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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-13 · Heft 50 (13.12.1918) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 599 (sequence 11)
Language
German
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5Ö9 Auch wir müssen Heimstätten und Siedlungen, insbesondere für solche jüdischen. Krieger schassen, die infolge körperlicher Schädigung ihren früheren Beruf nicht mehr ausfüllen können pnd «sich vor allem der Landwirtschaft bzw. der Gärtnerei als Haupterwerbszweig zuwenden wollen. Wir müssen m gleicher Weise auch j ü d i s ch e n K riegerwitwen ländliche Heimstätten schaffen, auf denen sie mit Hilfe der staatlichen Unterstützungen sich nebst ihren Kindern selbständig ernähren können. Auf solche Weise können 'sehr wohl Hunderte von Existenzen neu aufgebaut, viele Berufe vor UeHersüllung bewahrt, sogar entlastet und kann der Proletarisierung jüdischer Elemente in den Großstädten wirksam vorgebeugt werden. Die Verwirklichung dieser Anregung kann sehr bald, schon in wenigen Monaten, jedenfalls mit dem kommenden Frühjahr schon erfolgen, denn wir haben in Deutschland hierzu das geeignetste und berufenste Organ in dem Verein zur Förderung der B o d e n k u 11 u r u nt e r d e n I u de n Deuts tf| lands, kurzweg „Bodenk u lturverei n", der seit zwanzig Jahren jüdische junge Leute als Landwirte, neuerlich auch als Gemüse- und Obstzüchter ausbilden läßt. Dieser über ganz Deutschland verbreitete Verein hat in seinem Vorstand eine Anzahl landwirtschaftlicher Fachmänner von Ruf und bewährten organisatorischen Fähigkeiten und Männer, die die große Kulturidee, für die sie eintraten, bis heute in der deutschen Judenheit wach, erhalten und verbreitet haben. Hier ist die Instanz, von der aus das jüdische Hilfs- und Siedlungswerk ins Leben gerufen werden kann. Schon in seinem Jahresbericht von 1914/15 hat der B o denk u (t u r - verein die ersten Anregungen gegeben und, um sie in die Tat umzusetzen, sein bisheriges Programm dahin erweitert, auch erwachsene ältere Personen beiderlei Geschlechts in der „leichteren" Landwirtschaft, d. h. in der Nutzgärtnerei, der „Obst-, Gemüse-, Bienen-, Geflügel- und Kleinviehzucht", zu unterrichten und Ansiedlnngen in die Wege zu leiten. Bis vor wenigen Jahren war man in Deutschland in der irrigen Meinung befangen, daß Menschen über das dreißigste Lebensjahr hinaus für einen landwirtschaftlichen Beruf nicht mehr geeignet seien. Der Krieg, „der Vater aller Dinge", hat auch diesen Irrtum beseitigt, und wir wissen heute, daß sowohl Frauen wie Männer, sogar über vierzig Jahre, sehr wohl die Scholle erfolgreich zu bearbeiten vermögen, wie das die neuen Siedlungen schon -beweisen. Es müssen nun nicht nur Kriegsteilnehmer und Kriegerwitwen sein, die auf solchen Heimstätten seßhaft werden und sich eine sorgenfreie Zukunft auf eigener Scholle schaffen sollen; es mögen -auch solche Personen sich auf jüdischen Siedlungen einbürgern, deren Vermögensverhältnisse ihnen in der Stadt große Einschränkungen auferlegen, während sie auf einer eigenen Heimstätte nicht nur billiger, sondern bei ländlicher Betätigung sogar noch besser und sorgenfreier leben können. Von allen diesen und ähnlichen Gesichtspunkten aus würde der Bodenkulturverein dieses hier nur flüchtig skizzierte Werk erfolgreich durchführen können, wenn die deutschen Juden nur entschlossen sind, ein großes u n g e t e i l t e s E i n h e i t s - w erk gem eins chaftlich i n s L -e b e n z n r u f e n. Hierzu bedarf es großer Geldmittel, bedarf es der Zuwendung von Stiftungen, z. B. zum Andenken an gefallene Söhne, Ehegatten und Angehörige (und dies wären Ehrendenkmäler von ständigem Segen für lebende und f ür kommende Geschlechtsr). Es bedarf der Gründung von