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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-13 · Heft 50 (13.12.1918) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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594 Ueber das letztere wird belichtet: D-i-e - Pogrom frage in d e r Reichskanzlei. Me die „Jüdische Rundschau" meldet, fand in der Reichskanzler am 29. November eine Besprechung mit drei polnischen Politikern, dem Reichstagsabgeordueten v. Trampczynfki und den Vertretern des Obersten Polnischen Volksrates in Posen M-archilewski und Poswinski, statt, an der von deutscher Seite Bolksbeauftragter Dr. Breitscheid, Unterstaatssekretär H. v. Gerlach und Dr. Oscar Cohn vorn Reichsjustizanrt teilnahmen. Die Besprechung behandelte die Pogrombewegung gegen die jüdische Bevölkerung 'in Kongreß- Polen und Galizien. Tie polnischen Politiker erklärten, durchaus einzusehen, daß die jüdische Frage in Polen jedenfalls auf der Friedenskonferenz zur Erörterung kmnrnen müsse. und waren bereit, dem polnischen Ministerium sogleich eine öffentliche Bekanntnachung gegen die Pogrome sowie die Anrufung einer neutralen Regieruna anzuraten, die zur Untersuchung der Poaromberichte einen Ausschuß unter neutralem Vorsitz einsetzen solle. * Leider will auch der t s ch e ch o - s l o 'w a k'i sch e Staat hinter seinen polnischen Brüdern nicht zurückstehen. Das W. T. B. berichtet darüber: T s ch c ch o s l o w a k i s ch e A u s s ch r e i t u n g e n. Jude n v e r f o l g u n g e n in Holleschau. B e r l i n, 5. Dezember. Ter „Tagesbote" berichtet.' Die Stadt Holleschau ist in der Nacht auf gestern der Schauplatz wüster Airs schr eitungen gewesen. Gegen K11 Ubr nachts drangen tschecbo-slomakische Soldaten, nachdem sie vorder in einem Gasthause gezecht hatten, in die Judeugasie ein, \m sie säm'tliche Geschäfts lokale und Magazine ausplünderteu. Tie Wachmannschaft wurde nach kurzem Handgemenge entwaffnet. Ter jüdische Kaufmann Grünbaum, der vor kurzem als Invalide ans dem Feld heim gekehrt war, wurde durch Bajonettstiche und einen Bauchschuß getötet, ferner wurde der Likörerzeuger Hugo Größer erschossen. Tie Plünderungen dauerten die ganze Nacht an. Am Morgen griffen die Ausschreitungen auf den übrigen Teil der Stadt über. In der ,Trübe traf militärische Hilfe aus Kojetein ein, um b,;e Ordnung wieder turwstellen. Tiefe Abteilung soll sich jedoch an den Plünderungen beteiligt haben. Tie bekannte Kleidersabrik Beer ist vollständig verwüstet und ausaevlündert worden. Ter hier anaerichtete Schaden beträgt allein 600 000 Kronen. Insgesamt dürfte sich der Schaden aus mebrere Millionen Kronen belaufen. Ter größte Teil der Juden Holleschaus bat, seiner Habseligkeiten beraubt, im Laute des gestrigen Tages die Stadt verlassen. * Eine Drähtmeldung einer Berliner Zeitung weiß aus Prag gleichfalls recht Betrübendes zu melden: I u d e n h e tz e in Pra g. P r a g, 2. Dezember. Um die Mittagstnnde sammelten sich ans dem Graben mehrere hundert Personen au, die die Herausgabe der jüdischen Besitzer verlangten mit der Begründung, daß die Juden an dem Elend schuld seien, das der Krieg gebracht habe. Es gelang ihnen auch, mehrerer Geschäftsleute habhaft zu werden. Die^ wurden tätlich angegriffen. Das rasche Eingreifen von Soldaten und Sokols sfreiwillige Siche rheits wache der Turner) verhinderte weitere Ausschreitungen. Man brachte die Geschäftsleute in die Josefskaserne und hielt sie dort in Schutzhaft. Ter Josefsplatz wurde abgesperrt. Tie Menge zog unter stürmischen Rufen.' Richtet die Juden! Hängt sie -auf! Sperrt sie -ein! Gebt ihnen Kraut zu fresseu und Kriegsbrot! vor das „Deutsche Haus", in dem sich mehrere jüdische Geschäftsleute verborgen halten sollten. Dem Militär gelang es, die Menge gegen den Pnlverturm znrückzudrängen und den Graben abzusperren. * Daß auch in Wien gegen die Juden gehetzt wird, geht aus nachstehender Mitteilung der ,,National-Zeitung" hervor: