacht" geschützt waren, Juden zu sein, körperlich angegriffen wurden. Die Reaktion hat ja augenblicklich, in Deutschland nicht mehr viel zu verlieren: aber wenn sie keine anderen Mittel hat, um wieder hoch» Zukommen, tut sie uns leid. * Fast noch schlimmer ist es, wenn das von gewissenlosen Hetzern gestreute Gift in die Seele von Kindern dringt. Daß auch solches geschieht, lehrt folgender Bericht der „Volkszeitung", aus dem freilich auch gleichzeitig zu ersehen ist, daß diesem knabenhaften Borgehen sofort energisch entgegengetreten wurde: Antise m i t i s ch e r S ch ü l e r b u n d. Schüler des K ö n i g st ä d t i s ch e n Gymnasiums als Ra sfe n p o l i ti ke r. Am Königstädtischen Gymnasium wurde auf Grund des Erlasses des Kultusministeriums ein Schülerbund gegründet, der entgegen den Bestimmungen auch Politischen Tendenzen huldigte und die zahlreichen jüdischen Schüler des Gymnasiums' von seinen Bestrebungen ausschloß. Der Direktor erhielt Kenntnis von dem Schülerbund, rief die Ordinarien und die Schüler zusammen, löste den Bund auf und verbot jede Vereinigung, die Politischen oder antisemitischen Charakter trägt. Als Strafe für die Nichtbefolgung des Verbots wurde die strafweise Schulentlassung angedroht. Ein von diesem Schülerbund verbreitetes Flugblatt lautet: f „Deutsche Schüler und deutsche Schülerinnen! Durch das Vorgehen des Kultusmimsteriums sahen sich die „deutschgesinnten" Schüler des Königstädti schien Gymnasiums veranlaßt, zur Gründung eines „Deutschen Schülerbundes" auszufordern. Wir wollen die Interessen der „sreideutschen" Schüler vertreten und vor allem den -immer stärker hlervortretenden Internationalismus bekämpfen. 1. Wir verfolgen keine parteipolitischen Ziele. 2. Wir wollen die alten deutschen Ideale Hochhalten und vor fremden Einflüssen bewahren. Darum, deutsche Schüler, deutsche Schülerinnen, die ihr desselben Geistes seid, schließt euch uns an. Deutscher Schülerbund. Königstädtisches Gymnasium." Also Politiker -im Alter von 13 bis 19 Jahren, die sich unter dem Deckmantel eines angeblich von „parteipolitischen Zielen freien Fundes" auf die Rassentheor-ie werfen und die „völkischen" Bestrebungen der Alldeutschen und Antisemiten übernehmen! Unter falscher Flagge zu segeln, haben sie bereits ihren Vorbildern glücklich abgeguckt, und die übrigen völkischen- Phrasen gehen leicht in die jungen Köpfe ein, gewiß viel schneller als die lateinische oder griechische Syntax. Aber wir wollen nicht mit unreifen Jungen polemisieren; für die ist -der Rohrstock immer noch ein brauchbares Zuchtmittel, wenn andere Einwirkungen versagen sollten. Wir glauben auch nicht, daß diese Burschen, die hinter den Ohren noch nicht gang trocken geworden sind, von sich aus aus diese glorreiche Idee gekommen sind. Die Väter dieses antisemitischen Schülerbundes sind gewiß völkische Oberlehrer -und Professoren, die schon während des Krieges ihre R-eklamier-ung vom Felddienste durch überlaute Durchs hialtereiphrasen undsonstigen Hurrapatriotismus als nötig demonstrieren zu müssen glaubten. Daß der Direktor des Königstädtischen Gymnasiums den Schülerbund auflöste und die Renitenten mit der strafweisen Entlassung aus der Schule bedroht, -ist die selbstverständliche Maßregel, die gegen solchen Schülerunfug getroffen werden muß. Roch nötiger ist aber, daß man gegen die geistigen Väter dieses Treibens vorgeht und gegen sie die sofortige Entfernung aus dem Lehrerkollegium verfügt. Lehrer, die als Ziel ihrer Betätigung die Verhetzung der jungen Gemüter erstreben, mögen sich von den völkischen Parteien anstellen lassen, im Schulunterricht dürfen sie keinen Platz finden. * Erfreulich muß man es nennen, wenn große politische Blätter, zumal solche, welche, wie die „Münchener Neuesten Nachrichten", neuerdings den Jrrden die Schuld an der Revolution beimaßen, ihre Spalten zu würdigen Entgegnungen öffnen. Das genannte Blatt enthält in seiner Nummer vom 7. Dezember einen großen Artikel: „Ein Wort der Abwehr." Er polemisiert gegen die beiden Vorwürfe, die man den Juden gemacht: Kriegsgewinnler zu sein und zur Zermürbung des Kriegswillens beigetragen zu haben, rühmt manche Juden, die ihr ganzes Leben hindurch sich als wahre Patrioten gezeigt hätten, wie Horwitz und Ofner, setzt dann auseinander, daß die Juden kernen Grund gehabt hätten, sich für das alte Regime besonders zu erwärmen, und schließt mit folgenden Sätzen: Heute nun, nach der großen politischen Umwälzung; die wir erlebt haben, werden die Vorwürfe .gegen das Judentum vor allem aus einer anderen Richtung erhoben. Heute heißt es: die Juden erwiesen sich wiederum als ein staatzerstörendes und zersetzendes Element, mit -dem Hinweis darauf, daß unter den Persönlichkeiten die von der Welle der Revolution emporgetragen wurden, das jüdische Element obenan stehe. Ter Unlogik, die auch in diesem Vorwurf wieder enthalten ist, wird sich, natürlich niemand bewußt. Man beschuldigt auf der einen Seite das Judentum, daß es von einer hemmungslosen Gier nach Besitz beherrscht sei, und auf der anderen Seite sind urteilslose Kreise geneigt, das Judentum für Elemente verantwortlich zu machen, die heute jeden Besitz und jede Ordnung bedrohen. Demgegenüber muß mit der größten Schärfe erklärt werden, daß das