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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-13 · Heft 50 (13.12.1918) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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596 Lehrer, nachdem sie längst sein Musikinstitut verlaffen hatten und in Amt und Würden waren. Von glänzenden Erfolgen war meist seine Lehrtätigkeit gekrönt, denn mit aufopferndem Eifer leitete Deutsch den Unterricht. Es war oft wunderbar, wie es ihm gelang, die noch schlummernden Anlagen seiner Schüler zu wecken, ihre Kenntnisse zu erweitern und in die Geheimnisse seiner Kunst einzuweihen. Und da seine Schüler seine Gesangsweisen weit hinaus über Land und Meer führten, und seine herrlichen Kompositionen weit und breit bekannt und in vielen Synagogen eingeführt wurden, hat Deutsch in der Tat einen Weltruf erworben. Deutschs Schöpfungen lehnen sich vielfach an die traditionellen Melodien an; allen ist der Stempel der Klassizität ausgedrückt. Keine seiner Kompositionen ist banal oder trivial, in Uebereinstirnmung mit der Mahnung, die er stets seinen Schülern einprägte: „Strebet danach, das Höchste in der Gesangskunst zu erreichen, um eure Zuhörer zu wahrer Andacht zu erheben, aber achtet wohl darauf, daß der Synagogengesang bei aller künstlerischer Gestaltung doch niemals an die Leistungen des Konzerthauses oder an das Theater erinnere." Ziesein Grundsätze entsprach auch sein Herz und Seele erquickender Vortrag. Wer je sein sympathisches und seelenvolles Organ zu bewundern Gelegenheit gehabt, wer je einem Gottesdienst in der Neuen Synagoge Breslaus an den hohen Feiertagen beiwohnte und die packende Gewalt, die die Stimme Deutschs auf das Gemüt seiner Zuhörer auSübte, an sich erprobt hatte, wie er als sin die Andächtigen mit sich Hinzureißen, die heiligen Schauer, die seine Seele durchbebten, feinen Zuhörern mitzuteilen verstand, dem werden jene Stunden unvergeßlich bleiben und er wird willig zugeben, daß Deutsch in der Tat ein Auserwählter in seinem Berufe war. Noch im hohen Greisenalter besaß er die Mittel, den hohen Anforderungen der Breslauer Gemeinde zu entsprechen. Aber nicht allein seine seltenen Gaben, sein Streben und Wirken, sondern auch seine persönlichen Eigenschaften als Mensch, sein reiner, edler Charakter, sein gediegenes Wissen, sein zartfühlender Sinn, seine Anspruchslosigkeit und sein gewinnendes Wesen haben ihm ein unvergängliches Denkmal in die Herzen derer, die seines näheren Umganges sich erfreuten, gesetzt. Möge die Lichtgestalt eines Moritz Deutsch zum Vorbilde und zur Nacheiferung' für die Heranwachsende Kantorengeneration dienen! Lschrr-Mslock: Gettogrlchichten'>. Von L u d w i q Geige r. ch bin immer der Ansicht gewesen, daß der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ausschließlich aus Christen bestehen müßte, denn sie haben die Ausgabe, ihre (9>laubensgenossen darüber zu belehren, welche Schande und welche Schmach der Antisemitismus ist. Im gleichen Sinntz könnte man sagen, daß vorzugsweise, wenn auch nicht ausschließlich, die Christen die Aufgabe hätten, sich in das Judenproblem zu vertiefen, um zu zeigen, in welcher Weise sie das Problem in der Vergangenheit anschauen und wie sie es für die (Gegenwart zu^lösen versuchen. Denn daß Juden ihre eigene Vorzeit beleuchten und ihre Stellung in der Gegenwart darlegen, war im Grunde weniger wichtig. Unter den Arten, in denen letzteres geschieht, sind drei besonders bemerkenswert. (Ich spreche hier nur von einigen dieser Abteilung, besonders von solchn, in denen der Stoff aus der Gegenwart gewählt wind. Märthrergeschichten! die ihren Inhalt der Vergangenheit entnehmen, sind nicht als Gettogeschichten zu betrachten, *) Ausgewählte Getto-Geschichten von Leopold Sacher-Mrs och. Mit einem Geleitwort von Gustav Karpeles. Verlag Tr. Sally Rabinowitz, Leipzig. und