Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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59? und aus dem Nachlaß von Sacher-Masvch entnommen sind, vermag ich nicht zu sagen. In diesen Novellen verfolgt der Schriftsteller keine bestimmte Tendenz. Er streitet nicht für Emanzipation, er verlangt keine Assimilierung, er sucht Jüdisches nicht zu verteidigen oder zu verklären. Wohl behandelt er gelegentlich mit einer Art Geringschätzung, aber nicht mit loderndem Zorn, christliche Beamte, die arme Juden als bequeme Opfer für brutale Erpressung wählen, wohl lächelt er satirisch ironisch über einige jüdische Sektierer. Doch im Grunde kommt es ihrn immer mehr daraus an, jüdische Vorgänge ohne bestimmt erkennbare Absicht zu zeigen. Da sind zunächst die Juden, die einen Familiennamen wählen müssen und je nach ihren Abgaben einen schönen oder übel klingenden Namen erhalten („Der Handel mit dem Namen"). Man erinnert sich hier, wie meisterhaft später (?) Franzos diesem Thema neue Seiten abgewonnen hat. Da erscheint ferner ein , bildungswütiger Händler, der sich in eine reiche, angeblich schöne Frau verliebt und, nachdem er zu seinem Schmerze erkannt hat, daß sie seinen Idealen nicht entspricht, doch mit ihr zusammen lebt und in seiner Weise glücklich wird („Von Fenster zu Fenster"). Da ist ferner ein Schlemihl, der durch seine Redlichkeit zu Ansehen und Vermögen kommt („Der Prostek"). Da ist ein Schuster, der, vom Trünke geheilt, es zu behaglichem Wohlstand bringt („Der Dalles des roten Pfeffermann"). Da ist endlich ein Handwerker, Schneider, der, mit einem reizenden Weibchen verheiratet, in allen möglichen Berufen tätig ist, als Maler, Kutscher, Dichter, Spaßmacher, Musiker, nur nicht in seiner eigentlichen Tätigkeit („Mein Schneider Abrahamek"). Während alle die genannten Geschichten ineist kurze Skizzen sind, füllt die Hauptgeschichte des Bandes 174 307 Seiten. Sie führt den Titel „Der Jluj". Für dieses Wort läßt sich nicht leicht eine genaue Ueberfetzung finden. Der Ausgewählte, Begnadete gibt wohl den ungefähren Sinn des Wortes wieder. Es ist die Geschichte des Sabbatai Banaja aus Maslow. Das ist ein scharffinniger Gelehrter, ein hervorragender Talmudist, der den Drang nach Erkenntnis spürt und heimlich befriedigt, der seiner jungen Frau. und seiner Familie entläuft, in Wien Medizin studiert, nach erlangtem Doktorat nach Lemberg kommt und durch Protektion hoher Gönner zuerst Vorlesungen in Privatzirkeln hält, dann Univerfitätsdozent wird. Durch seine Vorträge gewinnt er Herz und Hand eines schönen Mädchens, der Tochter eines hohen Beamten: er muß aber, um diese und seine Universitätsstellung zu erlangen, zum Christentum übertreten. Er fasziniert durch seine revolutionären Vorträge, in denen er sich (die Geschichte spielt vor 1848) als Vorläufer Darwins und als politischer und moralischer Umstürzler bekennt, die Jugend, empört die Geistlichkeit und die weltliche Obrigkeit, wird durch einen Jesuiten, dem Beichtvater seiner Gattin, dieser entfremdet und geht der ihm fest versprochenen Professur verlustig. Sein großes We>rk, in dem er seine wissenschaftlichen Theorien auseinandersetzt, kann in Lemberg wegen Zensurschwievigkeiten nicht erscheinen; nachdem es in Leipzig veröffentlicht worden, erregt es bei den Behörden wahrhaftes Entsetzen, die den kühnen Forscher zum Widerruf zu zwingen versuchen. Er erklärt sich bereit, denselben zu leisten, setzt aber statt dessen seinen Studenten seine Lehren auseinander, die als Irrlehren betrachtet werden, und büßt seine Kühnheit mit Einsperrung in einem Jrrenhause. Durch die Revolution von 1848 befreit, fällt er, unrühmlich genug, in den Befreiungskriegen. Zunächst könnte man fragen, darf die Geschichte eines Täuflings