Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lesen, der die Geschichte der Juden -in Rußland und Polen von 1830 bis 1910 umfaßt: eine Geschichte selten unterbrochener Leiden, aber' zugleich der heldenmütigen Standhaftigkeit von Millionen Israeliten. Ihnen ging es noch am besten, wenn sie möglichst neutral blieben und sich bei sonst vaterländischer Betätigung bescheiden zurückhielten. Das „visajte moniti!" des Vergil gilt besonders für die Juden Polens. Was geschah in dem oben erwähnten Lublin während des Aufstandes von 1830? Philippson schreibt darüber: „Am schlimmsten erging es den Inden in der Stadt Lublin, die, mehrmals hintereinander, bald von den Russen, bald von den Aufständischen eingenommen wurde. Die Sieger kühlten jedesmal ihr Mütchen an den Juden, die sich persönlich mißhandelt, ihr Vermögen konfisziert, ihre Häuser niedergebrannt sahen." Und wie damals Polen und Russen, so bekämpfen sich jetzt in Lublin Polen und Ruthenen. Und auch damals hatten sich Juden in Polen um die national-jüdische Fahne geschart, und dafür behandelte man alle als Fremde. Man erklärte ihnen, man wolle ihnen behilflich fein, daß ihr eigener innerster Wunsch, das Reich Palästina wiederherzustellen, in Erfüllung gehe, aber zuvor müßten die Juden mithelfen bei der Wiederausrichtung der Unabhängigkeit Polens. So mancher Pole würde wohl dann gedacht Haben: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Aber sicher waren viele damals und sind auch jetzt der Meinung des großen nationalen Dichters Mickiewicz, daß Polen der Hilfe seiner jüdischen Bevölkerung bedürfe und daß man ihre Bestrebungen zur Erlangung der Emanzipation unterstützen müsse. Man führe die Juden aus ihrem wirklichen und geistigen Getto heraus, dann werden sie eines der besten ftaatserhaitenden Elemente sein. Und dieses Wort gilt nicht nur für die Juden Polens, sondern für die Juden der ganzen Welt. Die Juden können dazu mithelsen, wenn sie sich fest und einig zur endlichen Durchführung ihrer vollen Gleichberechtigung zusammenschließen. Jetzt oder nie ist die Zeit dazu g e k o in m e n! Der Freiheit Hauch durchweht mit Sturmesgewalt die ganze Welt, die Demokratie will den alten Gedanken verwirklichen: „Alles für das Volk, alles durch das Volt!" Und in dieser Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten müssen die Juden durch ihre tatkräftige Mitwirkung dazu beitragen, daß die alten Vorurteile gestürzt werden, daß den Juden die vollen menschlichen und staatsbürgerlichen Rechte unverbrüchlich für alle Ewigkeit gesichert werden und daß keine Macht der Erde imstande sein kann, ihnen jemals auch nur ein Titelchen davon hinwegzunehmen. Vor dem Areopag der Völker, der jetzt Zusammentritt, muß auch die Judenfrage endgültig und für alle Zeiten gelöst und geregelt werden. Alan denke nur an die prophetisch klingenden Worte des sterbenden Attinghausen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neires Leben blüht aus den Ruinen: Seid einig einig einig!" Dir Wache. B e r l i n , den IO. Dezember 1918. blutigen Vorgänge, die sich in Berlin am Abend des Jb * 6. Dezember abspielten, können die Folge eines bedauerlichen Mißverständnisses gewesen sein, stellen aber möglicherweise nur den Auftakt zu wiederholten und blutigeren Auftritten dar. Große Versammlungen, die am 8. Dezember stattfanden, ließen Schlimmes befürchten, glücklicherweise ist nichts vorgefallen. Tie aufreizenden Reden der Spartakus- Leute in Berlin, Putschversuche in München, die von denselben Gruppen herrühren, bereiten trotzdem auf das Schlimmste vor. So entsetzlich es auch ist, so muß man darauf