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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-13 · Heft 50 (13.12.1918) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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598 — -der Ernennung zum Professor. Seine auf Henry George aufgebauten Lehren schienen unfaßbar radikal. Er hatte am Beginne des Krieges prophezeit: „Ter Krieg vauert so lange, bis sämtliche autokratische Mächte Europas stürzen." Seine Gegner verlachten dies. Durch 15 Jahre verkündigte er in unbeugsamer Standhaftigkeit, die Nationalitätenfrage müsse durch gleiche Berechtigung, vollständige Autonomie und Versöhnung von Nation zu Natipn gelöst werden, und nicht mit der Methode der Gewalt der Banffys, Tiszas nsw. Freilich wurde er den Machthabern dadurch nicht sympathisch. Nun steht es fest, daß er der einzige Realpolitiker war. Sigmund K u n f i, Wöhlfahrtsminister. War Professor an der Temesvarer Realschule, mutzte jedoch wegen seiner sozialistischen Gesinnung die Anstalt.bald verlassen. Er wurde Mitarbeiter des „Nepszava" und leitend in der Erziehung der ungarischen Arbeiterschaft in den marxistischen Ideen. Er übersetzte Marr und Engels ins Ungarische. Er ist der Redakteur der Monatsschrift „Sozialismus". Sein Genosse und Vorkämpfer geistig freier Ideen war Ernest G a r a m i, jetzt Handelsminister. In großzügiger Weise leitete er die soziale Propaganda und hob mit kleinen finanziellen Mitteln das einzige sozialistische Tageblatt „Nöpszava" auf. hohe Stufe. Finanzstaatssekretär Paul S.ze nd e vertrat stets das radikale Steuerproaramm unb stellte als einer der ersten die Forderung der Bodenreform auf. Wissenschaftlich hochbedeutende Werke über Steuer und Boden stammen aus seiner Feder. Staatssekretär Eugen Ländler, bisher Advokat in Budapest, der als sozialistischer Agitator eingesperrt worden war. Gewaltige Arbeitskraft, unerschütterliches Gerechtigkeitsgefühl ist ihm zu eigen. Staatssekretär des Aeußern Ludwig Biro, als Schriftsteller von allgemeiner Bekanntheit. In zahlreichen Werken bereitete er die Revolution vor. Mitglied des Natinnalrates Ludwig H a t v a n y , gleichfalls Schriftsteller von hohem Ruf, stand mit der Regierung in bestigein politischen Kampf. Sein großes Vermögen wendet er kulturellen Zwecken zu. Er lebte jahrelang in Berlin und machte in Ungarn die kulturellen Bestrebungen Deutschlands sympathisch. Jakob W e l t n e r und Zsigmond B o k a n y i sind gleichfalls zu erwähnen. Diese Männer sind mitbestimmend an dem Ausbau der Republik Ungarn. Selbttbkltimmungsrkcht des jüdischen Volkes im neuen Änysrn. uch das Judentum Ungarns fordert Selb st b e st i m - m u n g s r e ch t. In zweifacher Form: in einer gleichsam gemäßigteren und in einer radikalen. Die eine fußt doch nrehr auf der Religion Jude, die andere auf dem Volk I u d e. Gleichlaufend findet sich diese Erscheinung in Oesterreich. Sie wird es überall sein. Gilt das Volk Jude und gilt das Selbstbeslimmungsrecht nicht als Phrasenschwanz, dann wird die Lösung des Selbstbestimmungsrechkes des jüdischen Volkes die gewaltigste. Sie dehnt sich über das einzelne Land, erfaßt das Judentum der Welt und wir haben den großzügigsten Judenstaat ohne Auswanderung und doch mit L a n d. Es würde der erste internationale Staat. Alles Geschehen jetzt ist ja nur Schritt zur Jnternationalität. Einzeln und in einer Versammlung aller jüdischen Landgemeinden wurde der Anschluß an den ungarischen Nationalrat ausgesprochen und gleichzeitig die Forderung nach