Deutsch-nationale Inden h e tz e in Wie n. Wcn, 5. Dezember. Gestern abend fand eine Versammlung des Deutsch-nationalen Vereins für Oesterreich statt, in welcher ein Redner über das Thema der Einflüsse des Judentums auf allen Gebieten unseres täglichen Lebens sprach. Der Redner sagte, daß das Judentum unschädlich gemacht werden müßte. Nach diesen Worten erscholl plötzlich der Ruf: Er hetzt zu Pogromen, lasset ihn nicht weiter reden! Es entstand ein wilder Lärm. Zahlreiche Versammlungsteilnehmer beiderlei Geschlechts stürmten gegen die Rednertribüne. Der Redner wurde herabgerissen. Die Sozialisten erstürmten die Tribüne und eröffneten eine neue Versammlung, nachdem die deutsche-nationalen Hetzer aus dem Saal getrieben worden waren. * So ist es trübe und schaudervoll, wohin man blickt. Furcht und Schrecken hält die Menschheit gefangen: die Angst vor dem Ungewissen, das beklemmende Gefühl: was wird der morgige Tag bringen?: der Schauder über das Geschehene, das Entsetzen vor dem Zukünftigen. Trübe isffs in der Natur: Nebel und Dunkelheit hindern das Tageslicht. Selbst den Gefesteten beschleicht das Gefühl unheimlicher Beängstigung. Soll es aar nicht mehr tagen? Bald bricht der kürzeste Tag dieses Winters herein, und es wird, wenn auch sehr langsam, allmählich sich dann schüchtern ein heller Strahl aus den Wolken wagen. Nehmen wir getrost dieses unabänderliche Naturgesetz als Sinnbild und Mahnzeichen für unsere Stimmung und Gesinnung. Airs Nacht zum Licht, aus der Finsternis zur Helle. In tiefer Bedrängnis wenden sich die Gläubigen zu ihrem Retter und Erlöser. Die große deutsche Nation kann nicht untergehen, und wenn sie auch ihre Führerrolle eingebüßt hat, sie muß einen Platz wiederum erlangen unter den Völkern. Die jüdische Glaubensgemeinschaft kann nicht zerstört werden. Sie hat Jahrtausende der schwersten Verfolgungen überstanden; sie wird Haß und Mißgunst zerstören ltnd vernichten. Nur keinen Kleinmut, keine Verzweiflung! Arbeite jeder an sich, damit er bestehen bleibe! Schasse ein jeder in seinem Berufe! Nur währet das Vertrauen, den Glauben an den Geist! Er wird und muß wie ein lichter Cherub das Düster zerstreuen, das sich unheimlich ballt. Es muß endlich tagen. Moritz Drutlch i Zu seinem 100. Geburtstage, 16. Dezember 1918. Von Kgl. Musikdirektor A r o n Fried m a n n. ie aus dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft hatte das vorige Jahrhundert auch auf dem kantoralen Gebiete Männer hervorgebracht, die dem Synagogengesange neue Bahnen eröffnet und zur Hebung und Veredlung des Gottesdienstes beigetragen haben. Zu den Männern, die dieses Verdienst für sich in Anspruch nehmen können, gehört weiland M o r i tz T e u t s ch , Oberkantor der Breslauer Spnagogeugenleinde. Aus Anlaß seines 100. Geburtstages (16. Dezember 1918) sei ihm dieses Gedenkblatt gewidmet. Unter den Reformatoren des Shnagogengesanges nimmt Deutsch -eine eigenartige Stellung ein durch die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit, insofern er nicht nur ein ausgezeichneter Sänger war und als Vorbeter in vorbildlicher Weise wirkte, sondern auch als Lehrer, Sp-nagogalkomponist und Schriftsteller eine hervorragende Wirksamkeit entfaltete. Moritz Deutsch war am 16. Dezember 1818 in Nikolsburg in Mähren geboren und stand, für die theologische Laufbahn bestimmt, im Jahre 1839 im Begriff, die Universität zu beziehen. Allein seine friedliche Natur schreckte zurück vor den damals in Israel ausgebrochenen theologischen Kämpfen, und im Besitze einer herrlichen Tenorstimme wählte er auf Anraten Snlzers in Wien den Beruf des Kantors. Er *) Dieser Artikel ist -entnommen aus: „Lebensbilder berühmter Kantoren", heraus gegeben zum 100. Geburtstage von Moritz Deutsch, Oberkantor der Breslauer Spnagogengemeinde, znm Besten der Hilsskasse für israelitische Kantoren usw. von Aron Friedmann. C. Boas Nachf., Berlin. Der Verfasser.

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