gefaßt sein, daß die besonneren Elemente der Sozialdemokratie Ernst machen, um dem wüsten Treiben der Bolschewisten und der drohenden Anarchie selbst mit Waffengewalt ein Ende zu machen. Das muß um so mehr geschehen, als sonst der Ruin Deutschlands im Innern besiegelt und das Vaterland bedingungslos den Feinden ausgeliefert wird. Denn unsere auswärtigen Feinde brennen daraus, Deutschland zu vernichten und zunächst ganz zu besetzen. Die Milde, die Wilson walten Lassen zu wollen scheint, wird, wie man fürchten muß, an den unerträglichen Friedensbedingungen scheitern, die England und Frankreich Deutschland aufzuerlegen entschlossen sind. England fordert 180 Milliarden, Frankreich und Belgien verlangen den Aufbau beider Länder mit deutschem Geld und deutscher Arbeit. Beide Forderungen bedeuten eine Sklaverei Teutschländs aus mindestens ein Jahrzehnt, wenn nicht länger. Die vollkommene Auslieferung der deutschen Flotte, das freie Verfügungsrecht unserer Gegner über deutsche Hilfsmittel wie Kohle und Eisen verhängt einen vollkommenen Ruin über unser armes geknechtetes Vaterland. Die Besetzung großer Teile unseres ehemals herrlichen Deutschlands: Elsaß-Lothringens, der Pfalz und einzelner Teile des Rheinlandes zeigt, was wir zu erwarten haben. Tie Feinde betragen sich nicht als Lkkupationstruppen, die unsere Gebiete zur Sicherung ihrer Interessen eine Zeitlang besetzen, sondern spielen sich als Herren aus, die sich anschicken, sich in eigenem Lande wohl zu fühlen. In Elsaß-Lothringen werden die Deutschgesinnten, ja, wie es scheint, alle Deutschen ansgetrieben, deutsche Läden geplündert; die deutsche Sprache wird systematisch vernichtet. Ein Beispiel dieses Strebens muß hier erwähnt werden. Von dem vor kurzem ernannten Straßburger Rabbiner L e w h verlangte man, daß er die einziehenden französischen Truppen in französischer Sprache begrüße. Er weigerte s i ch d essen, gab seine Stellung auf und verließ das Land. Wir begrüßen dieses Vorgehen des Mannes, der ein geborener Elsässer ist, mit großer Anerkennung. So wenig wir sonst seinen Standpunkt teilen, so konstatieren wir mit Freude, daß er durch dieses Verfahren tapferen Mut bezeugt hat. Leider schwindet die Freude, wenn man das Benehmen der Deutschen im Westen und Süden betrachtet. In Bayern macht sich nicht nur das Widerstreben gegen die norddeutsche Führerschaft, sondern das Verlangen nach vollkommener Selbständigkeit geltend, wodurch eine Zerspaltung Deutschlands hervorgeruien würde; in der Pfalz, in Rheinland und Westfalen offenbaren sich, neben solchen Selbständigkeitsaetüsten auch die traurigsten Bestrebungen, sich an Frankreich anzuschließen. Wieweit solche Bemühungen hervorgerusen sind durch die Furcht des Zentrums vor der drohenden Trennung von Kirche und Staat, wieweit hier französische Machenschaften zu erkennen sind oder die, wie es scheint, unausrottbaren Sympathien einzelner rheinländischen Gebiete für den westlichen Nachbarn, ist schwer zu sagen; jedenfalls droht der Einheit Deutschlands, dem Bestand der deutschen Volksgemeinschaft die schlimmste Gefahr. Es ist gar nicht abzusehen, wie unser geliebtes Vaterland aus diesem Chaos herauskommen soll. Das fürchterlichste dabei ist, daß unsere auswärtigen Feinde es offen aussprechen, daß sie nicht gewillt find, mit den gegenwärtigen Machthabern etwas zu tun zu haben; sie wollen eine gefestete, aus dem Willen des ganzen Volkes hervorgegangene Regierung. Freilich nicht, um mit ihr zu verhandeln und sie oder das von ihr vertretene Volk in den Völkerbund aufzunehmen, wie die früheren gleißnerischen Verheißungen lauteten, sondern um