Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. SO Berlin, 13. Dezember 1918 eitungdes Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheime« Regierungsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Uuckolk Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. — Postscheckkonto 32<*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße tztz-gA, zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Eine Lehre der Weltgeschichte. VouSanitätsratDr. Scherbel. jyilljuli« (Ljssa i. P.). — Die Woche. — Moritz Deutsch. Zu seinem 100» Geburtstage, 10. Dezember 1918. Von Kgl. Musikdirektor Aron Friedmann. — Sacher-Masoch: Gettogeschichten. Von Ludwig Geiger. — Leitende Köpfe im neuen Ungarn. — Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes im neuen Ungarn. — Ein Mahnwort in letzter Stunde. — Miszellen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Dev Gemeittdebote fLeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, München, Köln, Mannheim, Wien. — Von Nah und Fern. Line Lehre strr Weltgeschichte. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa i. P.). <**4 üdische Warschauer Blätter bringen die Nachricht, daß \ 1400 jüdische Soldaten der öst-erreichischen Garnison von Lublin einen jüdischen Soldatenrat gebildet haben. Sie berichten aber auch von einer Volksversammlung, die das Zionistische Zentralkomitee in Warschau veranstaltet hat, wobei unter anderem ein Anrecht auf die Schaffung eines jüdischen Volkslebens aus autonomer Grundlage überall, wo Juden in größeren Gemeinschaften wohnen, besonders in Polen, verlangt wurde. Sie forderte die jüdischen Volksmassen Polens aus, durch die Schaffung eines Nationalrates einig und geschloffen in lden Kampf für die nationalen Rechte und die Befreiung einzutreten. Es entsteht die Frage, ob die Inden gut daran tun, in den nationalen Kampf mit einzutreten, der heute die ganze Welt in ihren Fugen erschüttert, und ob es überhaupt ihren Interessen dienlich war, daß sie in Rußland und in Pollen überall an der Spitze der politischen Bewegung gestanden haben. So wenig Nihilismus und Anarchie den angeborenen jüdischen Eigenschaften entsprechen, wie kommt es doch, daß sie in diesen radikalen umstürzlerischen Bestrebungen des Ostens eine so hervorragende Rolle gespielt haben, daß man wenigstens immer wieder aus jüdische Namen trifft, die mit Terrorismus, verbrecherischen Anschlägen, ja Mord in Zusammenhang gebracht lwerden? Es hat mit dem Judentum sicherlich nicht das geringste zu tun, es entspricht nicht dem jüdischen Geiste und Gemüte, aber es hat dem Judentum unendlich geschadet, es ist letzten Endes die Ursache der zaristischen Judenhetzen! und Pogrome gewesen. Man hat für die Taten einiger Hitz- und Gewaltköpfe alle Juden verantwortlich gemacht. Nichts vermag Völker und Reiche so sehr in Flammen zu setzen als die Aufrollung der nationalen Frage, aber durch sie zersplittern Staaten, die durch den monarchischen Gedanken wie von einem eisernen Reisen zusammengehalten worden waren, gleichsam unter wuchtigen Hammerschlägen in tausend Stücke und Atome. Was vorher stark, in sich fest geschloffen und mächtig war, wird nun schwach, ohnmächtig und Kein. Ein Bündel von Stäben, mögen sie noch so verschieden beschaffen sein, ist unzerbrechlich, aber die einzelüen zerbricht selbst eine schwache Hand. Und die zersetzenden Wirkungen des Nationalismus verdoppeln sich, wenn er sich mit der sozialen Revolution verbindet. Ob es ein Segen für die Welt gewesen ist, daß die nationale Differenzierung neben der sozialen Revolution auf die Tagesordnung gesetzt worden ist, wer will es jetzt entscheiden, wo wir erst am Anfänge dieser Bewegung stehen? Aber wenn sie selbst ruhige Völker in „Unruhen" versetzt, wie soll es erst bei solchen werden, die von Natur leidenschaftlich und zu explosiven Ausbrüchen geneigt sind! Daß zu diesen in erster Linie die Völker des Ostens zu rechnen sind, hat die Weltgeschichte und vor allem der Weltkrieg in offenkundiger Weise gelehrt. Der Panslawismus hat die Fackel geschleudert, welche den Weltbrand entfacht hat. In seinem „Demetrius" hat uns Schiller in die slawische Volksseele hineinschauen lassen. Es gibt wohl kaum ein Volk auf der Erde, das von dem nationalen Gedanken so bis in alle Tiefen durchwühlt und erschüttert worden ist wie das polnische. Die drei Teilungen Polens haben ihn nicht zu töten vermocht. Er schlief auch nicht, er wachte unter der Decke und — wartete. Klara Viöbig hat in ihrem Roman „Das schlafenlde Heer" ein packendes Bild davon entworfen. Aber auch das Deutschtum sieht jetzt wachenden Auges nach dem Osten hin, und die jüdischen Herzen sind beklommen und fragen sich: ,/Wie will das werden?" In einer Rede, die unser Landtagsabgeovdneter Landrat v. K a r d o r s s in diesen Tagen hier gehalten hat, hat er den polnischen Volkscharakter gezeichnet: „Man mag über die Polen denken, wie man will! sie haben ohne alle Frage gute Eigenschaften. Ihre Liebe zur Heimat, ihr Fleiß, ihre Tüchtigkeit, ihre Anspruchslosigkeit, ihre große Anhänglichkeit an die Kirche — wer will bestreiten, >daß das ganz ausgezeichnete, gute Eigenschaften sind. Aber eine Eigenschaft haben sie nicht: sie besitzen keine staatenbildende Krall, und das Polen an unseren- Grenzen, der neu entstandene Staat, wird in den ersten Jahrzehnten ganz sicherlich — und wahrscheinlich nachher auch — kein Staat der Ordnung sein, nein, er wird ein Staat der Anarchie sein, und es ist für uns in Posen ein undenkbarer Gedanke, daß wir unsere deutschen Volksgenossen einem solchen, doch jedensalls in den nächsten Jahrzehnten anarchischen Staatswesen überlaffen sollen." Dasselbe gilt für uns Juden in Deutschland, wenn wir an die Juden in Polen denken, falls sie anarchischen Zuständen überantwortet werden sollten, und die Gefahren, die ihnen drohen, dürften sicher nicht geringer werden, wenn die jüdischnationale Bewegung in Polen, das Bestreben, einen Staat im Staate zu bilden, weiter um sich greifen sollte. Die Geschichte Polens und der Juden in ihm ist in dieser Beziehung sehr lehrreich, und wer sich darüber genauer unterrichten will, der möge den dritten Teil von Professor Dr. Martin Philippfons „Neuester Geschichte des jüdischen Volkes"