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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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575 endlich wollte er sie nicht persönlich beeinflussen, weil er fest überzeugt war. Daß der Hehre Gottesglauben auch ohne jede äußere Anregung sich entwickeln, heranreisen und wachsen werde. Aber welche Gründe er für sein Verhalten auch haben mochte, er machte es ihr klar, daß er in ihre Ehrlichkeit nicht den geringsten Zweifel setzte. Sie hatte ihre Proselytenprüfung so glänzend bestanden, daß sie es nicht verdiente, in ihrer Aufrichtigkeit verdächtigt zu werden, sondern in aller Zukunft von allen Prüfungen und Untersuchungen verschont zu bleiben. In den letzten Tagen hatte Ellen über diese Möglichkeiten nachgedacht, aber sie konnte nicht entscheiden, welcher sie den Vorzug geben sollte: sollte sie aus sein Vertrauen stolz sein oder seine Unwissenheit bemitleiden? Doch dieser Zweifel, anfänglich nur ein geringes Mißbehagen, hatte sich bald zu einer inneren Unruhe, zu einem förmlichen Aufruhr verdichtet, der mehr und mehr zunahm, je näher der Versöhnungstag herankam. Nicht minder beunruhigte es sie, ob sie nicht in ihrem Selbstvertrauen zu weit gegangen, ob sie nicht ihre Anpassungsfähigkeit überschätzt, als sie die wohlbekannte Heimat verließ, um ihr Heil in einer ganz fremden Gegend zu versuchen. Jetzt freilich war es zu spät, andere Maßnahmen zu ergreifen; auch nur die geringste Andeutung, daß sie in ihrem Seelenzustande eines Beistandes bedürfe, ja, daß sie überhaupt einen Seelenkampf durchzumachen hatte, würde er, in seinem unerschütterlichen Vertrauen zu ihr, mit Ungläubigkeit aufnehmen und ihr mit einem Lächeln begegnen. Bald jedoch sollte sie auch in dieser Angelegenheit Klarheit erlangen. Unerwartet, gleichsam in der zwölften Stunde, kam ihr der Zufall 31t Hilfe, um ihr Gewißheit über seine Gesinnung zu verschaffen. Der Versöhnungstag traf auf einen Donnerstag, und Klaßner hatte es so eingerichtet, schon am Mittwoch von der Redaktion wegznbleiben, da dieser Tag schon als ein Festtag betrachtet wird. Er hatte deshalb schon Dienstag vorgearbeitet, und Ellen erwartete erst spät seine Heimkehr. „Darf ich mir noch eine Zigarre anzünden?" fragte er gemütlich an diesem Abend nach beendeter Mahlzeit. „Aber gewiß, Liebling!" sprach sie lächelnd. Er griff in die Tasche, wo er aber die Hand eine Weile ruhen lreß, und als er sie wieder hervorbrachte, hielt er sie geschlossen, während sein Gesicht eine gewisse Spannung zeigte. „Einen Augenblick, Liebling," rief er. Er legte seine Hand ails ihre Augen und. sprach dann, wie -es bei dem Kinderspiel heißt: „Hier habe ich ein Ding, ein wunderschönes Ding. Sage an, wem gehört dieses Ding?" „Nicht doch," lächelte sie weiter, seine Hand wegziehend. Kaum aber hatte sie den Gegenstand in seiner Hand bemerkt, als sie ein lautes „Ach!" ausstieß, um blitzartig danach 31t greifen. Der Gegenstand, den er in der Hand hielt, war ein kleines, silbernes - Kränzchen. „Da.