Tarlehnsinstituten (etwa einer jüdischen Landwirtschastsbank), auch der Schenkungen von Grundstücken jeder Art, in erster Linie aber großer Geldmittel! Sollte die deutsche Judenheit, die während des vierjährigen Krieges für vaterländische Zwecke, für das Rote Kreuz, für die vaterländischen Frauenvereine, für Lazarettzüge, Weihnachtsgeschenke für Soldaten und noch viele andere Dinge viele Millionen aufgebracht hat, für einen großen jüdischen Zweck, für sich selber nicht mindestens eine einzige Million a u sbringen können?! Nein, wir hoffen, daß die deutschen Juden dankbar sein werden den Männern, die mit ihrem Leib und Leben das Vaterland jahrelang geschützt haben, indem sie ihnen, die jetzt wieder zurückkehren, eine Heimstätte für sich und ihre Frauen und Kinder bereiten Helsen. Die deutsche Judenheit wird sich aber auch denen dankbar erweisen, die nicht wiederkehren, die, im Heldenkampf gefallen, in fremder Erde ruhen. Für ihre Witwen und die kleinen unschuldigen Kinder, die keine sorgende Vaterhand mehr ernähren und erziehen wird, wird die deutsche Judenheit Zufluchts- und Heimstätten gründen. Und auch betagten Eltern, deren Söhne im Sehlachtenkampf den Tod gefunden rmd die die Hoffnungen und Stützen ihres Alters beweinen, wird auf jüdischen Siedlungen der Daseinskampf erleichtert werden. Und vielen jüdischen Mädchen, denen, aus welchen Ursachen immer, die -Gründung einer eigenen Familie versagt bleibt, möge, sofern, sie wenigstens ein gesichertes Dasein durch Arbeit auf der Scholle erringen wollen, aus jüdischen Gemeinschästssiedlungen ein sicheres Obdach werden. Schließlich würden auch jüdische Handwerker ein weit glücklicheres Leben auf eurer ländlichen Siedlung führen können als in den großen Städterr mit ihrer erdrückenden Konkurrenz. Jüdische Männer! Jüdische Frauen! Der große Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, der sich vor euren Augen vollzieht, wird auch ein Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Judenheit werden. Jenes Regime, das uns ein volles Jahrhundert lang die versprochene bürgerlicke Gleichstellung vorenthielt, uns alle bürgerlichen und staatlichen Anrechte verkümmerte, stets zwischen uns und unsere bürgerliche Entfaltung das Taufbecken schob, unsere Brüder zum Verrat an ihren Glauben und an ihr Volk verleitete und selbst noch in allen Schrecken und Bedrängnissen dieses unglücklichen Krieges eine schimpfliche Judenzählung in der Armee vornahm und nur unter dem äußersten Zwang der Verhältnisse tapfere und hochbegabte jüdische Soldaten zu Offizieren wirklichen Notstandsosfizieren , doch beileibe nicht in höhere Chargen, aufrücken ließ, dieses judenfeindliche Regime hat der Völkersturm hinwcggefegt. Eine neue Morgenröte bricht an, die uns Menschen- und Bürgerrechte, uneingeschränkte und individuelle Entwicklung, auf die wir seither verzichten mußten, verheißt. Aber alles Gute muß erkämpft werden; es wird uns nicht von selber in den Schoß fallen. In der großen Umwälzung, die sich in unserem Vaterland vollzieht, müssen die Juden, um Vollbürger des neuerstehenden Staates zu werden, in alle n B e r u f e n gefunden werden. Dari n darf der j kt d i s che Bane r n st a n d nicht fehlen. Der Bodenkulturverein hat ihn zwei Jahrzehnte lang angestrebt und verbreitet. Helft ihr nun das Werk krönen und vollenden! Unterstützt den Bodenkulturverein, indem ihr ihm möglichst hohe Beitrüge spendet, wie bereits oben angedeutet, auch Mitglieder werdet und solche werbet*)! Haben doch nichtjüdische Philanthropen in zahlreichen Fällen Hunderttausende, ja, sogar Millionen für Kriegerheime gespendet! Sollten nicht auch unter unseren Glaubensgenossen solche hochherzigen Männer und Frauen leben? ') Jahresbeitrag von o Mark an.

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