überhaupt als jüdische Geschichte angesehen werden? Aber selbst wenn man die Frage bejaht, so dürste man billig bezweifeln, daß diese Schilderung eines aus dem Getto Stammenden wirklich eine Gettogeschichte ist. Indessen auch dies zugegeben, kann man die Geschichte vom ästhetischen Standpunkt nicht billigen. Sie ist verblaßt und veraltet; der Autor operiert mit bewährten, aber verbrauchten Mittelchen und Typen: es ist ein Stückchen Uriel Acosta, ein Stückchen Alfred Meißner, letzteres besonders in der Darlegung der Korruption und Heuchelei der höheren Regierungskreise in Oesterreich. Der Jesuit, der die Frauen zu beherrschen weiß, und der sich an dieser geistigen Herrschaft nicht genügen läßt, sondern nicht abgeneigt ist, auch fleischliche Triumphe zu feiern; der ungezügelte Streber Sedlatschek, zuerst Hofmeister, dann Professor, der unseren Helden zuerst poussiert, durch eine von diesem geschriebene Schrift seinen eigenen Ruhm begründet, dann aber als lauer Gönner, als heimlicher, dann als offener Feind des von ihm Bestohlenen auftritt — das sind alles Personen, denen man hundertmal begegnet ist und die durch ihre neue Vorführung nicht gewinnen. Es würde daher dem Bande, der in seinen kleinen Skizzen viel Unterhaltendes und Anregendes bietet, zum großen Vorteil gereicht haben, wenn diese lange Erzählung, die ein Werk für sich bildet, ausgelassen worden wäre, und es wäre dem Verleger sehr zu raten, sie bei einer neuen Auflage wegzulassen und durch einige kleine Skizzen zu ersetzen, die sich gewiß in den zahlreichen, oben erwähnten Sammlungen der Geschichten Sacher-Masochs finden. Doch wie das Buch nun einmal ist, verdient es als Versuch, das Andenken eines Schriftstellers zu erneuern, das allmählich in Vergessenheit geraten ist, durchaus Anerkennung und Empfehlung. Leitende Hudenimpfe im neuen Ängarn. man sagt, es sei ein Chaos. Auch in U n g a r n. Doch wie sich die Gehirnsunktion aus der Gehirnfunktion, ergibt, so folgerichtig entwickeln sich die Ereignisse. Die Kurve ist keine Fieberkurve; sie verläuft normal. Freilich muß man klare Sinne haben und muß das Natürlichste als solches fassen. Die bisher an der Spitze standen, waren wohl mit menschlicher Schädel- und Organbildung ausgestattet, konnten aber nicht sehen, und das Erfassen fehlte. Noch vor sechs Wochen glaubten sie:,,Also wir werden täglich weiter die anderen an die Front senden, damit sie ihr Blut lassen für den geliebten Herrscher und sonst Geliebtes. Und 16 Heller jedem Mann für den Tag geben, und wenn -er den Fuß verliert und ins Spital kommt. 6 Heller. Hoch der Krieg!" „Erschießen, wer die entsetzlichste Sklaverei, über den Körper des anderen gegen dessen Willen zu verfügen, antastet!" Keiner fragte uns, ob wir den Krieg wollen, und keiner hatte das anlindeste Interesse für den geliebten Herrscher, den sie nicht kannten und von dem sie gar nichts hatten. — Das Judentum in Ungarn war immer geistig mit tätig, hier aufzuklären. Die oligarchischen Machthaber ließen es nie führend werden. Sie mußten gleichsam nach innen arbeiten. Die Umsturzbewegung legte im Augenblick die Judenköpfe glatt frei. Sie kollnten nun fruchtbar wirken, wo bisher Sterilität drohte. Diese hervorstechendsten Männer, weil an leitender Stelle, sind: Oskar Jaszi, Minister ohne Portefeuille, bestimmt, die Nationälitätensrage zu losem-. Ursprünglich Ministerialbeamter, ließ er diese Stellung im Stich und wurde publizistisch tätig. Er begründete die radikale Partei, die einzige bürgeMch-demo- [ kratische Partei. Er kämpfte unaufhörlich für das allgemeine! Wahlrecht. Die oligarchischen Machthaber ließen ihn im Parlamente nicht zu und sie übergingen ständig diesen Führer Jung-Ungarns, der sich als Privatdozent habilitiert hatte, bei