Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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z das ist gerade für die hiesige Gemeinde um so wichtiger und bedeutungsvoller, als. es sich hier neben den gewöhnlichen Gemeindeangelegenheiten um die Mitarbeit an weitgehenden Wohlfahrtsaufgaben im Interesse des gesamten deutschen Judentums handelt, welche der Dessauer Jüdischen Gemeinde durch die große Millionenstistung der verewigten. Frau Baroninv. Cohn-Oppenheim übertragen sind. Bei Gelegenheit seiner erstmaligen Teilnahme an der Repräsentantensitzung sprach Herr Landesrabbiner Dr. Walter der Gemeindeverwaltung seinen Dank für die neue Gemeindeverordnung aus, deren Anregung und juristische Fassung dem inzwischen zum Mikgliede des anhaMschen Staatsrates ernannten Herrn Justizrat Tr. C oh n zu verdanken ist, und er gab der Hoffnung Ausdruck, daß bald auch in sämtlichen Gemeinden Deutschlands zur Förderung des religiösen Lebens ähnliche Bestimmungen getroffen werden, welche längst gehegten berechtigten Wünschen und Forderungen der Rabbiner entsprechen. München, 22. November. Die A b st a m m u n g des b ayeris -ch >e n> M i n isterPr ä s i d e rt> t e n K u r t E l s n e r wird von reaktionären Kreisen, die bis in die Reihen der alten fortschrittlichen Parteien reichen, als willkommener Anlaß zu antisemitischen Anrempelungen benutzt. Der „Bayer i s ch e K u r i e r" macht in wüster Judenhehe und spricht von« dem polnisch-jüdisch-^preußischeu Haus Eisner, das jetzt die Zügel in Bayern in die Hand genommen hat. Die „Münchener Post", das Organ der bayerischen Sozialdemokratie, bringt die Mitteilung, daß in einer liberalen Ausschuß sitzung am 9. November der bekannte fortschrittliche Abgeordnete Dr. M ü l l> e r (Hof) mit der Faust auf den Tisch geschlagen und geschrien habe: „Don den: galizischeu Inden Kurt Eisner lassen wir uns nicht regieren!" Ter jungliberale Abgeordnete Kohl habe dem Tr. Müller (Hof) Zuge stimmt. Auch in den Kreisen der Mehrheitssozialisten macht sich gelegentlich der Antisemitismens Luft. Denn einer der ersten, der gegen das Regiment Eisners Verwahrung einlegte, war der Mehrheitssozialist Schöneck, der in der Versammlung der christlichen Arbeiterschaft Münchens am 12. November die jüdische Abstammung Eisners beanstandete und erklärte: „In einem christlichen Staate wie Bayern könne kein Jude an der Spitze stehen, wir wollen keinen bayerischen Trotzki." Es ist die alte Geschichte, daß gerade die Männer, die sich am weitesten aus dem Judentum herausgestellt haben, stets als Kronzeugen gegen uns angeführt werden. Von l:x alten Gemeinbürgschast Israels ist nichts übriggeblieben als die Leiden, welche die Gesamtheit für die Taten der einzelnen zu tragen hat. — Lübeck, 22. November. Der Senat von Lübeck hat zu einer T r. - E p h r a i m -Adler-Stift u n g die Genehmigung erteilt. Die Stiftung ist errichtet zu Ehren des verstorbenen Arztes Dr. E. Adler, dessen Andenken nicht nur in seiner Vaterstadt, sondern auch in allen Kreisen der deutschen Judenheit in dankbarer Erinnerung fortlebt. Die Mittel zu der Stiftung sind von Freunden, Verwandten des Verstorbenen und von edlen Menschenfreunden aufgebracht worden und sollen durch Spenden und Beiträge immer noch weiter vermehrt werden. Die Stiftung tritt in diesem Jahre zuerst in Wirksamkeit. Die Stiftung bezweckt, leidenden Israeliten Beihilfen in barem Gelde zur Wiedererlangung ihrer Gesundheit zu gewähren. — Hannover, im November. Auf dem letzten Verbandstag der Alldeutschen in Hannover hat, wie seinerzeit mitgeteilt, der Verbandsvorsitzende Justizrat Claaß mitgekeilt, daß der geschäftsruhrende Ausschuß die Stellungnahme des Verbandes zur Judenfrage eingehend Prüfen und in der nächsten Vo rstand s sitz ung Vorschläge unterbreiten werde. Hierzu schreibt die Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im Deutschen Reich": „Das 'ist einigermaßen überraschend. Sollten die Alldeutschen eine Abkehr von ihrem antisemitischen Verhalten als zweckdienlich ansehen? Das ist zu unserem Bedauern nicht anzunehmen. Wovon sollte „Deutschlands Erneuerung" leben, wenn die Judenhetze aushören -sollte? Was würde aus der Monatsschrift „Auf Vorposten", dem schmähsüchtigen Organ des Verbandes gegen die Ueberhebung des Judentums, der sich in-, richtiger Selbsteinschätzung, aber falscher Orthographie, VIII nennt? Unsere Leser erinnern sich noch jener gassenantisemitischeu Rede, die Professor Tr. Edgar Meyer aus Innsbruck aus dem Volkstag in Sterzing gehalten hat. In Oesterreich war ihr Albdruck verboten. Das offizielle Organ des Alldeutschen Verbau des hat sie im Wortlaut verbreitet. Dieser Herr ist auf dem Hannoverschen Verbau dstag nicht vaix als Redner ausgetreten, er wurde sogar in den geschäftssührenden Ausschuß neu. 