vollständiger Gleichberechtigung aufgestellt. Tiefe Richtung sucht das Ziel im Körperverbande des Landes und wünscht nur dieselben Rechte wie alle Staatsangehörigen. Viel schärfer, viel pointierter tritt die zweite Art auf. Sie will Selbstbestimmungsrecht wie der Rumäne, der Serbe, der Südslawe. An ihrer Spitze steht das nationale Judentum, stehen die Zionisten. Einige tausend Zionisten unter den heimkehrenden Soldaten gründeten augenblicklich eine besondere Garde zur Ausrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Der Professor der orientalischen Handelsakademie Adolf Strauß, Präsident der ungarischen Zio-nistenor-ganisation', hat eine Deputation dieser Soldaten zmn Staatssekretär im Kriegsministeriurn Stefan Friedrich geführt, um ihn um die Anweisung von Waffen und Munition zu -bitten. Ter Staatssekretär empfing die Abordnung mit großer Freude und übernahm sogar persönlich das Kommando über die Garde. Der Garde wird eine besondere Kaserne zugewiesen. Es ergeht dein Judentum wie den übrigen Völkern. Sie melden ihre Rechte an. Entscheidung wird zunächst nur der allgemeine Friedenskongreß bringen, auf dem das Judentum besonders vertreten sein wird. Lin Mahnwsrt in letzter Stunde. nmnehr die Stunde der Heimkehr aus dem Felde für viele Tausende jüdischer Krieger geschlagen hat, ist es ein dringendes Gebot und eine selbstverständliche Pflicht der gesamten deutschen Judenheit, unseren jüdischen Soldaten, insbesondere den körperlich und wirtschaftlich Geschädigten, wie auch den Hinterbliebenen der Gefallenen die weiteste Fürsorge angedeihen zu lassen; denn viele von den Tapferen, insbesondere die Ledigen und Familienlosen/ deren Existenz der Krieg zerstört hat, werden in, eine schwierige Lage geraten. Während in n i ch t j ü d i s ch e n Kreisen bereits schon kurz nach Kriegsausbruch seitens vieler Kommunen, politischen und Kirckengemeinden, Genossen- und Gewerkschaften, besonders auch von Privatpersonen in großartigem Maßstabe durch Gründung von ländlichen Siedelungen und Heimstätten sowohl für Kriegsbeschädigte als auch für Kriegerwitwen und Waisen und solchen Kriegsteilnehmern!, die auf eigener Scholle sich eine neue Eristenz schaffen wollen, umfassende Vorsorge getroffen wurde, ist in gleicher Weise j ü d i s che r s e i t s so gilt wie gar nichts geschehen. Dieser Fürsorgemangel gegen unsere Kriegsbeschädigten m u ß unausblei b l ich d i e v e r h ängnisv o l l st e n Folgen für die gesamte deutsche I u d e n h e i t nach sich z i e h e n. Am schwersten dürften die G r o ß g e m e i n d e n davon betroffen, sogar ihr f i n a n - z i e l l e r Ruin herbeigeführt' werden, wenn, wie vorauszusehen ist, ein großer Teil der jetzt Brot- und Existenzlosen aus ihren kleinen Wohnorten den Industrie- und Handelszentren und Großstädten zuwandert: in der Hoffnung, dort leichter als an ihrem bisherigen Domizil ihr Fortkommen zu finden. Welche wirtschaftlichen, sozialen und sittlichen Gefahren ein solcher ohne reiflichste Ueberlegung veranlaßter Zustrom von wenig oder gänzlich unbemittelten Elementen mit sich bringt, bedarf keiner besonderen Darlegung. Viel näher liegt die ernste Frage: Welche W e g e m ü s s e n eingeschlagen w e r d e n , u m u n a u s b l e i b l i ch e n , s ch w e renKalamitäten v o r z ubeugen? Und wie versorgen wir unsere h e i m kehr e nd e n Brüder und die Hinterbliebenen der Gefallenen? Diese Frage beantwortet sich m 11 d e m Hin w eis auf ch r i st l i ch e V o r b i l d e r.

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