die 'sogenannten ober wirklichen Humoresken sind an dieser Stelle nicht zu berühren.) Die ersten könnte man als Kampf- und Trutzgeschichteu bezeichnen. Hier ist Karl E. Franzos Meister. Dieser treffliche Erzähler suchte eifervoll das Unrecht darzulegen, das den Juden von ihren Wirts-Völkern zugefügt worden ist und noch immer zugesügt wird; er trachtete danach, ihr Recht zu verteidigen, und war, ohne sie durchweg zu glorifizieren, viemehr mannigfach bestrebt, ihren Aberwitz, ihre Verfolgung-)sticht, ihre bisweilen im Osten stark hervortretende hündische Deanut aufzudecken, dennoch bemüht, die großen Dienste darzulegen, die sie durch ihre eifervolle Tätigkeit, ihren Bildungshunger, ihre Nüchternheit und Redlichkeit den Ländern erwiesen haben, in denen sie wohnen. Eine zweite Art sind die Tendenzarbeiten, in denen Leopold Kompert hervorragt. Dies sind Geschichten, in denen die offenkundige Absicht hervortritt, eine Assimilation zu Predigen,, ein restloses Ausgehen, der Juden in der Gemeinschaft ihrer Lanöesgenosien, selbst auf Kosten ihres Glaubens, so daß nicht bloß die Liebe als Entschuldigungsgrund für einen Uebertritt angeführt wird, sondern das Verlangen nach Befriedigung eines wahrhaften Kulturbedürsnisses die Berechtigung zu einem solchen Schritt einschließt. Die dritte Art sind die apologetischen Schriften. Sie dienen, wie insbesondere die Novellen A. Bernsteins, zur Verklärung indischer Sitten und Eigenbeiten. Sie beleuchten innig und sinnig die Traulichkeit des Familienlebens, das Festhalten an den Gebräuchen und Gewohnheiten, sie schildern innige Liebe imb starke Leidenschaft, feste Anhänglichkeit an die Grundwahrheiten der Religion. Im Gegensätze zu diesen von Juden verrührenden Gettogeschichten stehen die von Christen herrührenden Erzählungen. Sie sind in neuester Feit sehr Mode geworden. haben aber auch ihre Analogien in den Werken früherer Erzähler. Als Muster solcher Geschichten aus vergangener Seit können die von Sacher-Mäsoch gelten. Der Genannte. 1836 bis 1895, der in einem etwa 37jührigen Schriftstellerleben, von 1858 an, viele Dutzende von Novellen und Romanen geschrieben bat, war ursprünglich Jurist, dann Staatsbeamter, sodann Militär, endlich freier Schriftsteller. Er fübrte hintereinander mit zwei Frauen ein höchst abenteuerliches. nicht immer reinliches Leben. Als Autor ist er eher berüchtigt als berühmt. Seine literarischen Erzeugnisse gelten als Produkte einer ungezügelten Phantasie, sind voll von perversen Anspielungen und Ausführungen. Aber ein gewisses Verdienst erwarb er sich durch eine scharfe Beobachtung des wirklichen Lebens, durch eine reiche Charakteristik und durch schounugslose Anidechun-g politischer Verworfenheit. Obaleich er Christ und Adliaer war und keinen Tropfen iüdischen Mutes in seinen Adern batte, auch soweit mir bekannt ist, mit Juden keinerlei intime Beziehurnen unterhielt, behandelte er Juden oft und gern obne Voreingenommenheit, ja nui einer gewissen Vorliebe. Teils schilderte er iüdische Vorgänge und Persönlichkeiten der Vergangenheit: „Sabatai Zewi, die Judith von Bialopol", teils aber seit 1878, also vor nun etwa vierzig Jahren, jüdisches Leben der Gegenwart, und zwar in seinen Werken: ..Judengeschichten" (1878), „Neue Jndengeschichten" (1881). „tzasarah Rabba" (1882), „Polnische Gettogeschichten" (1886). Ein letztes Werk: „Polnische Judengeschichten", ist nach seinem Tode, 1896, erschienen. Aus welcher der genannten Sammlungen! die vorliegenden Novellen zusammengestellt sind, die durch Karpeles ausgewählt und eingekeitet sind, ans welchem Grunde die im Jahre 1909 geschriebene Einleitung erst jetzt gedruckt wird, ob es sich um einen Neudruck einer schon einmal gedruckten Sammlung handelt oder ob die hier zusammengestellten Geschichten in keiner früheren Sammlung standen

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