'hineingewählt, in denselben Ausschuß-, der die Juden frage eingehend prüfen soll. — Anderseits können dir Alldeutschennoch antisemitischer, als sie schon sind, nicht werden. Was plant -der Verband in der Judenfrage?" Schwei?. er. Zürich, 22. November. Eine lvenig bekannte j ü d i s che Bibliothek befindet sich hier iu Zürich. Das ist die sogenannte „Heidenheimsche Bibliothek" in der Zürcher Stadtbibliothek. Nach dem Tode des bekannten Samaritanerforschers Privatdozenten Dr. Heidenheim wurde auf Anregung des Herrn Professors und Pfarrers Konrad Furrer aus dem Nachlaß die gesamte Bibliothek desselben, soweit sie sich auf Semitica erstreckte, von der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, aus deren Mitte das dafür notwendige Geld anfgebracht wurde, angekauft und der Zürcher Stadtbibliothek als Geschenk übergeben. Dort befindet sie sich nun seit Jahren besonders -aufgestellt, mit besonderem, vorläufig noch 'ungedrucktem Katalog, für jedermann zur Benutzung frei. 3)lan findet in ihr eine reichhaltige Sammlung von Mischna-, Talmud- und Bibelexemplaren in teillveise sehr seltenen und wertvollen Ausgaben, alle Midraschim, wohl alle Schaalaus Utschuwaus (Gutachten) sowie wifsenschaftliche Bücher aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft, die ganze mittelalterliche Literatur des letzten Jahrhunderts, freilich für die neueste Zeit nicht mehr fortgeführt. Wer sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen will, findet hier reiches Material, sogar Handschriften sind vorhanden. Eine besondere Spezialität dieser umfangreichen Bibliothek sind Gebetbücher aus den verschiedenen Zeiten und nach den verschiedenen 'ttiterr, wohl noch größtenteils von dem berühmten Herausgeber der Gebetbücher, Wolf Heidenheim, stammend, dessen Familie der Zürcher Privatdozent angehörte. Länkmark. z. Kopenhagen, im November. Tie angesehene dänische Tageszeitung „Politiken" veröffentlicht, wie das hiesige Zionistische Bureau berichtet, unter der Ueberschrift: „Die Juden und Polens Wiedergeburt" einen Artikel, in dem es heißt: „. . . Die Frage der jüdischen Nation in Polen ist während der letzten 10 bis 15 Jahre durch viele Konflikte immer verwickelter geworden. Die herrschende K lasse in Polen führt einen an dauernden -erbitterten Kampf gegen die Anerkennung der jüdischen Natioualitüt als solche und g gen die Einräumung einer nationalkult-urellen Autonomie für die jüdische Bevölkerung, die in einem vereinigten Polen etwa 3 Millionen Menschen zählen würde . . . Ein unbezähmbar, r Judenhaß hat im letzten Jahrzehnt die bürger- | li-che polnische Gest ll sch aft beherrscht, die einen Vernichtungstämpf j gegen die Juden proklamiert hat, lvie er nirgends i-n der Welt seinesgleichen hat. Das Polnische Volk, das selbst zerspalten und zerrissen, ausgesangt undunterdrückt war, für sein nationales Dasein kämpfte und sich verzehrte, konnte kein Verständnis für ein and.res Volk aü-fbringen, das ein w fürchterliches Schicksal erlitt und dem als Verteidignngsmittel nur ein Appell an -die Kult urmenschheit übrigblieb. Von polnischer wie von jüdischer Seite sind schon viele Versuche gemacht worden, eine Verständigung zu erzielen. Aber diese Versuche konnten offenbar zu keinem Resultat führen, solange Polen selbst nicht mit der vollen Kraft seiner L-ungen atmen konnte, solange die nationale Heimstätte nicht geschaffen war. Das jüdische Volk, das selbst so -gro-ße Anstrengungen macht, um sich eine nationale Heimstätte zu schaffen, begrüßt -als eines der ersten die Wieder ei nrichtung -des ungeteilten polnischen Reiches und erwartet jetzt endlich die Lösung des langjährigen Konfliktes. Eine vollständige national-kulturelle Autonomie für die jüdische Bevölkerung Polens kann um so eher dnrchgesührt werden, ats auch der alte polnische Staat schon eine -solche Autonomie gekannt hat, natürlich im> Rahmen -der ehemaligen Staätsfo-rm. Das polnische Judentum hatte eine eigene Verfassung, -auf welche alle polnischen Könige seit dem 12. Jahrhrmdert und bis zum letzten König Poni-atowstiden Eid ublegten, wobei sie den Schutz der jüdischen Rechte gelobten. Die jüdi-che Verfassung - umfaßte damals nicht allein konfession-alle Al-gelegenheiten, sondern zugleich den ganzen Komplex von recht-