Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 574

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229387--74491-3286989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iteil derselben ist in seiner >612 erschienenen Sammlung: „Dichter und Dichtungen" vereinigt. Sie beschäftigen sich, um die allgemein interessanten Teile hervorzuheben, mit Goethe, Fontane, Heinrich v. Kleist, und auch mit manchen modernen Dichtern. Denn das Charakteristische dieses emsigen Freundes und Erforschers der 'klassischen Epoche ist seine Empfänglichkeit für die neuere Dichtung, deren Wesen er verständnisvoll >zu würdigen weiß. Aus seiner Tätigkeit am Märkischen Museum, in der er wissenschaftliche Grundsätze mit Geschmack durchzuführen wußte, ging ein eindringliches Studium des alten Berlin hervor, dein wir manchen schätzenswerten Beitrag verdanken. Vor allem wichtig ist sein Werk über Goethes Selbstzeugnisse über seinen Faust (1899), eine außerordentlich reichhaltige Zusammenstellung, aus der auch für den Nichtfachmann das Werden dieses Riesenwerkes aus den Bekenntnissen des Dichters selbst verständlich wird. Der gründliche, selbständige Forscher versteht es, die Resultate seiner Denkerarbeit in schlichter und anmutiger Form vorzulegen. Wir dürfen uns freuen, daß ein so tüchtiger Gelehrter, ein so gediegener Vevwaltungsbeamter, ein anspruchsloser, bloß seiner Arbeit ergebener Forscher, unseren Reihen entstammt und unserer Gemeinschaft treu geblieben ist, und wünschen ihm, der bald die Sechzig erreicht hat, langes Leben und reiche Erfolge seiner unermüdlichen Tätigkeit. L. G. SZS3 Jedem das Leintge. s 22. Forts.) Roman von M. P u l v e r m a n n. der am nächsten Morgen ging sie nicht nach dem Gotteshause. Chase Rachel, bei der die Andacht und die Verzückung noch nachwirkte und die eilfertig das Frühstück auftragen wollte, war . in der Küche hingestürzt und hatte sich dabei den Fuß verrenkt. Es war keine lebensgefährliche Verletzung, wie der Arzt" bemerkte, nur mußte der Fuß einige. Tage geschont werden. Chase Rachel natürlich wütete und lärmte und fragte den erstaunten Arzt, ob er es vor seinem Gewissen verantworten könnte, ihr an einem solchen heiligen Tage den Besuch des Gotteshauses zu verbieten! Und als dieser bei seinem Ausspruch verblieb, erklärte sie kurz und bündig: Fuß oder nicht Fuß, Arzt oder nicht Arzt, sie werde nach dem Tempel gehen. Natürlich ging sie aber nicht, da jeder Schritt ihr große Schmerzen verursachte. Ebenso natürlich war es, daß auch Ellen zu Hause blieb, um die Kranke zu pflegen und sich den häuslichen Aufgaben zu widmen. Ellen konnte eine gewisse Befriedigung nicht unterdrücken, da sie dadurch bessere Gelegenheit fand, noch mehr ihren eigenen Gedanken nachhängen zu können, die doch, wie Chase Rachels Bein, ebenfalls verzerrt und verrenkt waren. Was konnte sie auch morgen von einer Wiederholung im Tempel erwarten und erhoffen, wenn schon der erste, frische Eindruck, dem sie doch mit so großer Spannung entgegengesehen, keinerlei Spuren hinterlassen? 17. Men hielt Wort, keine Fragen zu stellen und keine Schlüsse zu ziehen, sonst wäre sie durch die Bereitwilligkeit, mit der sie sich am Ausgang des Festes der alltäglichen Beschäftigung hingab, in neue Zweifel geworfen worden. Die natürliche Folge ihrer Aussöhnung mit ihrer Schwiegermutter war, daß ihr fortan auch gestattet wurde, sich etwas ausgiebiger mit der: Küchenangelegenheiten zu befassen. Sie wußte, daß die Zeit zwischen dem Neujahrsfeste und dem Versöhnungstage tue sogenannten Bußtage waren: eine Periode, in der man sich für den Ernst des großen, erhabenen Tages vorbereiten mußte. Die Weihe und Heiligkeit dieser Tage, die das ganze Haus mit