Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229390--74539-3287018- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
603 Sir Wochr. Berlin, den 17. Dezember 1918. u den unzähligen Verwicklungen, unter denen wir leiden, hat sich eine neue gesellt. Der Reichstagspräsident Fehrenbach will den Reichstag zusammenberusen; die Reichsregierung wehrt sich dagegen, da sie den alten Reichstag aufgelöst hat; kommt der Reichstag trotzdem zusammen, so können die Elsässer, wollen die Polen und Sozialdemokraten nicht daran teilnehmen, so daß nur ein Rumpfparlament zustande käme. Unserer Ansicht nach wäre eine solche Zusammenberufung des Reichstags unmittelbar nach der Abdankung des Kaisers am Platze gewesen; damals hätte der Reichstag als die einzige legale Vertretung des deutschen Volkes sich darzustellen gehabt. Er hätte die Regierung bestimmen müssen, welche die Ausgabe gehabt, eine Neuordnung der deutschen Verhältnisse herbeizusühren. Dies wurde bedauerlicherweise versäumt; m einer überraschenden, sich überstürzenden Weise ist die Bildung einer neuen Gewalt gefolgt; diese, obwohl sie gar keinen Anspruch darauf erheben kann, das gesamte deutsche Volk zu vertreten, hat alle Macht an sich gerissen, hat, wie erwähnt, den Reichstag aufgelöst. Sein Zusammentreten in dieser Stunde wäre also ein offener Kampf geaen das von der Maste, namentlich von den Soldaten und Arbeitern, anerkannte Regiment. Daß der Reichstag trotzdem sich als einzige gesetzmäßiae Vertretung des Volkes betrachtet, ist sein Recht: ob er den Mut haben wird, otfen Stellung aegen die eristierende Regierung zu nehmen, ist sehr fraglich: noch fraglicher, ob dieses Ve^enntnitz iraend etwas nutzen wird, da ihm zur Durcbsptzuna feiner Ansprüche iedes Machtmittel fehlt. So ist durch diese Berufung des Reichstaas. von der man aar nicht willen kann, ob sie nicht ein bloßer Schlag ins Waller bleibt oder ob ihr ein wirklicher Zusammentritt folgen wird, leider nichts gewonnen. und wir steuern weiter in den denkbar verwirrtesten Verbältnillen. Da die Leinde immer neue deutsche Gebiete besetzen. da sie überall als Zerren Hausen, da England uns iede Zufuhr abichneidet. dn diese Macht ftmedanssorderunaen anssvricht. die feinen aedei blichen Brieden berbeinifübren vermögen da sie Abgaben verlangt, die unser gesamten Rationalr>ermönkm überschreiten, da England und Frankreich vereint dc»n billigen ^knschannnaen des Präsidenten Wilson d^n entschiedenst, en Widerstand entgegensetzen. so sind die Aussichten fiV Ntp nächste Zukunft aeraderu trostlos, lieber diese Trostlosigkeit 'kan^ uns das Aufflackern sozialistisch-revolutionärer Elemente in Frankreich, die mit Gewalt niederaebalten werden, ebensowenig binweghelfen wie die sichere Erwartung, daß es über fnn oder lang Zwischen Amerika und England zu einem Bruch kommen muß. da von beiden die Herrschaft übe^ die Meere in aleicher Meise verlangt wird, ebensowenig die Airssicht, daß Zavan sich nicht -m der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilen lassen, sondern bestrebt sein wird, sein gewichtiges Mort in die Wagschale m werfen. Wie die Deutschen, leiden die Juden. Ueberall herrscht Vogromstimmuna. Die Gründe dafür sind m dielen Uebersichten vielfach auseinandergesetzt worden. Den bisher mitgeteilten Aktenstücken sind keine neuen hinzuzufüaen. Bei diesen aufreizenden, durch die zügellose Preßfreiheit begünstigten Auslastungen ist es nur zu verwundern, daß es in Deutschland noch zu keinen bedeutenden Ausschreitungen gekommen ist. Hoffentlich bleiben uns solche erspart. Diese Hoffnung ist einigermaßen dadurch begründet, daß die Reichsregierung nun ernstlich gegen solch schmähliches Gebaren auftri'tt. Sie hat folgenden Ansruf erlassen: Der Vollzugsrat gegen die Judenhehe. Berlin, 13. Dezember. (W. T. B.) B e k a n u t m a ch u n g. (Amtlich.) In der Netzten