- da - hast du es," rief er noch immer heiter, während er es in ihren Schoß sinken ließ. „Liebling, warum regst du dich denn dabei auf? Alan könnte meinen, daß ich es verschlingen will! Ich fand es heute unter deinem Nähtisch, als sie ein lautes „Ach!" ausstieß, um blitzartig danach zu wiederzugeben, steckte ich es in meine Zigarrentasche. Hat es für dich denn irgendeinen besonderen Wert?" „Es ist das einzige Andenken von meiner lieben, verstorbenen Mutter," sagte sie beklommen und seufzend. „Darum aber solltest du es besser bewahren," sprach er freundlich. .. „Ich weiß aber gar nicht, wie es passieren konnte?" fuhr sie mit unruhiger Stimme und Miene fort, während die bebenden Finger das Kreuz umklammert, hielten. „Ich hielt es stets in meinem Arbeitskorb bewahrt. Sicherlich ist es mit wm: Zwirnrolle herausgefallen. „Wahrscheinlich," sprach er mit mehr Ernst, über ihre Aufregung nicht wenig verwundert. „Es ist nur gut, daß ich es gefunden und nicht meine Mutter, sonst wäre es dir für immer verloren." „Ich glaube, sie wäre vor Schreck in Ohnmacht gefallen." Klaßner zuckte mit den Achseln. „Es hat nun einmal jeder seine Anschauungen und Vorurteile." „Dg nicht auch?" Sie warf ihm dabei einen ängstlichen Blick zu. Mit niedergeschlagenen Augen schwieg er einen Augenblick ltnb sprach dann: „Ellen, wozu diese Frage?" „Ich meine hast hast - du es gewußt, daß daß - - ich es besitze?" „Nn —nein! Ich wußte es nicht", sprach er gedehnt. „Und da dll es jetzt weißt . . .?" fragte sie gespannt. Er streichelte ihr lächelnd die Hand. „Ach so! Darum ist mein kleines Frauchen so ängstlich! Du glaubst, daß ich etwas einzuwenden habe! Aber, mein Gott, ein Stückchen Metall! Für mich allerdings hat es nur den Sinn, daß auch leblose Dinge ihr Schicksal haben, und was früher ein Ausdruck der Verachtung gewesen, hat jetzt den Höhepunkt der Ehre erstiegen. Aber, Liebling, warum sollen wir uns diese herrliche Stunde, durch eine solche unerquickliche Unterhaltung verkümmern?" „Du hast recht. Aber ich bin doch froh, daß ich es behalten darf. Ich müßte dich eigentlich um Verzeihung bitten, daß ich dich nicht erst darüber befragt; aber der Anblick war mir doch von früher so vertraut, so zur Gewohnheit geworden, daß ich an die historische Bedeutung gar nicht gedacht. Und gar erst seit ich dich getroffen, war es für mich nur noch ein Erinnerungszeichen an meine verstorbene Mutter, das sie in ihren Händen gehalten, mit ihren Lippen berührt, und wenn . . Tränen erstickten ihre Worte und sie konnte nicht weitersprechen. „Aber, Ellen, Liebling, warum regst du dich denn auf? Ich mache dir doch nicht den geringsten Vorwurf und werde es auch nie hm." „Was aber soll," fragte Ellen, „deiner Mutter wegen damit geschehen?" „Neue Fragen mtb neue Rätsel?" rief er mit gemachter Verzweiflung. Sie achtete auf seinen Einwurf nicht imfc sprach mit wicdergewonnener Ruhe weiter: „Deine Mutter hat keine Ahnung davon, daher ist nur der Gedanke peinlich, ein Geheimnis vor ihr zu Haben urtb aus ihrer Unwissenheit einen Vorteil für mich 31t ziehen. Schon das Vorhandensein des Kreuzes in diesem Hause bedeutet einen Betrug gegen sie. Sollen nur daher die Toten ehren, indem wir gegen die Lebendigen sündigen?" Er nahm ihre Hände und blickte ihr tief in die Augen, die sie zu ihm aufgeschlagen hatte. „Ellen, du bist zu gut für mich!" sprach er gerührt. „Schmeichler!" rief sie mit feuchten Augen. „Damit aber kommen wir nicht über die Schwierigkeit hinweg." „Was gedenkst du also zu tun?" „Ich werde meine Tante bitten, daß sie es ssir mich anfbewahrt." Er vernahm den Seufzer, der diese Worte begleitete. „Ich wußte, daß du diesen Vorschlag machen wirst; aber ich möchte einen anderen machen, der uns beide besser befriedigen und auch alle versöhnen wird: Moses, Jesus, das Andenken deiner verstorbenen und das Vorurteil meiner lebenden Mutter: Wir lassen das Kreuz zu einem Anker umarbeiten."

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