tiefem Ernst erfüllten, blieb ihr nicht verborgen, da die Alte mit Wort und Tat es ihr unaufhörlich zum Bewußtsein brachte, nicht minder auch die beständig gemurmelten Gebete, durch Verzicht aus Fleischgenuß während der Wochentage, besonders aber durch ein stilles, sanftes Benehmen, sogar gegen die Scheuerfrau, die in Anbetracht ihrer Erfahrungen mit Chaje Rachels Temperament diese kaum wiedererkannte. Ellen aber, gewollt oder ungewollt, blieb bei ihrem Vorhaben und vermied jede Frage. Vielleicht auch war sie zu diesem Verhalten durch einen andern Gedanken veranlaßt, der sie stark beschäftigte: das Schicksal des Buches. Es waren bereits vierzehn Tage vergangen, seit der Verleger es erhalten, und die Entscheidung tonnte jeden Augenblick eintreffen. In der ersten Woche versuchte Klaßner eine mühselig aufrechterhaltene Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen: jetzt aber, da er eingesehen, daß es kindisch war, mit sich selbst Versteckens zu spielen, suchte er sein Gleichgewicht dadurch wieder zu erlangen, daß er Ellen zum Ableger seiner Hoffnungen und Zweifel machte. Ellen natürlich war mit voller Sympathie und mit ganzem Herzen bei der Sache, um seine Hoffnung zu bestärken, seine Zweifel zu bejeitigen. Das waren kosibare Stunden, wenn sie des Abends ans den breiten Parkwegen, Hand in Hand, wandelten, die schöne Verlobungszeit in der Erinnerung nochmals durchlebend, wobei natürlich das Buch das Hauptthema bildete. Beide kannten sie es fast auswendig und sprachen bald über diesen, bald über jenen Satz, jede schöne Stelle durchkostend, einer den andern durch Zuversicht ausrichtend, so daß sich der Gedanke des unumstößlichen Erfolges bei beiden festsetzte. Absichtlich blieben sie an jedem Abend etwas länger fort, um dem Briefträger noch etwas mehr Zeit zu lassen, um aber auch eine etwaige Enttäuschung noch etwas hinauszuschieben, die ihnen immer in Gestalt des leeren Briefkastens entgegenstarrte. Innerlich waren sie jedesmal froh darüber, da ihnen noch mehr Spielraum für ihre Hoffnung blieb. In Ellens äußerem Benehmen gegen ihren Gatten würde auch der aufmerksamste Beobachter nicht das geringste Anzeichen ihres inneren Kampfes wahrgenommen haben, weil sie zu dem festen Entschluß gekommen war, beide Sachen, Gatte und Religion, nicht voneinander abhängig zu machen. Warum auch sollte ihre religiöse Unfruchtbarkeit die Gefühle für den Gatten beeinflussen? Sie hatte nie daran gedacht, daß ihre Zusammengehörigkeit mit ihrem Manne sich zu einer seelenerhebenden religiösen Kraft erweisen sollte. Im. Gegenteil, sie war bestrebt, das religiöse Moment bei ihrer Liebe auszuschalten. Es war doch nur logisch, daß sie den inneren Konflikt so unpersönlich wie möglich gestalten mußte. Religion war eine Angelegenheit, die sie nur zwischen Gott und sich abmachen konnte, die aber nicht durch irdische Rücksichtnahme noch komplizierter und verwickelter werden durfte. Und Klaßner erleichterte ihr dies. Seit ihrer Verheiratung hatte er nur selten die Verschiedenheit der Religionen mit ihr erörtert. Voller Begeisterung hatte er ihr damals die Vorzüge seiner Religion erklärt und sowohl die ethischen Lehren wie auch die unbedeutend erscheinenden Gebräuche ihr erläutert. Weiter aber ging er nicht. Er befragte sie nicht über ihre Anschauungen und er vermied es geflissentlich, nähere Erörterungen anzustellen. Vielleicht tat er es aus Zartgefühl, in dem Bewußtsein, daß sie gewiß noch manche Erinnerung erst überwinden mußte; vielleicht auch war es das Widerstreben des strenggläubigen Inden, seinen tief eingewurzelten Glauben durch irgendwelche Redekünste zur Schau zu stellen; vielleicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.