Zeit sind' in großen Mengen anonyme Flugblätter verbreitet worden, die in unverhülltester Form zur Judenhetze anstorderten. Die Flugblätter sind nicht ohne Wirkung geblieben. Wie der ..Vorwärts" vom 11. Dezember meldet, sind verschiedentlich Juden und Christen, die durch ihr Aussehen nicht genügend gegen iberr Verdacht geschützt waren, Juden zu sein, körperlich angegriffen worden. Wenn diese schamlose Flugblatthetze fortdauert, muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß wir auch in Deutschland die Schmach der Judenpogrome erleben. Der Vollzugs rat des Arbeiter- und Soldatenrats sieht sich daher genötigt, sich aufs schärfste .gegen d a s reaktionäre antisemitische Treiben z u w e n d e n , das er hiermit öffentlich und vor aller Welt brandmarkt. Der Vollzugsrat appelliert an den gesunden Sinn des deutschen Volkes und ist überzeugt, daß es in seiner überwiegenden Mehrheit der antisemitischi-reaktionären Hetze entgegentveten und k e i n e r l e i I u d e n Vers o l g. u n> g e n d u l d> e n wird. Der Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats. Richard Müller. Molkenbubr. Dazu fügt das „Berl. Tagebl." folgende Mitteilung: Herr Strobel v o in V o l l z u g s r a t seines A mtes enthoben. Ein Artikel in der „Deuffchen Tageszeitung". Amtlich Berlin, 13. Dezember. (W. T. V.) Der Vollzugsrat begann seine heutige Tagung nachmittags 4 Uhr. Zu dem allgemeinen Verhalten des Vollzugsratsmitgliede? Strobel und m hm heute von ihm in der „Deutschen Tageszeitung" erschienenen Artikel „An das deutsche Volk vom Gelehrten bis zum Arbeiter" beschließt der Vollzugsrat einstimmig: Das Vollzuasratsmitgli-ed S t r o b e l w r r 'd s o f nrt s e i n e r i h m v o m Vollz u g s r a t übertragenen ft u nktionen enth o b e n lt n d a u fa e f o r de r t, u n v e r zü g l i ch von seinem Amte als Mitglied des Vollzugsrates zu r ü ck z u t r e t e n. Es bandelte sich «bei dem Strobelsckren Artikel, der in der „Deutschen Taaeszeitung" erschienen ist, um Aussührunaen mit antisemitischer Tendenz. Es wurde darin gesagt, das deutsche Volk sei ein Ariervolk, es dürfe sich nicht von sechsbunderttansend Semiten beherrschen' lassen. Michel solle aufwachen usw. Einen von Lügen schlimmster Art strotzenden Artikel veröffentlicht die ..Deutsche Wacht" in Dresden: „Des Reiches Ende und . das Judentum". Sein Verfasser. Dr. Hartmut, erdreistet sich, die unwahre Bebanvtuna airszulvrechen. das internationale Judentum hätte ans Seite der Entente gestanden, deutsche Blätter, der Berfaster als indische kennzeichnet, wie das „Berliner Tageblatt" und die „Frankfurter Zeitung", hätten den Krieg vorbereitet und gepredigt. Er waat es, verblendet durch seine reaktionäre und antisemitische Gesinnung, den Satz drucken zu lasten: „Während der ganzen Kriegszeit ist in den deutschen Parlamenten — am wmrasten in dem völlig veriudeten Berlin — k"w Sozialdemokrat. Volksvarteiler oder Jude auch nur einmal ernstlich ff'rr die Sacke seines „Vaterlandes" eingetreten. wohl aber haben die von Juden durchseuchten Parteien alle ihre fremdrafsige, deutschfeindliche Energie ciuaesett, um die starke vreußtsche Monarchie zu zertrümmern. durch die berüchtigte „Neuor^mtalisierung" um Kraft und Airtorität m bringen und so das deutsche Kaisertum zu stürzen und die Republik zu errichten. Das dumme deutsche Volk aber wurde anhaltend mit dem Köder einer „ftreibeit" eingesangen, die „Juden fr ei beit" und Den tscheuknechtschaft bedeutet, und zappelt setzt bilffos. kaiserlos und ehrlos an der Judenangel zum Fraß für die Feinde." Er fordert in ganz unverblümter, radaumäßiger Art zu tätlichem Widerstande aus, wobei er so vermessen oder so böswillig ist, von den „im Dienste der Entente stehenden jüdischen Bolschewiki" zu reden. Gibt es denn kein Mittel, solchen böswilligen und gefährlichen Gesellen das Handwerk zu legen?